Tibors Kopfkino #06

FREITAG, 1. FEBRUAR 2019

#DVD, #Film, #Kino, #Kolumne, #Tibor Baumann

Der Nürnberger Regisseur und Autor Tibor Baumann hat sich zwischen Drehbüchern und neuem Romanprojekt in Berlin versteckt – und schreibt für uns, worüber er am liebsten nachdenkt: massenhaft Bilder, die ab und an aus der Masse herausstechen. Gefangen zwischen Rausch und Disziplin wird hier an großem gearbeitet und im Kleinsten komponiert – am Anfang steht eben das Chaos. Und daher heute im Programm:

„IT’S A LITTLE BIT MUCH OF THE MUCH-MUCH…?“ ODER: DURCHEINANDER IST, WER EINANDER DURCH BRINGT

Auf gehts, ist ja schon der Januar vorbei! Plan und Produktion und los, los, los und: Action!


Okay, Termin Nummer 4, allerdings vor Termin 2 – der ist LOST -;
ich bin schon auf dem Weg. Rede mir ein, dass die Fahrt meine Pause ist. Hechtend schaffe ich es in die U-Bahn, fühle mich wie die Hauptfigur von KONTROLL. Unter dem Arm die Tasche mit den Notizen. Vollgepackt mit Möglichkeiten und neuen Filmideen und Notizen und Tinte und digitalen Buchstaben. Alles in Vorbereitung auf den irren Februar! Was da nicht alles ansteht. Was da nicht alles rennt. Vor allem, wenn der Januar schon wieder vorbei ist und das Kino aus seinem Winterschlaf erwacht, wird mir klar, wie das Jahr rennt:

Wir rennen wir der Hase mit ALICE vom Anfang zur Auferstehungen (die weder Scorsese noch Gibson interessierten), dann weiter durch diverse serielle Feiertage bis hin zu verrückten Kostümfesten, die nach Horrorfilmen heißen oder irische Kobolde zur Folge haben, streng auf die Nostalgiefilmzeit zu (bitte letzte Ausgabe zur Hand nehmen) und ZACK! fällt der in diesem Jahr zum ersten Mal in Britannien gezeigte Diener im DINNER für eine über den toten Kopf von SHIR KHAN (der übrigens von Andy Serkis besser inszeniert wurde in MOWGLI (Netflix) als im Aufguss aus dem Teehaus Disney).

Puh. Wow. Okay – ich muss mich beruhigen. Kopfhörer rein; ein Soundtrack macht alles besser, das wissen ABSOLUTE GIGANTEN.

Und dann kann ich mich nicht entscheiden. Welcher SONG TO SONG?  Was treibt mich hinein in die Pause und hin zum nächsten Akt? Was spiegelt die Entwicklung am besten wider oder unterstreicht das dramatische Scheitern. Das eine ist zu abgenutzt, aber ein echter Hit; das andere so gut, aber kennt keiner. Es gibt so viele Möglichkeiten.

Ah, ein freier Platz! Ich schiebe mich zwischen zwei Damen hindurch, die aussehen, als würden sie dem KÖNIG DER FISCHER dienen. Geschafft, ein Plätzchen, neben dem Typen unter dem Hoodie, der in bester MR. ROBOT-Manier, manisch auf sein Handy starrt.

Okay, Kontemplation, Dicker – jetzt!

Nix jetzt. Der Song wird unterbrochen; mechanisch und liebevoll wie HERs Stimme: „Call from…“ Die FARGO … Quatsch; die Frage ist, wo ich das unterbekomme, was mein Kollege jetzt noch von mir will, wird vom zusammenbrechenden Mobilfunknetz beantwortet – und von der gleichzeitig stehenbleibenden U-Bahn. Mit einem Geräusch wie der verendende Antrieb des Millennium Falcon erlöschen die Lichter in der U-Bahn.

Alles aus. Keine Bewegung, kein Soundtrack, kein Telefonat. Na, wenn’s nicht läuft, laufe ich eben weiter, denke darüber nach, was so läuft: in der Dunkelheit krame ich meinen Laptop heraus, erkläre die Sitzbank zum Büro und filme mich weg, hinein in mein Kopfkino:
Von A wie „aber von gestern“ bis Z wie „zukünftiger Hit“ – wir suchen uns den Weg zu den besten Klassikern von morgen. Hatten wir das nicht schon mal? Für alle, die sich erst einmal nur kurz umsehen müssen, um sich die Böller und die Kekse aus den Augenwinkeln zu reiben. Es folgt die Rückschau.
DIE FRAU DES NOBELPREISTRÄGERS (R: Björn Runge, KS:03.01.) warf ein Licht auf den Missbrauch der Frau und ihrem geistigen Eigentum. Eine ähnlich grausame und wichtige Emanzipation zeigt auch Darstellung von MARIA STUART (KS:17.01) in Josie Rourkes Film, die die zerstörerische Rolle des Mannes darin zu finden weiß, ohne Schuld zuweisen zu müssen. Ein bisschen mit Zuckerguss, aber eben auch auf der Suche nach der Gleichstellung ist Peter Farlelly mit seinem Film GREEN BOOK (KS: 31.01) gewesen. Und in BEAUTIFUL BOY (R: Felix van Groeningen, KS: 24.01.) wird sich sanft einer neuen Generation von Drogenopfern gestellt, auch ein bisschen in einer angenommenen Bildunsgbürgerschicht verortet, aber hey, der Wille zählt. Karies hin oder her, der Januar ist eben ein harter Monat:
Clint Eastwood bescherte uns sich selbst als THE MULE (KS: 31.01.) und macht einmal mehr klar, dass er immer faltiger und härter wird.
Aber irgendwie hängen wir ja schon im Februar. Da wird uns ein Großaufgebot geschenkt. Die ehemaligen Underdogs – in diesem Fall Robert Rodriguez – werden ausgepackt um großen Pop zu inszenieren: mit ALITA (KS:14.02) kann ein feuchter Mangaka Traum (vielleicht) wahr werden. Und die etablierten Hochkünstler dürfen ihre Verwandlungsfähigkeit präsentieren: Christian Bale und Kollegen verwandeln sich und Adam McKay inszeniert mit VICE (KS: 28.02.) (nach seinem brillanten THE BIG SHORT, 2015) ein weiteres politisch-ökonomisches Desaster, diesmal rund um den Mann hinter, neben und an der Seite von George W. Busch, Dick Cheney. Das verspricht großes Kino.
Mal ehrlich, wer kommt schon noch nach? Die Aufholjagd zwischen Real und Film (oder umgekehrt) wird immer schneller. So bringt HBO von HOLMES-Regisseur Toby Haynes mit Benedict Cumberbatch, der zeigen darf, was in ihm steckt, BREXIT (19. Februar - erhältlich TBA), bevor der Gleichnamige fertig ist schon mal den Werdegang der Katastrophe. Gleichzeitig werden alte Hüte groß produziert und zur Innovation förmlich getrieben, wie das Experiment der Folge BANDERSNATCH des anthologischen Dystopie-Serien-Formats BLACK MIRROR (Netflix, seit 28.12. – gehyped seit Januar). Ob das Format der Zuschauerentscheidung wirklich so innovativ und filmisch ist, da ließe sich drüber streiten.

Und die Deutschen dürfen jetzt auch! So hat TNTs 4BLOCKS (3. Staffel in der Mache) nun einen Netflix’schen Bruder DOGS OF BERLIN und setzt mehr auf Inszenierung, denn den realen Zauber aus Tausend und einer Nacht in der Sonnenallee.
Apropos Berlin - der Lilalaune Bär zeigt dieses Jahr (Berlinale) um die 400 Filme, unter anderem das neue Werk des (jetzt wieder) geliebten Fatih Akin, der mit DER GOLDENE HANDSCHUH (KS: 21.02) den brillanten Wurf des Herrn Halfpape aka Heinz „Heinzer“ von und zu Strunk (Rowohlt, 2016) verfilmt. Ich kann mich an eine Party im März 2017 erinnern. Da war das Buch gerade einmal drei Monate alt. Und ich stand beschwipst im beschwipsten Produzentenkreis und lauschte, wie sie sich spekulierend um die möglicherweise goldenen Nase und den möglichen RegisseurIn, die an eben jener hängen könnte, stritten.

Da hat noch niemand das Wort NetflAmaTNTTeleHBOderwiesieheißen in den Mund genommen. Aber streiten heute auch alle, nur eben auf anderer Ebene: Da stellt sich doch Netflix tatsächlich hin und macht dem Kino eine Absage – nur, um sich dann Alfonso Curaón einzukaufen. Die Schlitzohren lassen den Mann den in brillierendem schwarz-weiß gedrehten ROMA machen, die Ereignisse der Fronleichnam-Massaker (kein Wortwitz!) von 1971 in Mexico verarbeiten. Das in biographisch-politische Werk wird prompt von einigen Kinos folgerichtig boykottiert – und vom Produzenten Netflix einfach auch noch auf die Plattform gestellt. Und HBO droht, den WATCHMEN Trailer – holt also die angeblich intellektuellere Superheldenfassung in ihr Haus – während Netflix mit VELVET BIZZSAW (R: Dan Gilroy) der am 01.02. auf Netflix startet, Kunst und Horror über eine großartige Besetzung hinweg zusammenführt – und wieder in ausgewählten Lichtspielhäusern flimmern soll.
Bevor ich jetzt implodiere streiche ich mir Balsam auf die Augen und fliehe in etwas, das ich auswendig kann und meinen Geist trotzdem nährt und füttert, inspiriert und durch die Mangel dreht – und sehe mir noch einmal RICK & MORTY an; alle drei Staffeln dieser wunderbaren Figuren aus dem Hirn des großen Dan Harmon. Der hat übrigens die brillante Comedy-Serie COMMUNITY (auf DVD und BluRay und bei Amazon und bei Hulu und bei iTunes und bei deiner Mutter erhältlich!) entworfen. Für alle Fans: für RICK & MORTY sind siebzig (jaja! f$/!!ng 70! Ha! Lalala!) neuen Folgen bestätigt. Wann ich das dann alles ansehen, das weiß ich noch nicht. Aber ich werde!

Und der Ausblick?
Die vielen tollen Stars und Sternchen, die wir bei den GOLDEN GLOBES (6. Januar) schon einmal sehen konnten noch, wandeln noch einmal für uns in der wilden Nacht der OSCARS (25. Februar) an.
Nächsten Monat, liebe Freundinnen und Freunde der zarten Überlastung, sprechen wir dann einfach nur über rote Teppiche zwischen Berlin und Nürnberg, von L.A. bis Istanbul und zurück. Das wird auch schön!

Bis dahin allen eine gute Aufholjagd – oder aber: Mut zur Lücke!
(Und wer das Zitat im Titel kennt, darf das gerne mit dem Namen der Serie unter meinen Instagrampost zur Februarausgabe schreiben …heißer Tipp: der geliebte Titel kommt oben vor!)


UND WO KANN MAN TIBOR ERLEBEN?
In der Radio Bernstein Nr. 69 – Sonntags-Podcastshow!
Hier wird sein kulturkritisch-expressionistischer Bildungsroman „Drei Minuten für jeden“ multimedial auf der Grenze zwischen Lesung, Theater und Performance inszeniert – mit den Klängen von Arno Lang und der Stimme von Lukas Münich, die wie aus dem Off eine begleitende Ordnung ist.

Sonntag, 17.02., 18 Uhr
GALERIE BERNSTEINZIMMER
Großweidenmühlstraße 11, Nbg
AK 8,- / erm. 6,-.
www.tiborbaumann.de
 




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