Im Gespräch mit: Lokale Leidenschaften

DONNERSTAG, 4. JULI 2019

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Wenn man von der lokalen Musikszene spricht, kommt man an Lisa Hübner und Andreas Basner von den Lokalen Leidenschaften nicht vorbei. Seit Jahren halten sie uns auf dem Laufenden und betreuen die MUZ-Bühne beim Bardentreffen alljährlich mit Moderation, kleinen Videobeiträgen und ganz viel Liebe. Jetzt wollen wir mal hören was uns die beiden von ihrer Arbeit berichten.

TOMMY: Seit 9 (Andreas) bzw. 7 (Lisa) Jahren betreut ihr die Sendung Lokale Leidenschaften bei Radio Z. Wie schwierig gestaltet sich die Suche nach neuen, lokalen Talenten?

ANDREAS: Überhaupt nicht schwierig. Zum einen bekommen wir super viele Empfehlungen von anderen MusikerInnen, denen jemand Neues aufgefallen ist, zum anderen beobachten wir natürlich die Szene ziemlich genau, von innen (z.B. in der Jury von Wettbewerben) wie von außen (auf Konzerten, bei den Festivals in der Region und in der Presse). Irgendwann kommt jedes Talent bei uns vorbei.

LISA: Es ist tatsächlich eher andersrum: Die Szene spuckt laufend neue Musikschaffende aus und verändert sich ständig. Wir können gar nicht so viele Sendungen machen, wie es interessante MusikerInnen gäbe.

Neben den verschiedenen Formaten in eurer Radiosendung betreut, dokumentiert und feiert ihr alljährlich die MUZ Bühne auf dem Bardentreffen. Wie erlebt ihr die Künstler an diesem Wochenende, für die es oft der bis dato größte Auftritt ihrer noch jungen Karriere ist?

LISA: Der Vorher-nachher-Effekt ist lustig. Das einzig Gleichbleibende an dem Menschen vor dem Auftritt, auf der Bühne und nach dem Auftritt sind oft die Klamotten. Vielleicht liegt das auch daran, dass den KünstlerInnen sehr bewusst ist, dass sie sich da einen ehrenvollen und publikumswirksamen Spielplatz erobert haben – die MUZ-Bühne am Bardentreffen ist schon eine der wichtigen Leistungsschauen der regionalen Szene.

ANDREAS: … und so ergeben sich die besten Gespräche, Connections, Versprechen dann im wunderschönen Backstage-Bereich, der liebevoll von der Emi von der Musikzentrale gemanagt wird, bei einem (oder sehr vielen) Bieren. Und das Bardentreffen-Publikum ist nicht nur vom Zuhören und Mitfeiern her das Beste, nein, die unterstützen die KünstlerInnen auch sehr gerne durch CD-Käufe. Also sagen wir den Bands immer: 200 Stück mitbringen, selbst wenn die nur drei Proberaumaufnahmen auf einer CD-R in der Nacht vorher brennen, und für 3 oder 5 Euro verkaufen. Die Menschen nehmen diese völlig überraschende und unbekannte Musik aus der Region gerne mit nach Hause, als kleine Erinnerung an einen wunderschönen Tag — curt, könntest du hier liebe Grüße and Rainer und das Bardentreffen-Team ausrichten?

Hiermit geschehen ;) Ich muss mich jetzt mal als großer Fan eurer Arbeit für die lokale Szene outen. Was treibt euch an, so viel ehrenamtliche Arbeit in dieses Thema zu stecken?

ANDREAS: Ich bin da total egoistisch, mir geht es nur um die Selfies mit den jungen Leuten für meinen Instagram Account mit 500 Followern. Insbesondere wenn Lisa mit da drauf ist kann ich damit super in meiner Altherren-Tennisrunde angeben.

LISA: Ich bade in dem Luxus, alle Musikschaffenden, die mich interessieren, einfach in die Sendung einladen zu können. Und ihnen dann alle Fragen stellen zu können, die mir im Kopf herumgehen.  Wenn wir Fragen zur Situation der Frauen in der Musikszene haben, starten wir eben unter #musictoo eine neue Sondersendungsreihe und laden uns Menschen mit Antworten ein. Und nach all den Jahren immer noch: Faszination, wen und was es alles in unsere Sendungen schwemmt.  Gruselig, umwerfend, langweilig, phantastisch, spannend, fast peinlich – alles da, und durch die besondere Radiosituation hat es für uns immer einen Hauch Intimität und Exklusivität.

Bei all den Interviews, die ich mit lokalen KünstlernInnen führe bekomme ich mehr und mehr den Eindruck, dass sich die Frage nach Ambitionen fast schon verbietet. Wie sind eure Erfahrungen und woher könnte dieser „fränkische“ Reflex kommen?

LISA: Ist das so? Gerade bei jungen Bands, klassischerweise bis Ende des Studiums sehe ich noch ganz viel Hoffnung. Und dann gibt es doch genug Beispiele von Menschen in der Region, die mit ihrer Musik gut unterwegs sind – Hanna Iser, Karin Rabhansl, Julia Fischer, Jan Bratenstein, Mäkkelä, Smokestack Lightnin‘, Fiddlers Green...

ANDREAS: Die paar Jahre, die Lisa den Bands zugesteht sind echt wenig, um dich musikalisch zu entwickeln, was Eigenes, Frisches zu entwickeln, Ambitionen zu haben, und das in die Welt tragen zu können. Wenn dir also bis zum Alter von, sagen wir mal, 24 keiner zu einer Promoagentur, einem Verlag, einer Plattenfirma verholfen hat, und kein YouTube-Klickwunder geschehen ist, dann verlagert sich der Fokus automatisch, und bei vielen wohl auch zu recht. Bei vielen anderen, die dann sanft verschwinden (in 10 Jahren so einige), ist die Desillusionierung durch fehlenden Support sehr schade …

Welche Bands aus den vergangenen 10 Jahren sind euch besonders in Erinnerung geblieben bzw. welche Anekdote könnt ihr mit uns teilen?

ANDREAS: Ende November wird es 2 Sondersendungen geben, in denen wir— für jedes Jahr einzeln — die Songs des Jahrzehnts wählen werden. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich meine Favoriten gegen Lisas schlagen werden. Ansonsten finde ich es bei den K-Sessions immer schön, wenn irgend etwas Unvorhergesehenen passiert: Parabelflug haben einen Song drei mal angefangen und sich dann entschieden, einfach einen anderen zu spielen. Claus von Your Careless Spark hat den Text zu einem Song vergessen, dann hat er erst Mal im Internet gesucht, und dann ging’s weiter. Und natürlich Martti Mäkkelä’s Song in der Nachruf-Sendung für unseren großartigen Vorgänger Andy Morgan (wo wir Andys Freunde von Brighton bis Südafrika angerufen haben) und ich bei Marttis Gitarrenklängen weinen musste.

LISA: The Great Park. Unfassbarer Musiker, Sänger und Songwriter. Bin bei Konzerten regelmäßig damit beschäftigt, meine Gänsehaut wieder glattzubürsten. Bird Berlin, dessen bevorstehenden Ruhestand ich sehr bedauere. Ich glaube nicht, dass ihm klar ist, was für ein Mutmacher und Herzwärmer er ist. #zweiraumsilke und Folk’s Worst Nightmare, die auf völlig verschiedene Arten den Kollektivgedanken wieder in die Musik gebracht haben.

Keine einzige lokale Band hat jemals den großen Durchbruch geschafft. Selbst ein Kaff wie Kassel bringt Stars von Weltformat hervor. Wo könnten die Gründe dafür liegen?

ANDREAS: Wir sind schlecht im Trend, schlecht im Hype, schlecht mit Connections. Ich habe noch keine Band aus der Region mit überbordendem Autotune à la Drake gehört, keinen deutsch/russischen/türkischen Pseudo-Gangster-Rap, also nichts, was sich gerade verkauft. Bands wie Schubsen oder The Black Elephant Band bräuchten mal ´ne Werbekampagne für 6.000 bis 10.000 Euro, dann hätten wir schon zumindest mal was auf Kraftklub/Funny van Dannen-Level. Und wenn Thomas von The Robocop Kraus Tim Renner von Universal damals The Audience empfohlen hätte, dann vielleicht auch was auf Editors Level. Aber die Dynamik, die damals aus der Hersbrucker Schule kam, ist leider versandet. Erst, wenn die Städte in der Region populäre Musik als Standortfaktor erkennen (und nicht nur den Straßenbau) werden wieder Strukturen entstehen, die eine solche Dynamik begünstigen. Jetzt warten wir halt auf die erste Henne oder das nächste Ei …

LISA: Es ist ja andererseits nicht so, als würde jede andere Stadt turnusmäßig die nächsten großen Headliner auf den Markt werfen. Insofern: Glück. Geld. Connections. In der Reihenfolge. Ich glaube aber, dass wir das noch erleben. Das Potenzial ist da.

ANDREAS: Außerdem kommt aus der Kunsthochschule Nürnberg, überall anders die Wiege der überraschenden Musikimpulse, null. Niente. Nix.

Wie beurteilt ihr die Strukturen für NachwuchskünsterInnen in Nürnberg?

ANDREAS: Andi Jäger gibt sein Bestes für den Bezirk Mittelfranken, und die Musikzentrale hängt sich auch voll rein für Nürnberg. Alle Veranstalter — vom Stereo, über das E-Werk bis zur Desi oder dem O27 — sind zu 100% mit im Boot, eben weil es so viele großartige Talente gibt. NBG.POP zum Beispiel ist das Aushängeschild für lokale Musik, und die lokale Musikszene trägt zum nicht unerheblichen Teil NBG.POP. Was wir aber bräuchten, wäre ein Bewusstsein in der Stadtspitze, dass populäre Musik der Jugend Perspektiven bietet — und eine  Art der Wirtschaftsförderung ist. Was wir bei der Zwischennutzung sehen, ja selbst mit dem Z-Bau, sind Feigenblätter, wenn gleichzeitig hunderte Millionen in die E-Kultur (Konzerthaus, Staatstheater) gesteckt werde. Also strukturmäßig viel mehr für Agenturen, Labels, Studios und natürlich KünstlerInnen (in Form von Individualförderung) tun – die Verdoppelung des Budgets für Andi und die MUZ kann da nur der Anfang sein.

LISA: Wenn die MusikerInnen in jungen Jahren auf einen Grundstock an Geld und elterlicher Unterstützung zurückgreifen können, sind die Strukturen nicht so schlecht. Was aber an allen Ecken fehlt, sind Proberäume, Proberäume, Proberäume. Und wenn wir schon beim Wunschkonzert sind: Möglichkeiten zum Lernen, Üben und Instrumente Leihen für diejenigen, die nicht auf diesen Grundstock zurückgreifen können. Ich glaube, dass sich viel selbst weiterentwickelt, wenn genug Musiker da sind, die spielen wollen und sich trauen.

Die lokale Musikszene kann was, weil ...

LISA: Punkt. Nicht weil. Argumente gibt’s in unserer Spotify-Playlist.

ANDREAS: Lisa hat natürlich die viel coolere und perfektere Antwort als ich. Schon wieder. Glückwunsch. Dann setze ich auf Details: Ohne die Leute, die zumeist auf UND hinter der Bühne dies alles ermöglichen, wäre das Angebot viel, viel kleiner. Manchmal kommt es einem so vor, als ob jede neue Band,  jede/r neuen KünstlerIn als erstes mitbekommt, was andere so alles auf die Beine stellen, und gleich ihre eigenen Ideen umsetzen — und dann auch nebenbei noch spielen. Konzerte in der Tafelhalle wie im Kater Murr veranstalten, eine Sendung auf Radio Z haben, im Musikgeschäft arbeiten, Musik unterrichten, einen Plattenladen betreiben, und, ja, dann auch manchmal (oder öfters) selbst auftreten, das ist hier ja fast schon die Regel. Die Band verrate ich hier nicht, weil die schon zwei Mal genannt wurden …



LOKALE LEIDENSCHAFTEN.
jeden Donnerstag von 20 bis 21 Uhr auf Radio Z, 95,8 MHz.
leidenschaften.radio-z.net




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