Das Labyrinth - Ein Ausstellung zum NSU-Komplex

26. SEPTEMBER 2019 - 17. NOVEMBER 2019, KUNSTHAUS

#Ausstellung, #Kunst, #Kunsthaus, #Natalie de Ligt

Die Ausstellung verlangt den Besuchern einiges ab. Sie befasst sich mit unaufgeklärten Morden, mit unfassbarem, schier nicht enden wollendem Leid, mit Verachtung gegenüber dem Leben, die fassungslos macht, und mit einer bundesdeutschen Rechtsstaatlichkeit, die an entscheidenden Stellen versagt und die allem, was von ihr erwartet werden darf und muss, Hohn spricht.

Man sollte sie sich anschauen – wegen des Inhalts, weil sie klug gemacht ist und weil sie Fragen stellt. Mit sehr unterschiedlichen und durch die Bank eindringlichen Beiträgen beleuchtet die Ausstellung die gesellschaftspolitischen Folgen der Taten des sogenannten «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU) und deren unzureichenden Aufklärung. Das geschieht mit Mitteln der Dokumentation, der Kunst und mit politisch-soziologischen Überlegungen in Textform. Gezeigt werden S/W-Fotografien der Tatorte von Regina Schmeken, eine akribische Rekonstruktion zu einem der Morde von der Gruppe Forensic Architecture, eine fotografisch-zeichnerische Spurensuche über den Jenaer Stadtteil Winzerla von Sebastian Jung, Laserdrucke von Protokollen aus dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss mit «Gedächtnislücken» und aquarellierte Porträts von Katharina Kohl und eine Filmproduktion, in der die von Reportern des Bayerischen Rundfunks und der Süddeutschen Zeitung mitgeschriebenen Prozessaussagen nachgesprochen werden. Und die Veranstalter haben den langen Flur des Kunsthauses mit einer Chronologie der Ereignisse gesäumt, an deren Anfang eine Tafel mit den Namen der zehn ermordeten Menschen steht. Die abschließende Klammer der Schau in Raum 3, im Begleitheft mit «(K)ein Schlusswort» überschrieben, ist dem Versuch einer politischen Einordnung und Fragen gewidmet. Fragen, die die persönlich Betroffenen verständlicherweise oft nicht mehr stellen können oder wollen, und die andere – Außenstehende, wir, Bürger – nicht aufhören dürfen zu stellen. Das Gericht hat im NSU-Prozess Urteile gefällt, aber es hat keinen Rechtsfrieden hergestellt. Das Versagen des Staates in diesem Punkt wird u.a. durch die künstlerisch-wissenschaftliche Arbeit von Forensic Architecture deutlich. Mit ihrer minutiösen Rekonstruktion des Mordes an dem 21-jährigen Kasseler Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat, gezeigt auf drei Bildschirmen, leisten sie jene detailversessene Ermittlungsarbeit, die die eigentlich dafür Verantwortlichen nicht nur schuldig bleiben, sondern auch verschleiern. Im Subtext und gleichsam wie durch ein Brennglas offenbart sich hier die völlig aus den Fugen geratene Rolle und Macht, die dem Verfassungsschutz zugestanden wird. Es offenbart sich ein beunruhigendes Zerrbild. Was ist das für eine Verfassung, die hier geschützt wird?

Während in dieser aufwändigen Rekonstruktion das beängstigende und schreckliche Ausmaß sukzessiv mit jeder Minute tiefer in den Zuschauenden einsickert, erfassen einen die großen Schwarzweiß-Fotografien von Regina Schmeken unmittelbar. Sie hat die Tatorte aufgesucht und die meisten davon aus extrem perspektivischer Untersicht aufgenommen. Sie versetzt den Betrachter in die Position einer am Boden liegenden Person, jene der Opfer. Die Fotos vermitteln die Gewalt, die Verachtung und die Ohnmacht, die sie erfahren haben. Stoß an Stoß und in einem breiten Fries hat die Künstlerin die Fotos über Eck an der Wand installiert. Im Gesamtblick ein grau-düsterer, schmutzig wirkender Bilderteppich, der im Wissen um den Umgang der Behörden mit den Angehörigen der Opfer metaphorisch für den Schmutz stehen mag, mit dem auch sie beworfen wurden. Schmekens Foto-Arbeit «Blutiger Boden» ist für all das ein Mahnmal.

Die Ausstellung ist eine Kooperation der Diskurswerkstatt Nürnberg und des Kunsthauses – mit gemeinsamen Veranstaltungen des Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Hier findet am 5. November, 18.30 Uhr, eine Podiumsdiskussion mit Feridun Zaimoglu, Annette Ramelsberger (Gerichtsreporterin) und Regina Schmeken statt.

Bis 17. November 2019
DAS LABYRINTH – EINE AUSSTELLUNG ZUM NSU-KOMPLEX.
KUNSTHAUS Nürnberg, Königstraße 93, Nbg.
Di, Do-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr.
kunstkulturquartier.de/kunsthaus




Twitter Facebook Google

#Ausstellung, #Kunst, #Kunsthaus, #Natalie de Ligt

Vielleicht auch interessant...

20191201_Staatstheater_50Abos
20191201_Umweltbank
20191201_Blaue_Nacht_2020
20191118_ARENA_Premium_Paket