Dem Egers sei Welt #77: Salz in der Suppe

DONNERSTAG, 31. OKTOBER 2019

#Comedy, #CURT präsentiert, #Egersdörfer, #Kabarett, #Kolumne

Hauptkommissar Robert Keilholz war bekannt für seine geradezu unendliche Geduld. Kurz nachdem er beim Amtsgericht eine Aussage gemacht hatte, erhielt er einen Anruf von seiner Dienststelle: Ein verheirateter Mann, Vater einer Tochter, sei vor zwei Stunden während des Mittagessens erschossen worden. Der Pathologe Deutrich habe den Leichnam schon in die Gerichtsmedizin überführt. Die Kollegen von der Spurensicherung wären bereits dabei, am Tatort ihres Amtes zu walten.

Der Verkehr war zähfließend. Es dauerte über zwei Stunden bis Keilholz sein Auto vor dem Einfamilienhaus, das von einer dichten Buchenhecke umwachsen war, abstellen konnte. Der bereits ermittelnde Beamte begrüßte ihn freundlich und schilderte den augenblicklichen Sachstand. Die Frau des Opfers befinde sich immer noch im Wohnzimmer und könne vernommen werden. Keilholz betrat das Zimmer. Direkt neben dem Tisch befanden sich am Boden die roten Umrisslinien des Opfers. Die Frau saß in einem zeitlos schicken Kleid auf dem velourledernen Sofa neben dem üppigen Bücherregal und begrüßte den Kommissar bei seinem Eintreten freundlich und, wie Keilholz empfand, in gelöster Stimmung. Keilholz bat die zwei Herren und eine Dame im weißen Overall, die gerade Fingerabdrücke von Suppentellern und Löffeln sicherten, das verbliebene Blut untersuchten und den Raum fotografierten, kurz Pause zu machen und ihn mit der Dame allein zu lassen. Keilholz schloss sanft die Wohnzimmertür und überlegte noch, mit welchem Satz er die Befragung beginnen sollte, als die Dame schon zu sprechen begann: “Ich habe ihn in der Oper kennengelernt. Lohengrin wurde gegeben in Salzburg. Der Zufall hatte es so gewollt. Aber darf man das Zufall nennen? Wäre Schicksal nicht das bessere Wort? Er saß neben mir. Die Zuschauer hatten sich schon auf ihre Plätze begeben. Aus dem Orchestergraben wehten schon Geigen- und Bläserklänge. Mein zukünftiger Mann summte scheinbar selbstvergessen eine Melodie. Monteverdi könnte es gewesen sein oder Mozart. Das hat mich damals sofort für ihn eingenommen. Während der Aufführung verzog er mehrmalig das Gesicht, als habe er in eine saure Frucht gebissen. Beim Schlussapplaus verschränkte er bei der Verbeugung einzelner Interpreten ostentativ die Arme. Bei einer Sängerin klatschte er dann genau vier mal laut und langsam. Beim Dirigenten erhob er sich und applaudierte, als wäre er von Sinnen. Ich war von Sinnen. Was unter den Sternen die Sonne, war mir auf Erden dieser Kaiser von einem Mann. Er überrannte mich wie eine schlecht gesicherte Festung. In der ersten Klasse fuhren wir drei Tage später nach Mailand weiter. Er konnte es nicht ertragen, dass ich in meinem Leben noch niemals in Mailand gewesen war und die Scala nur von Schallplattenaufnahmen kannte. Damals konnte man noch in der ersten Klasse reisen und in feinen Kleidern über die Hunde von Richard Wagner parlieren und englischen Tee mit feinstem Kandiszucker trinken. Heute sitzen in der ersten Klasse kahlgeschorene Programmierer in ausgewaschenen Kaufhofhosen und blättern Elektromarktkataloge und löffeln zweifelhaft müffelnde asiatische Gerichte mit Geschmacksverstärker aus bunt bedruckten Pappkistchen. Mit dem Handy werden stundenlang Gespräche über püriertes Hundefutter oder Radkappen geführt.“ Die Dame atmete plötzlich ruckhaft Luft in die Nase ein und hauchte mehrmalig aus, während ihre linke Hand an einem schwarzen Kissen zupfte. „Hierher hat er mich verschleppt und das Haus erbaut und mir die lebensuntüchtige Tochter gemacht. Aber ich will mich nicht beschweren. Zu Anfang bestand die Nachbarschaft noch aus einem einflussreichen Kieferorthopäden und einem bedeutenden Landmaschinenhersteller. Der ist Ihnen bestimmt ein Begriff, wenn ich seinen Namen nenne. Der Kieferorthopäde ist seit Mai in einem Pflegeheim. Der Landmaschinenhersteller hat vor vier Jahren Konkurs angemeldet und sein Haus an einen Oligarchen verkauft. Der wohnt hier nur im Sommer. Die ganze Straße riecht dann nach Rauchwerk, dass der wie besessen und ständig abfackelt. Kleider, Tee und Hund riechen aufdringlich nach dem Rauchwerk des Oligarchen. Mit seinen zwölf verschleierten Frauen mit Entourage kommt er angereist. Die Damen werden jeden Sommer in einer Schönheitsklinik komplett runderneuert. Und diese finsteren Blicke des Oligarchen, wenn er aus seiner Limousine steigt. Direkt unwohl fühle ich mich im leichten Sommerkleid unter diesem aufdringlichen Geschau des Erdölhändlers. Im eigenen Garten fühle ich mich unwohl von dieser Aufdringlichkeit.“

In einer erneuten Atempause versuchte Keilholz das Gespräch auf den Vorfall mit Todesfolge hier im Wohnzimmer zu bringen. Die Dame blickte ihn an, als wäre plötzlich ein besonders dickes Buch aus dem Regal gefallen. Leicht erschrocken sagte sie: „Ich habe nichts gegen Russen. Ich liebe Tee aus dem Samowar und den Humoristen Dostojewski. Verstehen sie mich nicht falsch. Meinetwegen darf er in der Großstadt mit seinem verschleierten Harem flanieren und einkaufen, wann und wo er möchte. Aber auf dem flachen Land, in den Bergen sollen doch lieber blondgelockte Jungen in rotweißkarierten Hemden und Fräuleins in bauchigen Röcken wandern und rudern und im heimischen Dialekt fluchen.“ Keilholz versuchte mehrmalig auch mit erhöhtem Druck in der Fragestellung, das Gespräch zumindest in die Richtung des ermordeten Ehemanns zu bringen. Seine Bemühungen blieben indessen ohne den geringsten Erfolg. Noch während der minutiösen Erörterungen über die Aufführungspraxis klassischer Konzerte seitens der soeben verwitweten Dame brach er die Vernehmung ab. Von einem seiner Mitarbeiter wurde Keilholz mitgeteilt, dass sich die Tochter des Ermordeten in ihrem Zimmer befände. Die verständigte Psychologin hätte sich schon um sie gekümmert. Die Dame teilte ihm mit, dass die junge Frau von dem Vorfall zwar sehr mitgenommen wäre, aber durchaus in der Verfassung sei, eine Aussage zu machen. Keilholz atmete schwer, als er das Zimmer im ersten Stock des Anwesens betrat. Im Anschluss an das Gespräch mit der gefassten Studentin sprach er in sein Diktiergerät: Die Geschehnisse vor dem Tathergang müssen sich laut Vernehmung der 23-jährigen Tochter des Ermordeten folgendermaßen abgespielt haben: Der rechtmäßige Vater und Ehemann habe beim Mittagessen um circa 12.39 Uhr seine Gattin im ruhigen Ton gefragt, wo sich denn der Salzstreuer befinden würde. Die Angesprochene habe sogleich unverhältnismäßig gereizt reagiert und unwirsch zur Antwort gegeben, er solle es unterlassen, ihr solche Fragen zu stellen. Daraufhin löffelten Vater, Mutter und die Tochter, Studentin der Kunstgeschichte im dritten Semester, weitgehend wortlos die Leberknödelsuppe. Der Mann solle sich dann leise erkundigt haben, warum es ihm untersagt werde, sich nach dem Verbleib des Salzstreuers zu erkundigen. Die Frau habe daraufhin den Löffel mit lautem Scheppern neben den Suppenteller auf den Tisch geworfen und geschrien, sie möchte nicht gezwungen werden, sich ständig Gedanken darüber zu machen, wo sich in aller Welt der gottverdammte Salzstreuer befindet. Die Tochter habe sich dann, nach eigenen Angaben, vom Tisch erhoben und sei zum Wohnzimmerfenster gegangen und habe selbiges, das vorher gekippt gewesen wäre, geschlossen und habe sich daraufhin zu Vater und Mutter zurück an den Esstisch gesetzt. Vater, Mutter und Tochter hätten weiter die Suppe gelöffelt. Nahezu kleinlaut habe der Mann dann angemerkt, dass es ihm als Antwort auf seine Frage vollkommen ausreichen würde, wenn seine Frau ihm mitteilte, dass diese keine Angaben darüber machen könne, wo sich der Salzstreuer im Augenblick befände. Im nächsten Moment sei die Mutter vom Tisch hochgeschnellt und habe hektisch mit den Armen in der Luft gefuchtelt und gebrüllt, dass sie das alles nicht mehr aushalten könne. Immer und immer wieder müsste sie über den Salzstreuer nachdenken. Er würde gar nicht merken, wie sehr er sie mit den zwanghaften Salzstreuergedanken belaste. Sie hätte weiß Gott andere Probleme in ihrem Leben, als ständig nur daran denken zu müssen, wo der verdammte Salzstreuer gerade sei. Der Mann habe sogleich versucht, beruhigend auf seine Frau einzuwirken und habe die geschmackliche Raffinesse und die vorzügliche Konsistenz der Leberknödel gelobt. Gerade in dem Augenblick jedoch, als er darauf hinweisen wollte, dass zu diesem unübertroffenen Hochgenuss einzig ein wenig handelsübliches Speisesalz fehle, zog seine Angetraute aus der Schublade des Tisches, auf dem sich die Terrine mit der besagten Leberknödelsuppe befand, blitzschnell die Schusswaffe, mit welcher sie ihrem Mann zuerst in die Brust und daraufhin noch viermal in den Schädel schoss. Alle Versuche der Tochter den eigenen Vater am Leben zu halten, wären vergeblich gewesen. Diese Angaben stimmten exakt mit der Untersuchung des Pathologen Deutrich überein, der angab, dass der Exitus des Mannes mit dem ersten Schuss in den Schädel um circa 12.51 Uhr eingetreten wäre. Kurz nachdem die Vernehmung der Tochter bereits offiziell abgeschlossen worden war, habe die Tochter noch gesagt, dass ein paar Körnchen Salz der Leberknödelsuppe bestimmt nicht geschadet hätten.


DER NOVEMBER MIT EGERS
Am 05.11. EGERSDÖRFER & ARTVERWANDTE auf der Kellerbühne im Erlangener E-Werk. Wie immer mit Carmen und Bird Berlin und präsentiert von curt!
Und nur 16 Tage später, am 21.11., ebenfalls im E-Werk, mit seinem neuen Programm EIN DING DER UNMÖGLICHKEIT.
Plus: Egers im TV am 10.11. und 17.11. (auf der Franken Fernsehen-Frequenz). Die Premiere dazu am 08.11. in der Katana.
Noch mehr Bewegtbild gibt es bei der KURZFILMNACHT MIT MATTHIAS EGERSDÖRFER – präsentiert von curt! Diesmal unter dem Motto „Die komische Kunst im Kurzfilm II“. Termin: 20.11., 19 Uhr, im Filmhaus Nürnberg / KunstKulturQuartier.

Infos und noch mehr Termine, nur weiter weg: www.egers.de
 




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>
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