Buchtipp - Der Störrische Karpfen

DONNERSTAG, 5. DEZEMBER 2019

#Buch, #Buchtipp, #Krimi, #Leseprobe, #Literatur

Anja Bogner – Bülent Rambichler und der störrische Karpfen / curt empfiehlt: Macht am Wochenende doch mal einen Ausflug nach Strunzheim. Es scheint ein heißes Pflaster zu sein, bevölkert von allerlei ulkigen, liebenswerten bis gefährlichen Gestalten. Strunzheim, nie gehört? Ja okay, den Ort gibt es nicht, er ist ein Einfall der mittelfränkischen Autorin Anja Bogner und das Setting ihrer Regionalkrimis. Bülent Rambichler ermittelt zum zweiten Mal.

Das Opfer stammt aus Strunzheims höchsten Politkreisen, der Bubblers Schorsch, zweiter Bürgermeister und Fischerkönig, ist mausetot. Und in Verdacht gerät ausgerechnet Erkan Rambichler, der Vater des Kommissars … Wer jetzt angefixt ist und den Karpfen lesen möchte, der kann sich schon mal an der Leseprobe versuchen .… Kost ja nix.

KAPITEL 1
DIE FRÄNKISCHE PO-EBENE
 
„No woman no cry – ka, Weiber ka G’schrei!“, tönte es dreistimmig in die Herrgottsfrühe Stille hinein. Es war schon ein äußerst kurioses Gespann, was da pünktlich zur Morgendämmerung auf einem schwer definierbaren, psychedelisch eingefärbten Gefährt mit Wimpeln durch Strunzheim zuckelte. Der Geiger Franz auf seiner Flunzn, einer Schwalbe aus Ostbeständen, und hinten dran genagelt ein ausgedienter Zwillingskinderwagen, der genau die richtige Größe hatte um zwei eineiige über 80jährige Schwestern in Hobbitgröße komfortabel zu transportieren. Eine fränkische Rikscha halt. Die Walder-Zwillinge Erna und Traudl saßen jedenfalls hinten drin wie die Queen in doppelter Ausführung, und so manch einem Hahn, der sich gerade aus den Federn quälte, blieb glatt die Spucke weg, bei diesem absonderlichen Anblick. Generell war man im Dorf eh aufs Äußerste verwundert über diese merkwürdige Combo aus alt und halb so alt, die sich da gefunden hatte und fast schon kommunenartig zusammenhing. Sogar seit kurzem im Geigerischen Anwesen zusammen wohnte. Nicht selten wurde Franz hinter vorgehaltener Hand als der Rainer Langhans aus Franken betitelt, der sich ganz klar erbschleichermäßig bei den Walders einschleimte. Warum auch sonst sollte man sich mit diesen zwei, allerweil recht zundigen Biestgurken einlassen, wenn nicht zwecks der Kohle. Franz war das ganze Gerede um seine Person wurscht. Spätestens in ein paar Wochen würden sich neue Opfer finden, über die sich die dörflichen Inquisition hermachen würde. Bis dahin hieß es einfach Augen zu und durch. Das hatte ihm schon seine selige Mutter beigebracht, und er war schon immer gut damit gefahren. Und momentan fuhr er eben die Walders, wie jeden Samstagmorgen zu ihrer – nennen wir es mal – medizinischen Anwendung ohne Rezept.

„Etz Dampfer gib halt Gummi, die Brüh kocht ja bis mir da sind!“ , plärrte es ungeduldig gegen sein Rückgrat. Er grinste. Jeden Tag das gleiche Theater. Und dann noch dieser Spitzname – Dampfer, so ganz hatte er sich noch nicht daran gewöhnt. Seit er aber halt nicht mehr soff, sondern nur noch hin und wieder einen starken Dübel durchzog und zudem noch eine Eins-A-Pflanzenzucht hatte, war er nach der allgemeinen Strunzheimer Meinung eben kein Suff mehr, sondern ein Dampfer. Da waren sie konsequent, seine lieben Mitbürger. Freilich hätte man ihn auch ganz einfach Franz nennen können oder Geiger, aber wer wollte sich darüber schon den Kopf zerbrechen. Wo der doch grad jetzt mal wieder in so einen wunderbar bewusstseinserweiternden Nebel gehüllt war.

„Wennst so weiter schleichst, dann können mir mit unseren Krampfadern bald einen Pullover stricken, weil sich die vermehren wie die Fliegen“, frotzelte Erna aufs Neue auf ihn ein.
„Und du wenn du weiter so keifst, kannst deine Kekse in Zukunft mit Sauerampfer backen“, konterte Franz schlagfertig und erntete ein meckerndes zweistimmiges Lachen.
Ja, sie hatten sich schon irgendwie gern die drei. Franz war der Einzige, der so mit den beiden Walders reden durfte. Jeder andere hätte längst eine deftige Watschn kassiert. Lag wahrscheinlich schon auch daran, dass Erna und Traudl noch das schlechte Gewissen plagte, zwecks des unsäglichen Spektakels im letzten Sommer. Da stand er tagelang unter Generalverdacht, die Gelbwurschpflunzn heimtückisch dermeuchelt zu haben. Vor allem die Walders hatten nichts unversucht gelassen, ihm diese Tat nachzuweisen. Das kam natürlich nicht von ungefähr. Er war in jenen schweren Zeiten ein ziemlich derhauter Kerl gewesen.
Jeden Tag am Promilletropf, und wenn nicht aggressiv verkatert, dann besoffen bis unter den Kragen. Da konnte man schon mal Böses vermuten. Und Erna war von jeher schnell dabei, den moralischen Zeigefinger zu heben. Nicht einmal vor Selbstjustiz scheute sie zurück. Noch heute erinnerte ihn die Narbe an seinem linken Bein schmerzhaft daran, wie ihn die Alte mit ihrer 73ger Opel Kadettschleuder von der Flunzn katapultiert hatte. Mit voller Absicht – eh klar. Aber der Fall wurde ja dann Gott sei Dank rasch aufgeklärt von seinem alten Kumpel, dem Rambichler Bülent, der sich seitdem auch nicht mehr blicken hat lassen, die feige Sau.
Schiss hat er von der Erna, da war sich Franz sicher. Weil er ihr ihr Auto samt Fahrerlaubnis für immer entzogen hatte, der Depp. Dabei hatte sie eh schon lang  gar keinen Führerschein mehr gehabt und ist immer schwarzgefahren. Er hätte halt einfach bloß seine Augen vor der Realität verschließen müssen. Hat er aber nicht und so war er jetzt Staatsfeind Nr. 1, zum walderschen Abschuss freigegeben. Aber was sollt schon passieren. Erna hatte zwar gedroht den Rambichler, den aufgestellten Mausdreck, ungespitzt in den Boden nei zu hauen, sollte er ihr noch einmal unter die Augen treten, aber er und vor allem sein besonderes Kraut waren ja auch noch da. Nach einer starken Friedenspfeife sah die Welt schon ganz anders aus. So war es auch zwischen ihm und den Zwillingen gelaufen. Fett im Dampf gehüllt, den Bob Marley im Ohr, hatten sie sich nach der Aufklärung der ganzen Mordsgeschichte ewige Freundschaft geschworen. Man war sich ja im Grunde auch recht ähnlich im Herzen. Stets auf Revolution aus und grundsätzlich gegen alles, was die örtliche und sogar die staatsmächtige Ordnung so vorsah. Die drei schwebten jedenfalls auf einer gemeinsamen Wolke dahin, und wenns nach der Traudl ging, würde wahrscheinlich sogar noch ein bisschen mehr für Franz drin sein.
Ständig faselte die liebestolle Alte etwas von der Klum, dass die sich ja auch gar nichts scheißen würde und völlig hemmungslos mit so einem Teenagerbub herumhantierte.
„Des darf man heut alles nicht mehr so eng sehen“, resümierte sie liebestaumelig ein ums andere Mal, während sie, sooft sich die Gelegenheit bot, imaginäre Fussel von seinem Hintern kratzte.
„Ach ja“, seufzte Franz zufrieden. Das Leben war schon irgendwie recht schön, vor allem, wenn man es zu leben wusste. Rasant bog er jetzt in einen kleinen Feldweg ab, der zu den Dorfweihern führte. Die Zwillinge wurden dabei schon arg durchgeschüttelt und kreischten vor Vergnügen. Auch beim abbremsen ließ der Geiger keine Gnade walten und den Alten verzog es glatt ein wenig die blasslila Dauerwelle. „Meine Damen, willkommen im Wellnessparadies Strunzheim“,  säuselte er und hielt den beiden galant die Hand hin um beim Aussteigen behilflich zu sein.
„Du bist mir schon so ein Lumpersler.“ Erna lächelte ihn liebevoll an und kniff ihn in die Wange. „Aber etz tust gefälligst dei Griffel weg, weil sonst batschts. Ich brauch doch noch keinen Zivi, der ständig an mir rumkoordiniert.“ Zum Beweis ihrer allgegenwärtigen Fitness krabbelte sie rücklings aus dem Wagen, wobei sich der Stoff ihres türkisfarbenen Frotteejoggers schon arg strecken musste, um bei ihren äußerst ausladenden hinteren Regionen noch alles beinander zu halten.
„Geh Erna, der wollte doch nur ein Gentleman sei, gell, Dampfer?“ Traudl hielt Franz geziert die Hand hin und bedachte ihn mit einem Augenaufschlag der Sündiges vermuten ließ.
„Traudl, etz spinn die aus und kumm endlich. Langsam wird's Zeit, dass mir unsere Füß ins Wasser bringen, bevor noch so ein Petri-Bruder daherkommt und bled daher red“, fuhr Erna ihre Schwester an, die daraufhin schmollend gen Weiher hinterherstapfte.
„Ich wart dann hier auf euch“, rief Franz ihnen hinterher und drehte sich genüsslich sein zweites Frühstück. „Passt aber fei auf, dass ihr mir ned dersauft.“
Erna hob drohend ihren Zeigefinger. „Du, gell, ned frech werden Bürschler. Wir sind ja nicht zum Tauchen da, sondern zum Kneippen.“ Und so einfach wie effizient war das dann auch tatsächlich. In Ermangelung eines Strunzheimer Kneippanlage hatten die Zwillinge nämlich kurzerhand für sich entschieden, dass es auch anders ging. Und seitdem badeten sie ihre Krampfader durchzogenen Glieder zwar selten in Unschuld, aber dafür in den Fischkästen, in denen sich, die zum Abschuss freigegebenen Karpfen und Forellen tummelten. Weil es sich halt zwecks der Temperatur so gut ausging und so schön kitzelte. Der durchaus berechtigte Protest der Fischer, ging ihnen dabei gänzlich am Allerwertesten vorbei.
„Denen haben’s doch ins Hirn g’schissen, diesen Wurmschubsern“, lautete Ernas einziger Kommentar dazu, wenn man sie mal wieder freundlich dazu aufforderte, doch bitte ihre gichtigen Haxn wo anders nei zu halten. Sonst würden am End noch die Fisch schwerst traumatisiert daherkommen. Und so ein Viech mit Hinrschaden frisst doch keiner mehr. Hatte man doch damals schon am Rinderwahnsinn gesehen. Ein durchaus schlüssiges Argument, aber für die Walders kein Grund, sich in ihrem körperkultigen Treiben aufhalten zu lassen.
„Du, Erna, schau mal, was hängt denn da aus unserem Kasten raus? Ist des, ja, was ist denn des?“ Traudl blieb abrupt stehen und umklammerte, nichts Gutes ahnend, den Arm ihrer Schwester. Erna zwickte die Augen zusammen um besser sehen zu können und bei dem was sie sah schwoll ihr dann auch augenblicklich der Kamm.
„Ja so ein Saubär“, zürnte sie. „Dem werd ich jetzt aber was verzählen, Traudl lass mich los.“
Doch die Jüngere der beiden dachte gar nicht daran, den Schraubstock zu lockern. „Du am End ist des so ein Perverser, der es auf uns abgesehen hat. Gibt ja so viele wilde Leut heutzutage, erst gestern hab ich wieder in der Zeitung …“
Ihr Zwilling schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab. „Ist mir egal was du gelesen hast. Ich geh da jetzt hin und dann schlägts dreizehn, des garantier ich dir. So gehts nämlich auch nicht.“ Im Endeffekt schlug es dann freilich gar nichts mehr. Weil was will man einem Toten schon sagen. Und, dass der Kerl, der da nackert bis auf die Wurscht und kopfüber im Fischkasten hing, nur seine Haferlschuh samt Trachtensocken an den Füßen, nicht mehr lebendig war, sah man auf den ersten Blick. Fast schon andächtig standen die Zwillinge und Franz, den Erna mit einem lauten Brüller aus seiner persönlichen Komfortzone gerissen hatte, neben der Leiche und betrachtete sie. Man war ja mittlerweile Leute, die irgendwo im Dorf unlebendig herumlagen gewöhnt, demzufolge hielt sich der Schock bei allen ihn Grenzen. Schlussendlich waren die drei auch gleich dahinter gekommen, wer da so völlig schamlos herumhing. Schließlich gab es nur einen solariumverbruzzelten Adonis in ganz Strunzheim.
„Dass es jetzt ausgerechnet den Bubblers Schorsch derwischt hat.“ Erna kratzte sich nachdenklich am Kopf.
„Ja ausgerechnet“, wiederholte Traudl. „Der war doch noch keine Fünfzig ned.“ Ihrem Tonfall war zu entnehmen, dass sie es jetzt schon arg schad fand, dass der liebe Gott so ein schönes Exemplar von einem Mannsbild von der Weide und somit aus ihrem Blickfeld pflücken musste. Der Bubbler Schorsch alias Georg Gmeinwieser war aber auch eine kleine Berühmtheit im Ort.
Als zweiter Bürgermeister in dritter Generation – nie Erster, weil ganz zum Deppen wollte man sich dann doch nicht machen – und Chef der größten Gärtnerei im Landkreis war er allgegenwärtig und tatsächlich so etwas wie beliebt. Vor allem, weil er gerne mal höchst spendabel einen kostenlosen Rausch finanzierte. Für Franz war es einfach ein gewiefter Depp, der das Glück hatte, aus der richtigen Familie zu stammen, und seinen wenige schmeichelhaften Spitznamen nicht von ungefähr hatte. Weil er halt als Kind allerweil die Finger tief in seiner Nasen vergraben hatte und, pfui Teufel, alles gefressen hatte, was die Höhle so hergab. Schlimmer noch, sich sogar Vorräte für schlechte Zeiten unter seiner Schulbank zusammengewutzelt hatte. Kurzum: ein damischer Kerl, der sich als eloquenter Mann des Volkes verkaufte und es gekonnt um den Finger wickelte. Ein Blender vor dem Herrn halt.  Leider stand Franz mit dieser Meinung ziemlich alleine da. Oder auch nicht, dachte er jetzt bei sich, weil zumindest einer, musste in Ansätzen auch massiv etwas gegen den Bubblers Schorsch gehabt haben. Nämlich derjenige welche, der seine Meinung auch noch für alle sichtbar und für alle Zeiten auf dem durchaus sehr knackigen Po des Toten hinterlassen hatte. Da stand nämlich, tief in die Haut eingeritzt und in großen, unschmeichelhaften Lettern einfach nur: ARSCH!


BÜLENT RAMBICHLER UND DER STÖRRISCHE KARPFEN
Ein Provinzkrimi – aus, von, für Franken.
Bei BTB, Taschenbuch 10,- / 320 Seiten / ISBN 978-3442718825


DIE AUTORIN
ANJA BOGNER
geboren 1977 und eine waschechte Mittelfränkin. Aufgewachsen ist sie in einem kleinen Dorf im fränkischen Seenland. Nachdem sie mit 20 Jahren der katholischen Landjugend entwachsen war - bzw. es der Gesundheit zuträglicher war, die Biege zu machen - zog es sie nach Nürnberg. Dort absolvierte sie zwei kaufmännische Ausbildungen, versuchte sich ein paar Monate als Polizeimeisteranwärterin bis sie endlich zu ihrer ersten wahren Berufung fand: Werbetexterin. Anja Bogner arbeitete für die renommiertesten Agenturen Deutschlands und verhalf in dieser Zeit, mit den drei kleinen Worten "Ich liebe es" einem bekannten Burgerbrater zu einem neuen, weltweiten Slogan. Und das trotz einer vegetarischen Phase. 2010 machte sie dann aber Schluss mit dem Agenturleben. Grund: Ein Stipendium an der Hochschule für Film und Fernsehen. Sie studierte Drehbuchschreiben, erhielt wenig später für eine Filmidee die bayerische Filmförderung und schrieb ganz nebenbei mit "Ehehygiene" einen nicht ganz so ernst gemeinten Ratgeberroman für unterbefriedigte Paare. (2013 erschienen bei Ullstein) 2017 gewann Anja Bogner den Publikumspreis beim Fränkischen Kurzkrimiwettbewerb (nachzulesen in "Tatort Franken 7") und hat sich mit dem Rambichler den Traum vom langen Krimi erfüllt. Auf Bülent Rambichler und die fliegende Sau folgt nun der zweite Teil: Bülent Rambichler und der störrische Karpfen. Anja Bogner lacht und lebt mittlerweile mit ihrem Mann, zwei Kindern und diversen Viechern im bayerischen Fünfseenland.




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