Tibors Kopfkino #13

DIENSTAG, 1. OKTOBER 2019

#Casablanca, #Cinecitta, #Internationales Nürnberger Filmfestival der Menschenrechte, #Kino, #Tibor Baumann

Der Zug trägt mich schaukelnd nach Nürnberg hinein, weg von der „Show-of-meaningfull-Hektik“ (wie mir vor kurzem ein kleinwüchsiger Italiener im Vorsaal eines Kinos, die Stimmung der Hauptstadt erläuterte - aha!). Im Westflügel des Hauptbahnhofs muss ich grinsen. Obwohl keine Spuren mehr da sind, keine Programmtafel mehr – und Gedenktafel ist auch keine gesetzt worden: „Hier war AKI, verrucht und schön, bis die Umgestaltung es schluckten.“

Der Nürnberger Regisseur und Autor Tibor Baumann fährt zwischen Berliner Eifelturm und Nürnberger Bahnhof hin und her -  und schreibt für uns, worüber er am liebsten nachdenkt: woran sich der Film so erinnert und wo er zu Hause ist. Und so entsteht Poesie der Frames, in denen sich jeder widerspiegeln kann, oder eben billigster Trash schönster Art. Das alles ist tatsächlich Nürnberger Geschichte:

Statt eines Bahnhofkinos in Nbg: Fahrgast-TV und Apfelbildschirm. Werbung, Wetterquatsch, kleiner Cartoon, schlagzeilenbasierte Pseudonachrichten, zurück zur Werbung, ACHTUNG U-BAHN FÄHRT EIN! Ich bin noch so in meinem eigenen Film gefangen, dass ich nicht einsteige. Verdammt, wieder in die Schleife geraten: Werbung, Wetterquatsch, kleiner Cartoon, schlagzeilenbasierte Pseudonachrichten, zurück zur Werbung - WO BLEIBT DENN JETZT DIE NÄCHSTE U-BAHN? - Während die versammelten Damen und Herren von 6 bis 96 entweder Käääändies crushen oder stur hoch/runter/weg-, auf jeden Fall aber scrollen. Direkt neben mir sieht sich eine junge Frau eine Serie auf ihrem Smartphone an. Eine Gruppe Jugendlicher machen YouTuber-Hopping (hat nichts mit Sex zu tun).
So, mein Inneres outet sich als Opa: Diese ausgesuchte Mehrfachberieselung, das „Auf-den-Bildschirm-Gestarre“ wirkt auf mich, als würden Medium und Konsument für blöd, unter eigenem Preis, einander verkauft werden.
 
Auch wenn es im schönen Nürnberg schon früher eine Alternative des Nicht-beschäftigt-Seins, des Ohne-Film-Seins-zwischen-zwei-Zügen gab. Ich denke wieder an den Westflügel, und an das AKI. Das Aktualitäten Kino war eine Kuriosität, die im Nachkriegsdeutschland gedeihte. An den Bahnhöfen der Republik installiert, sollte es der Zeitvertreib der Reisenden sein. Mit kleinem Geld konnten Reisende von jung bis alt in die Wartezeit zwischen den Zügen verkürzen, sich in der Zwischenwelt die Zeit vertreiben.

Das Nürnberger AKI wurde 1953 im Westflügel des Hbf’s eröffnet. Das Programm, das in dem einen Saal des schlichten Lichtspielhauses zu sehen war, rotierte im 50-Minuten-Takt. So war die Wochenschau, zwei Kulturfilme und ein Zeichentrickfilm zu sehen. Die Wiederholung und der ständige Einlass machten es möglich, quasi „im Kreis“, also das Programm vollständig zu sehen. Neben der Leinwand war sogar eine Uhr und eine Projektionsfläche für Zugverbindungen, so dass man neben den filmischen Eskapaden seine Reise im Auge behalten konnte.
Am AKI lässt sich auch wunderbar feststellen, dass die Form den Inhalt prägt und dass keine Entwicklung spurlos vorüber geht: als das Fernsehen die Wochenschau übernahm (und das Aktualitätsbedürfnis nicht nur produzierte, sondern auch besser befriedigen konnte), versuchte das AKI auf das „normale“ Kinoprogramm umzuschwenken. Aber was ist ätzender, als keinen Film zu sehen, während man auf seinen Zug wartet? Richtig: einen halben Film. Also wurden immer mehr Filme gezeigt, die speziell für diese Umgebung geschrieben waren: einfach, schlicht, schnell nachzuvollziehen, von jedem Plotpoint aus einsteigbar. Trash, wie er in keinem Buche steht. Und im Nürnberger AKI, da wurde man fränkisch-frech ganz besonders kreativ: kurzerhand wurde aus einem Saal drei gemacht. Und man zeigte Action- und Pornofilmchen. Letztere waren in den 70ern noch zur Vorführung verboten, also gab man sie als Dreingabe zu verkauften Schallplatten. Ein Stöhnen ging durch die Nürnberger Justiz. Das half aber auch nichts.

Also, Action ab 18 und F#&k-Filmchen, die später mal auf Kabel1 laufen sollten (wir erinnern uns: Fernsehen). Die Leinwände des AKI waren blutverschmiert und lustbespritzt. Trash und das, was später der Background des groß produzierten Actionkinos, des Anti-Westerns und des Horrorfilms werden soll, erregte im dunklen Saal die Cineastenherzen und draußen die prüden Gemüter.

Das Schicksal schlägt in den 80ern tödlich in Form einer VHS Kasette auf das filigrane Genick der „Schmuddelkinos“ ein. Mit dem Aufkommen der Videothek beginnt der schon so früh angekündigte Untergang der nicht mehr aktuellen AKI. Das AKI im Nürnberger Haupbahnhof wird zum Pornokino, dann geschlossen und verschwindet als „Raum 2006“, als das Gebäude saniert und neu strukturiert wird. Zurück bleiben nur ein paar Klassiker, die damals belächelt, heute zum Kult einer wilden Filmemachergeneration zählen, die sich eines ganz eigenen Plätzchens im Kanon der Filmgeschichte sicher sein können – und früher über die Leinwand des Nürnberger Bahnhofkinos flimmerte.
Und Nürnberg ist ein Ort, an dem sich viele kleine, ehemalige Kinos verstecken, Räume, die dem Film in unterschiedlichsten Zeiten und Formen eine Heimat gegeben haben. Aber egal, was verschwindet, es geschieht auch Neues, dass sich zu bewundern lohnt. Und gerade daran erinnern solche Orte, nur mal Augen auf!

Von A wie „aussterbende Art“ bis Z wie „zynische Erinnerung“ – Nürnberg bietet dem Bildliebhaber_innen eine Menge schönes im Oktober.
Das NUREMBERG INTERATIONAL HUMAN RIGHTS FILMFESTIVAL  bringt seit 1999 die verschiedensten Aspekte des politisch motivierten Films auf die Leinwand und kümmert sich so um das Recht des Menschen. Dafür ist Nürnberg nicht nur der passende Ort, sondern auch einer, der sich schätzen kann, mit solchen Veranstaltungen Verantwortung historischer wie aktueller Art in den Fokus zu rücken. Das Festival wird alle zwei Jahre kuratiert, mit Film und Rahmenprogramm: vom 2. bis 9. Oktober an diversen Spielorten. (Siehe S. 32)
 
Unsere Freunde vom CASABLANCA FILMKUNSTTHEATER beenden diesen Monat ihre Reise in die Zukunft: die großartige SCIENCE-
FICTION Reihe geht mit dem Klassiker ALIEN (1979, R:Ridley Scott) am 27.10. zu Ende. Und das ist nicht nur ein großartiger Film, sondern auch die original Kinoversion, die man in den heutigen Directros-
Final-Total-Redux-Cut-Zeiten nicht mehr so häufig zu Gesicht bekommt. Und diese Zeiten bringen nicht nur Fortsetzungen hervor, sondern auch den Knick im Universum: nachdem die letzten Teile des Terminator-Franchises eher fragwürdig ausfielen, meldet sich James Cameron persönlich zurück, die Entwicklung links liegen lassend, und bringt mit TERMINATOR – DARK FATE (KS: 24.10.) die direkte Fortsetzung des großartigen TERMINATOR – JUDGEMENT DAY. Ob es das jetzt besser macht, bleibt abzuwarten, aber wer sich den alten Arnie ins Gedächtnis schießen möchte, kann das tatsächlich in ausgewählten Kinos am selben Datum.

Apropos Arnie: Während der Papa im Kino herumrambot, ist die Tochter unter Wasser auf der Flucht vor den Haien – Sistine Rose Stallone tritt mit 47 METERS DOWN: UNCAGED (Regie: Johannes Roberts) in die (Trash-) Action-Stiefel ihres Papas.

Trashig-witzig wird es in der Komödie von Erkan Acar, der mit seiner Beteiligung an Produktionen wie SCHNEEFLÖCKCHEN (2018, R: Adolfo J. Kolmerer, William James) bewies, was das neue Genrebewusstsein in Deutschland für Perlen hervorbringen kann.
RONNY & KLAID verspricht ein witziger Schmalspurgangsterritt zu werden! (KS: 10.10)

Mit großer Spannung wird der Ankömmling aus Südkorea erwartet. Wie schon in SNOWPIERCER widmet sich Regisseur Bong Joon-ho den gesellschaftlichen Unterschieden, nur, dass er diesmal ein zeitgenössisches Setting im modernen Seoul ansetzt, in dem eine arme Familie nach und nach beginnt, die Bediensteten einer reichen Familie zu ersetzen. Ein ikonisches Drama-Thema, dass hier dem Thriller zugeführt wird.

Ikonographische Arbeit leistete Regisseur Todd Phillips im Verbund mit seinem Hauptdarsteller Joaquin Phoenix: Mit JOKER kommt nicht nur das erste Mal eine Verfilmung eines „Bösewichts ohne Superheld“ in die Kinos, sondern auch eine Interpretation, die medien- und zeitübergreifende Entwicklung nutzt: die ikonische Darstellung des Jokers durch Heath Ledger veranlasste den Comicautoren Brian Azzarello zu seinen neuen Interpretationen; nun greift Phillips diese auf – und entwickelt es mit dem ältesten Vorbild für die Figur, dem großartigen Stummfilm
THE MAN WHO LAUGHS (R: Paul Leni 1928), weiter und führt sie der urbanen, post-postmodernen Dystopie zu. Manche Ikonen: einfach nicht totzukriegen.

Wer davon nicht genug hat, kann sich am 9. Oktober ins CINE CITTA’ begeben: zum 20jährigen Jubiläum von METALLICA S&M begeben sich die alten Master der Puppen noch einmal auf die Bühne mit dem Symphonieorchester. Wem das zu mainstreamig ist, oder einfach zu wenig  große Gefühle, kann sich ja meinen Doku-Musik-Tipp geben, sich (noch einmal) ONE MORE TIME WITH FEELING ansehen und mit Nick Cave die Tiefen der Seele erforschen.

Aber egal, ob mit Stream oder ohne, zwischen zwei Zügen oder in einem Zug: genießt die Bilder und das wunderbare Licht des Oktobers!

www.tiborbaumann.de


 




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