Karrieresprung bringt Doppelnostalgie

MITTWOCH, 4. DEZEMBER 2019

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Weil die Salzburger Festspiele im Sommer 2020 Nürnbergs Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz für sieben „Zauberflöte“-Vorstellungen rufen, feiert ihr vorvorvorgänger Philippe Auguin am Luitpoldhain bereits sein zweites Comeback. Dann reist er für drei Zyklen von Wagners „Ring“ nach Australien.

Was sind schon 80.000 Personen zum Nulltarif auf der grünen Wiese in Nürnberg gegen 10.500 Besucher bei Eintrittspreisen bis 450 Euro während der Salzburger Festspiele? Eine klassische Neid-Debatte mit überschaubarem Aufregerpotenzial. Vielleicht aber auch vorrangig Anlass für ein wenig Trittbrett-Stolz, wenn eine so umworbene Künstlerin im gepackten Koffer ihren derzeitigen Herkunftsnamen Nürnberg in die ganz große Opernwelt mitschleppt. Kurzum: Joana Mallwitz, die seit Herbst 2018 umschwärmte Chefin der örtlichen Philharmoniker, wird im August 2020 für sieben Vorstellungen im „Haus für Mozart“ die Aufführung der „Zauberflöte“ einstudieren und dirigieren – und deshalb auf ihren allseits erhofften zweiten Open-Air-Auftritt im Luitpoldhain verzichten. Dort springt nun Ende Juli einer ihrer Vorgänger in die Bresche: Philippe Auguin (Washington/Nizza), 1998 bis 2005 charismatischer Nürnberger Generalmusikdirektor und im Jahr 2000 und folgenden schon bei der Premiere dieser kolossalen Idee von „Picknick-Konzert“ am Pult, kehrt wieder. Es ist nicht sein erstes Comeback an dieser Stelle, das in der Meistersingerhalle wie auf dem zum Betreten gebotenen Rasen konkurrierende Orchester der Nürnberger Symphoniker hatte ihn nach Ende des Philharmoniker-Vertrags und Übersiedlung in die USA schon mal als Gast engagiert. Nun also zurück zu den Wurzeln: Eine gute Idee, nicht nur wegen der Nostalgie.

AMBITIONEN UND FETTNÄPFCHEN

Mit Auguin ist eine eigene Geschichte des auch 20 Jahre nach der Gründung größten deutschen Freilichtkonzert-Projekts verbunden: Er stand bei seinen bisherigen Auftritten für künstlerische Ambitionen in der populistischen Rahmengebung (mit der denkwürdigen Aufführung von Dvoraks „Aus der Neuen Welt“ und dem mutigen Risiko einer Mahler-Sinfonie zur lockeren Sommernachtsstimmung), auch für ein knapp umschifftes Fettnäpfchen (erst bei einer öffentlichen Probe fiel auf, dass Wagners kriegerischer „Walkürenritt“ im Schatten des Reichsparteitagsgeländes fehl am Platz war) und entzückte alle durch Tiffanys streichersüffigem Frühstücks-Hit „Moon River“ unter Tausenden von „Sternlasspeiern“. 2020 übernimmt er das von Mallwitz eingefädelte italienische Arien-Programm mit Sängern aus dem Opernhaus. Danach bereitet er bei der Opera Australia drei Zyklen von Wagners „Ring des Nibelungen“ vor.

FOLGT BAYREUTH AUF SALZBURG?

Die „Maestra“ plant indes die Karriere, ihrem Amtstitel entsprechend generalstabsmäßig: Joana Mallwitz, die hoffentlich trotz aller internationalen Verlockungen noch weitere dreieinhalb Jahre in Nürnberg stationierte Pult-Senkrechtstarterin – Siegerin einer etwas fragwürdigen Kritiker-Umfrage 2019 der Zeitschrift „Opernwelt“ noch vor Kirill Petrenko (Münchner Staatsoper und Berliner Philharmoniker) und dazu „Beste Dirigentin“ nach trendiger Einschätzung des Konkurrenzmagazins von „Oper!“ – erobert strategisch wichtige Positionen. Frankfurts Oper, seit langem ein deutscher Musiktheater-Leuchtturm, buchte sie für Premieren der Strauss-„Salome“ und, seit 1. Dezember im Spielplan, für Gabriel Faurés Rarität „Pénélope“. In Salzburg debütiert sie mit Mozarts „Zauberflöte“ an der Spitze jener Wiener Philharmoniker, die als männerbündisches Gala-Orchester gefühlte Ewigkeiten keine musizierende Frau in ihren Reihen duldeten. Für 2021 laufen, nachdem Wagner-Urenkelin Katharina den ersten weiblichen Pult-Auftritt im tiefen Graben des Grünen Hügels von Bayreuth mit geheimnisvoller Miene ohne Namensnennung ankündigte (Simone Young war mal als Assistentin hier, aber das zählt nicht), die höchsten Wetten der „gewöhnlich gut unterrichteten“ Insider auf Mallwitz. Vorher wird sie auf alle Fälle im Heimspiel am Opernhaus die eigene Wagner-Kompetenz mit einer Produktion der „Meistersinger von Nürnberg“ festigen, deren Inszenierung unser Staatsintendant Jens-Daniel Herzog schon mit Partner Christian Thielemann für Salzburgs Opernfestspiele und Dresdens Semper-Oper arrangierte.

DAS PULT-TEAM HINTER DER CHEFIN

Am Nürnberger Opernhaus ist Mallwitz inzwischen etwas gelungen, das noch keiner ihrer Amtsvorgänger so spürbar schaffte: Publikum vergewissert sich beim Kauf von Karten, ob die Chefin tatsächlich auf der Tagesbesetzungsliste steht. Auf der Website ist das – ohne Garantie, aber immerhin mit Wahrscheinlichkeitsanspruch – abrufbar. So konnte es passieren, dass in den letzten Wochen bei mehreren Vorstellungen von Verdis anspruchsvollem „Don Carlos“ ohne Mallwitz große Lücken in Parkett und Rängen blieben, während die folgenden Aufführungen mit ihr fast die 100-prozentige Platzausnutzung der „West Side Story“ erreichten. Auf das bestens sortierte Dirigenten-Team unterhalb der Generalsebene schlägt diese neue Aufmerksamkeit vorerst noch nicht durch. Dabei verdienen sie individuelle Aufmerksamkeit: Vize-Chef Lutz de Veer (der neben den Einstudierungen von Bernsteins Musical und der russischen Oper „Der Dämon“ auch Werke von Puccini und Verdi im Repertoire betreut) und der seit zwölf Jahren hier engagierte Guido Johannes Rumstadt (der die Premieren von Massenets „Manon“ und Sullivans Operetten-„Piraten“ leitet sowie nach Rossinis „Italienerin in Algier“ auch die Wiederaufnahme von Mozarts „Zauberflöte“ dirigiert), dem in Nürnberg inzwischen weitere Hochkultur-Aufgaben als Dirigier- und Orchester-Professor der Musik-Akademie und künstlerischer Leiter des Hans-Sachs-Chors zugewachsen sind. Gespannt darf man auch auf einen Neuen sein: Björn Huestege, der vor der Uraufführung von „Die Wohlgesinnten“ des katalanischen Komponisten Hèctor Parra schon die Wiederaufnahme von Verdis „Nabucco“ übernimmt und als aktiver Musikpublizist zwischendurch an einem Buch über „Alban Berg und das kulturelle Gedächtnis“ schreibt.

UND WER WIRD DIE ERSTE FRAU BEIM WIENER RADETZKYMARSCH?

Zurück in die Wucherungen der so fabelhaft unberechenbaren Popularität: Die momentan verwegensten Gedanken schlagen eine Brücke zwischen dem fünffachen Nürnberger Mallwitz-Neujahrskonzert Anfang Januar im Opernhaus mit dem unausweichlichen Intensivtitel „Walzer, Walzer, Walzer“ und der Erstbegegnung der Dirigentin mit den Wiener Philharmonikern beim Salzburger Mozart im August. Denn irgendwann dürfte auch in dieser Herren-Bastion, die sich für den Dreivierteltakt im Goldenen Saal die prominentesten, nichtsdestotrotz demütig abwartenden Dirigenten Jahr für Jahr erwählt, der Widerstand gegen Emanzipationsnormalität gebrochen sein und erstmals eine Frau ans begehrte Pult des weltweit übertragenen und für die silberne CD-Ewigkeit gepressten Happy New Year aus Vienna berufen werden. Und wer könnte da wohl vornedran sein? Der Nürnberger Radetzkymarsch vom Jänner 2020 geht also, ob er will oder nicht, direkt in die imaginären Wiener Bewerbungsunterlagen.


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FÜR CURT: DIETER STOLL, Theaterkritiker und langjähriger Ressortleiter „Kultur“ bei der AZ.
Als Dieter Stoll nach 35 Jahren als Kulturressortleiter der Abendzeitung und Theaterkritiker für alle Sparten in den Ruhestand ging, gab es die AZ noch. Seither schreibt er z.B. für Die Deutsche Bühne und ddb-online (Köln) sowie für nachtkritik.de (Berlin), sowie monatlich im Straßenkreuzer seinen Theatertipp. Aber am meisten dürfen wir uns über Dieter Stoll freuen. DANKE!




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