Stage for Peace Festival: Organisatorin Maria Bahn im Interview

MONTAG, 9. DEZEMBER 2019



Das Stage for Peace Festival, das in diesem Jahr zum vierten Mal stattfindet, ist kein Festival wie jedes andere. Maria Bahn und ihr Team haben quasi aus dem Nichts eine beachtliche Charity-Veranstaltung aus dem Boden gestampft, die Organisationen in der Flüchtlingshilfe unterstützt. Dafür verzichten Bands auf Gage und der Z-Bau auf Miete. Im Interview erzählt uns Maria, wie das alles kam und warum das Geld in diesem Jahr an die Samos Volunteers geht. 

Die Idee für Stage for Peace kam dir als dein Balkanurlaub mit der sog. Flüchtlingskrise 2015 zusammenfiel. Kannst du das Gefühl beschreiben, die Motivation, um aktiv zu werden?  

Da wir durch den nördlichen Balkan reisten waren wir meist nicht direkt von den Geschehnissen betroffen. Nur in Budapest und Wien bekamen wir einen kleinen Einblick in die Situation. Aber hinter uns wurde jede Grenze geschlossen und erstmals das Schengenabkommen außer Kraft gesetzt. Für uns war das ziemlich absurd, da wir zu der wahrscheinlich ersten Generation gehören, die in einem „grenzenlosen“ Europa und einem Deutschland ohne Mauern aufgewachsen ist. Noch absurder wurde die Situation für uns mit dem Wissen, dass wir durch unseren Deutschen Pass trotzdem noch relativ frei weiterreisen und immer wieder zurück können. Aber all die Menschen, die vor Terror und Krieg flohen, wurden hinter Grenzen in Lagern festgehalten. Die Freiheit und Sicherheit welche sie suchten und welche für uns so selbstverständlich ist wurde ihnen weitestgehend verwehrt.  Ich konnte und kann diese Ungleichheit einfach nicht akzeptieren oder verstehen daher musste ich aktiv werden. Irgendetwas tun damit sich etwas ändert oder wenigstens nicht vergessen wird. Dieser Drang des Aktionismus hat mich dazu gebracht Stage for Peace ins Leben zu rufen und als Volunteer in griechischen Geflüchtetencamps zu gehen. Durch diese Arbeit sind das Gefühl und die Motivation dahinter deutlicher und intensiver geworden. Ich versuche mir stets bewusst zu machen, wie frei wir eigentlich sind, wie wichtig diese Freiheit ist, aber vor allem wie verletzlich und eben nicht selbstverständlich.  

Wie konkret waren eure Vorstellungen von dem Festival damals?  

Die Idee war zu Beginn eher die eines Konzertabends mit ein paar Bands in irgendeiner Location, die sich auch irgendwie findet. Wir hatten ja alle eigentlich keine Ahnung vom Veranstalten. Wie daraus dann auf einmal ein Festival wurde, weiß ich bis heute ehrlich gesagt nicht. Es war vermutlich eine Mischung aus sehr viel Bock, 18-jährigem Größenwahn und Naivität, was manchmal auch einfach nötig ist. 

Ihr sammelt in jedem Jahr Spenden für Flüchtlingshelfer*innen. Dafür verzichten Bands auf Gage und der Z-Bau auf Miete. War es am Anfang schwer, die Leute von dem Konzept zu überzeugen? 

Eigentlich nicht. Der Z-Bau war sofort bereit uns zu unterstützen und hat uns gerade beim ersten Festival auch organisatorisch ordentlich unter die Arme gegriffen, da wir ja eben keine Erfahrung hatten. Und auch die meisten Künstler*innen sind offen für unser Konzept, gerade die aus der Region. Häufig ist es schwieriger bekanntere, überregionale Acts zu kriegen, da diese oft versuchen wirklich von der Musik zu leben und da ist es nicht so einfach mal eben auf die Gage zu verzichten – dass dann Acts wie Blackout Problems oder dieses Jahr The Whiskey Foundation zusagen ist für uns umso besonderer.  Selbstverständlich ist all dieser Support für uns auf jeden Fall nicht! Im Gegenteil,  wir sind umso überraschter und erfreuter, dass mittlerweile auch Acts auf zu uns kommen und bei uns spielen wollen!   

In diesem Jahr gehen die Einnahmen von SfP an die Samos Volunteers auf der gleichnamigen griechischen Insel. Warum gerade an diese Initiative?

Samos gehört zu den griechischen Ägäisinseln vor der türkischen Küste. Auf den meisten dieser Inseln gibt es seit Jahren komplett überfüllte Camps für Geflüchtete, gerade seit dem EU-Türkei-Deal. Die Menschen leben dort in überfüllten Containern oder in Zelten, welche Starkregen und Kälte im Winter, sowie extremer Hitze im Sommer ausgesetzt sind. Müll, Nässe und prekäre hygienische Bedingungen ziehen Ratten und Ungeziefer an. Privatsphäre gibt es nicht und auch eine medizinische Versorgung kann kaum gewährleistet werden. 35% der derzeit ca. 36.000 in diesen Lagern zusammen gepferchten Menschen sind Kinder – 20% davon unbegleitet. Durch den EU-Türkei-Deal, welcher theoretisch die Lage entzerren sollte, sitzen die Geflüchteten dort fest. Während weiterhin Menschen den Weg über das Meer von der Türkei auf die Inseln nach Europa suchen, werden dort gleichzeitig Asyl-InterviewTermine frühestens für das Jahr 2021 ausgestellt.  Auf Samos leben derzeit in einem Camp mit einer offiziellen Kapazität für 650 Menschen über 6.000 Menschen. Anfang November brach dort zudem ein Feuer aus und zerstörte einen Teil des Camps, wodurch einige Menschen gerade völlig schutzlos sind. Samos Volunteers ist eine der wenigen Organisationen, welche vor Ort hilft. Mit diversen Angeboten, gerade im Bereich Bildung, in ihrem Communty Center, aber auch im Camp bieten sie den Menschen dort Beschäftigung und Ablenkung, was super wichtig für die psychische Gesundheit ist. Außerdem bieten sie eine Rechtsberatung und Rechtsbeistand im Asylverfahren an und die Möglichkeit (für über 6.000 Menschen) Wäsche zu waschen. Gerade in solchen extremen Notsituation wie bei dem Feuer ist Samos Volunteers unfassbar wichtig für die Menschen und leistet Krisenhilfen in unterschiedlichsten Bereichen. Mit ihrer Arbeit bringen sie ein Stück Menschlichkeit in das Camp und auf die Insel zurück. Obwohl die Situaution schon sehr lange so prekär ist, schaut kaum jemand hin und genauso wenig wie die meisten die Insel Samos oder die Lage für die Geflüchteten dort kennen, kennt man die Organisation. Daher ist es uns ein Anliegen diese eher kleine Organisation zu unterstützen und sie, sowie die dortige Situation den Menschen hier etwas näher zu bringen.  

Magst du etwas darüber sagen, wie viel Geld in den vergangenen Jahren zusammengekommen ist?

Auf mittlerweile zehn Konzerten kamen ca. 6.000 € zusammen, die wir an verschiedene Organisationen spendeten.

Zuletzt: In vier Jahren Stage for Peace, was war die schönste Überraschung für dich?

Puhh, das ist schwer zu sagen – Stage for Peace hat mir in den letzten Jahren auf jeden Fall sehr viele schöne und vor allem berührende Momente beschert. Aber ich glaube wirklich die schönste Überraschung war, dass gleich beim ersten Festival Blackout Problems zugesagt haben. Die Band ist schon sehr lange prägend für mich und gerade zu der Zeit hat mich ihre Musik stark dazu motiviert Stage for Peace überhaupt erst zu gründen und dran zu bleiben. Als dann die Zusage kam – für ein Festival, das es davor noch nicht gab und welches von absoluten Laien organisiert wurde – da war ich schon ziemlich überwältigt. 


STAGE FOR PEACE
Freitag, 13.12., Z-Bau.
Mit: The Great Park, Cosma Joy, Average Pizza, Sky Blue Skin, la-boum und The Whsikey Foundation

https://www.facebook.com/events/387311051941613/




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