Verona und Manhattan sind überall

DIENSTAG, 1. OKTOBER 2019

#Dieter Stoll, #Kultur, #Kulturkommentar, #Musical, #Staatstheater Nürnberg

Wie der zweite Nürnberger Anlauf für Leonard Bernsteins Ausnahmemusical „West Side Story“ zwischen Herzschmerz-Evergreens und Migrantenschicksal die Gegenwart sucht: zwei Opernstimmen wagen den Sprung in den Tanz-Wirbel.

Ein junges Liebespaar auf offener Probenbühne singt in innigster Umarmung aus vollem Herzen und ebensolcher Kehle der Erfüllung aller eigentlich strengstens verbotenen Intimitäten entgegen. Als der Mann seiner Partnerin in gereimter Form konkrete Versprechungen macht, durchbricht außerplanmäßige Heiterkeit die eher mausgraue Arbeitsatmosphäre. Man musste kurz mal unterbrechen, damals am Opernhaus der Städtischen Bühnen Nürnberg bei den ersten Übungen mit dem ins Deutsche übertragenen Text von Leonard Bernsteins Musical „West Side Story“, weil die Beteiligten von unkontrollierbaren Lachkrämpfen geschüttelt wurden. Kein Wunder: Der einheimische US-Boy Tony hielt laut Rollenbeschreibungen die eingewanderte Puerto-Ricanerin Maria schmachtend fest im Arm und schmetterte „Halt mich fest und ich zeig ihn dir“. Dass es sich bei diesem sehr persönlich klingenden Angebot um „den Weg ins Glück“ handelt, wird im Arien-Duett erst zwei Zeilen später aufgeklärt. So ist das halt mit flott hingefetzten Übersetzungen von Originalen auf der Basis andersartiger Wortschätze, Sprache macht sich selbstständig und die Gedanken sind frei.

EIN ANGRIFF AUF DIE „ALTE TANTE“ OPERETTE?

Marcel Prawy, ein begnadeter Wiener Opernbeplauderer seiner Epoche und nebenbei diskreter Musical-Agent für Importqualität, war als Vertrauensmann des Komponisten nicht nur der führende Lobbyist des im deutschsprachigen Theatersystem noch nicht recht wahrgenommenen, allenfalls als Wagner- und Mahler-Dirigent verehrten US-Musikers, sondern hatte beiläufig schnell mal für die unfreiwillig amüsierende Übersetzung gesorgt. Sein energischer Einsatz für die Verbindung von Bernstein, Musical und Nürnberg verfügte aber auch über ernsthaftere Seiten. Er vertrat sie in mehreren öffentlichkeitswirksamen Besuchen am Opernhaus und erläuterte sogar partiell ahnungslosen Jungredakteuren wie mir geduldig seine Mission. Sie hatte zuvor daheim in Wien zu den dort unverzichtbaren, nicht immer folkloristisch aufzulösenden Intrigen geführt, dem für volksverräterisch erachteten Verdacht, dieser schon mit Cole Porters „Kiss me, Kate“ auffällig gewordene Konkurrenz-Vermittler von USA-Entertainment im Opernbühnen-Format könnte einen terroristischen Anschlag auf die alte Tante Operette von nebenan planen. Prawy hat das schleunigst mit einem großen bunten Huldigungsbuch über Johann Strauß entkräftet.

IM WECHSELSCHRITTCHEN NEBEN DER LITERATUR-SPUR

Was bei der Erstbegegnung mit der Brechstangen-Eindeutschung vom ursprünglichen Manhattan-Slang der 1950er Jahre noch so ungelenk wirkte, kann der neuen Nürnberger Fassung der „West Side Story“ vom Oktober 2019 nicht passieren. Die örtliche Produktion Nr. 2 gibt sich schon in der Planung betont polyglott, umkurvt die sinnplumpsenden Schlaglöcher: Bühnendeutsch spricht das Ensemble nur in den frei verfügbaren Dialogen, die Songs bleiben allesamt so, wie sie von Stephen Sondheim als Vorlage für Leonard Bernstein geschrieben waren. O-Ton-Broadway mit deutschen Übertiteln. Das kann Verständigungsprobleme auflösen oder verlagern. Die Musiknummern (der Komponist montierte eine nach wie vor staunenswerte Sammlung von Anleihen bei Jazz und Soul, Oper und Couplet, Song und Singsang zum imposanten Stil-Tableau) erreichen in der Verbindung von Wort und Klang ihr Eigenleben, die Hängebrücken-Dialoge dazwischen sind dagegen eher Soap als Opera und bei aller durchgängig spürbaren Verehrung fürs  übergroße Vorbild „Romeo und Julia“ von 1595 immer ein bis zwei Wechselschrittchen neben der breiten Literatur-Spur.

EVERGREEN-QUALITÄT FÜR MIGRATIONSKONFLIKTE

Eigene Kapitel von Theatergeschichte hat dieses besondere Musical dennoch auf mehreren Stufen hinterlassen: Als Leonard Bernstein 1957 am Broadway seine längst nicht legendäre, keineswegs unumstrittene „West Side Story“ erstmals zeigte, war das in der bis dahin nie erlebten Mischung aus Tanz und Mixed von U- und E-Musik nebst einem genialischen Hauch von großem Gesang, gleichzeitig eine Hommage an Shakespeares zeitlose Tragödie und der gesellschaftskritische Blick auf die draußen akut tobenden Jugendbandenkriege zwischen einheimischen US-Amerikanern und eingewanderten Puerto-Ricanern. Eine Hymne auf die Toleranz, aus Künsten mehrerer Jahrhunderte und zwei Dutzend Songs von Evergreen-Qualität als Migrationsmusical für die Gegenwart platziert. Die eher softige als saftige Hollywood-Verfilmung von 1961 (10 Oscars) zählt zu den weltweit erfolgreichsten der Sparte, deutsche Bühnen durften aber über Jahrzehnte nur US-Tourneen nach Originalvorlage zeigen, was in kostengünstig kalkulierten Produktionen zu zunehmend blasseren Imitaten führte. Allmählich schadete das von Routine ausgehöhlte Original dem Werk (Bühne 1957, Deutschland-Premiere 1968, Kino 1961), das im Gegensatz zum fast gleichzeitig  gestarteten Sparten-Welterfolg „My Fair Lady“ (Bühne 1956, Deutschland-Premiere 1961, Kino 1964) nicht mit einer Welle von belebenden Adaptionen punkten konnte. Während die Anforderungen der „Lady“ an singspielende Schauspieler rund um ein paar Rhythmusschrittchen „mit nem kleenen Stückchen Glück“ zu bewältigen waren, überforderten die Mindestansprüche an Tanzbegabung zum anspruchsvollen Gesang in Verbindung mit diffiziler Dialogbeherrschung die Kapazitäten der Stadttheater-Ensembles erheblich. „My Fair Lady“ wurde also nach Freigabe der Rechte sofort überall in Betriebsroutine (in Nürnberg nacheinander in vier Hausproduktionen) nachgespielt, „West Side Story“ noch Jahrzehnte später, als schon John Neumeier sein edles Hamburger Ballett in die Schlacht geschickt und alles in Richtung Ballett verschoben hatte und Bernstein selbst mit den jungen Opern-Superstars José Carreras und Kiri Te Kanawa eine hochglanzpolierte Studio-Gesamtaufnahme vorlegte, vor allem als Herausforderung gefürchtet.

KÜHNE PLANUNG VON NÜRNBERGER BERNSTEIN-ENTDECKUNGEN

Nürnbergs Opernhaus, an dem dieses (im konventionellen Zuschnitt manchmal freilich allzu) gefühlige Meisterstück jetzt im zweiten Anlauf  erneut gespielt wird, galt in der ersten Runde als Ausnahmefall im Huckepack-Verfahren. An der Wiener Volksoper war 1968 die exklusive Modellproduktion der lange Zeit einzigen deutschsprachigen Inszenierung nach eisernen Regeln der angereisten Broadway-Gesandten entstanden. Der assistierende Dialog-Regisseur Wolfgang Weber, zu dieser Zeit günstigerweise auch an den Städtischen Bühnen Nürnberg fest engagiert, galt bei uns freilich als Spezialist für neue Opern von Isang Yun, Benjamin Britten und Hans Werner Henze. Erst 1972 brachte er das komplett übersetzte Musical in offizieller „Deutschland-Premiere“ am Richard-Wagner-Platz heraus. Bernstein-Vertrauensmann Marcel Prawy hatte die Brücke geschlagen und verkündete schließlich zusammen mit Operndirektor Hans Gierster die Vereinbarung, nach der „West Side Story“ in einer höchst ambitioniert mehrjährig angelegten Serie hier nacheinander die anderen Musiktheaterstücke des „Lennie“ Bernstein systematisch für Deutschland zu entdecken. „On the Town“, „Candide“, „Wonderful Town“, „Trouble in Tahiti“, im Vorgriff sogar “Pennsylvania Avenue”, auch das nach Bildern gierende „Mass“ zirkulierten als Serie von Möglichkeiten. Die groß angelegte „Messe“ wurde später tatsächlich zum immerhin konzertanten Erfolg in der Meistersingerhalle. Bei den Bühnenstücken dauerte es dann doch 35 Jahre, da ersetzte Intendant Wulf Konold eigenes Risiko einer Premieren-Position seiner Jahresplanung 2007 mit dem kompletten Einkauf von „On the Town“, wie es mit den Studenten der Musical-Abteilung der Münchner August-Everding-Akademie bereits entstanden war. In der Regie des jungen Gil Mehmert, der voriges Jahr mit dem ganz anderen Musical „Catch me if you can“ wieder da war.

STEVEN SPIELBERG ARBEITET AN DER NEUVERFILMUNG

Inzwischen sind die strengen Aufführungsrechte generell gelockert, die 2019 Regie führende Choreographin Melissa King muss nicht jeden Schritt der New Yorker Urfassung nachstellen, könnte also statt der musealen Bewahrung eher die Brisanz des Themas für heute freilegen. Wie Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin mit der erfolgreichsten Neudeutung der letzten Zeit, der für seine dramaturgisch-szenische Generalüberholung die traditionelle, zum Marken-Signet verkommene Feuerwehrleiter-Fassade von Manhattan zugunsten einer blanken Bühne mit wenig Effektablenkung verbannte. Ein Charakter-Trauma der Unterschichten im Wirbel von Hass und Gewalt konnte er so entwickeln
und tatsächlich auf neutraler Scheibe gegen rundum vergiftende Aggressionen die Botschaft „Verona oder New York – das ist überall“ etablieren. Ein Energiestoß, der mit voller Dynamik auch die Musik erfasste.
Beiläufig gerät Nürnbergs zweite Annäherung an das magische Werk zudem in den akuten Kinotrend der Remake-Dynamik, denn der einzigartige Hollywood-Großmeister Steven Spielberg („Schindlers Liste“, „E.T.“, „Indiana Jones“) bereitet die Neuverfilmung vor – er will sie nach diversen Interview-Ankündigungen ausdrücklich näher ans Theater heranrücken. Und vielleicht dürfen, anders als Natalie Wood und Richard Bymer anno 1961,  diesmal die Hauptdarsteller sogar selber singen.

GIFTZWERG UND KAMMERZOFE KÖNNEN AUCH LIEBESPAAR

Am Nürnberger Theater braucht es wie dazumal (als die verfügbaren Opernsopranistinnen die Rolle der Maria entnervt weiterreichten, aber der zwischen Lehár, Mozart und Verdi pendelnde Multi-Bariton Barry Hanner trotz seiner eigentlich falschen Stimmlage den Tony souverän übernahm) internationale Spezialisten zur Stilstabilisierung fürs große Team. Die beiden anspruchsvollen Hauptfiguren nach der Schablone von Romeo und Julia sind jedoch zwei auffällige Talente aus dem Staatstheater-Ensemble. Tenor Hans Kittelmann ist seit 2012 in Nürnberg (war u.a. der gar nicht jungenhafte Giftzwerg Mime in Wagners „Rheingold“) und Sopranistin Andromahi Raptis kam 2018 dazu (gab turbulent die listige Kammerzofe Despina in Mozarts „Così fan tutte“ mit sportlichem Überschlag zur Arie). Und beide tanzten noch in diesem Jahr auch beim spektakulären „Ball im Savoy“ im Sog der Geschwister Pfister.
Ob Melissa King, die für ihre vorsichtige choreografische Neufassung der „West Side Story“ bereits vor einigen Spielzeiten am Nationaltheater Mannheim mit einem Kritikerpreis als Nachwuchskünstlerin ausgezeichnet wurde, jetzt auch als Regisseurin beherzt genug zugreift, wird zur entscheidenden Frage. Ein höflicher Knicks vor schemenhaften Erinnerungen ist sicher nicht zu erwarten, aber statt der vitalen Tanz-
revue im Show-Rahmen, statt  Kitschsalbung der reichlich vorhandenen Tragödien-Wunden könnte 2019 der Fluch der Vorurteile der wahre Kern der tränenreichen Geschichte werden. Im wütend spöttischen „A-me-ri-ca“-Gruppensong, der seit 60 Jahren viel lieber vom Rhythmus als vom Inhalt her konsumiert wird, also oft eher den Ohrwurm als den Pulsschlag bewegt, heißt es „Hier bist du frei/ Und hast Stolz/ Solange du auf deiner eigenen Seite bleibst“ und schließlich „Das Leben ist in Ordnung in America/ Wenn du weiß bist in America“. Ziemlich „first“, das Ganze.

Der 101. Geburtstag des im Oktober 1990 verstorbenen Leonard Bernstein liegt übrigens am Premierentag nur wenige Wochen zurück. Vielleicht gibt es ja Grund zum Nachfeiern.  

 




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