Theater Wegweiser Oktober

MONTAG, 1. OKTOBER 2018

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Bühne frei für charmante Hochstapler, rappende Götter und zärtliche Planierraupen – Zweite Runde der neuen Saison: Was die Theater in Nürnberg, Erlangen und Fürth für ihren Goldenen Oktober an Überraschungsbonbons auf Basis-Nährwert planen.

HEIDI VON DER ALM GRÜSST HOLLYWOOD-MUSICAL

Bricht am Opernhaus noch vor dem Auftritt eines singenden „Busenwunders“ die neue Musical-Epoche mit Hochstapelei an, erobert das Schauspiel die lange Zeit vernachlässigte Antike im Sturm, oder setzt es lieber auf die Erbschleicherei bei den verblichenen Monty Pythons? Kann auf großer Bühne in Fürth die bittersüße Schaukelburschen-Moritat „Liliom“ kitschfrei gelingen, und wohin steuert die handverlesene Tanz-Avantgarde in der Tafelhalle? Fragen über Fragen. Oder findet man Antworten eher im kleineren Format, wenn Heidi auf der Schweizer Alm unter der brummigen Schirmherrschaft vom „Großvattr“ den Geißen-Peter trifft (Theater Pfütze) und die Zärtlichkeit einer Planierraupe im Puppenspiel platterdings als PS-Poesie mit Kino-Rückkoppelung bewiesen wird (Salz + Pfeffer). Es gibt viel zu sortieren in diesen Spielplan-Wochen bis Anfang November.


STAATSTHEATER NÜRNBERG

PREMIERE: Im Schwarzweiß-Stil des Film Noir, den coolen Tricks dieses Genres mit dem gewissen Augenzwinkern zugetan, setzt der junge Autor Alexander Eisenach (das Stück „Der kalte Hauch des Geldes“ war bislang sein größter Erfolg am Frankfurter Theater) in der biologisch zertifizierten Thriller-Story DER ZORN DER WÄLDER den Privatdetektiv Pritchet auf die Spur eines Verschwundenen. Sozialterroristen schmieden da in sumpfiger Natur dubiose Befreiungspläne. Die Uraufführung im Vorjahr in Bonn wurde allseits gelobt. Als Interpret des eigenen Textes ist der hauptberufliche Regisseur Eisenach freilich auch für Nürnberg nicht zu haben, das macht hier der junge Kieran Joel, dessen frisches Diplom von der Berliner Ernst-Busch-Hochschule am Münchner Volkstheater zu doppeltem Shakespeare, erst „Romeo und Julia“ und dann „Ein Sommernachtstraum“, führte. Lauter Neue in Aktion, fünf Personen kann der örtliche Theaterfreund an diesem Abend auf offener Szene kennenlernen.
Premiere: 5. Oktober in den Kammerspielen. Weitere Termine 6., 10., 20., 21. Oktober.

PREMIERE: Kino-Großmeister Steven Spielberg hat die Verfilmung dieser Hochstapler-Story mit dem jungen Leonardo DiCaprio 2002 wie eine Entspannungsübung nach drei „Indiana Jones“-Produktionen hingefetzt. Man könnte das Ergebnis daheim überprüfen, denn CATCH ME IF YOU CAN gehört zu den ewig kreisenden Hollywood-Titeln in der TV-Wiederholungsschleife. Die zehn Jahre später entstandene Musical-Fassung von Filmkomponist Marc Shaiman, der schon mit dem Jux „Hairspray“ ins ewige Gedächtnis der Kino-Frechheiten eingezogen war, gab dem sympathischen Fluchthelden, der absturzgefährdete Pseudokarrieren als unrechtmäßig und sehr unkonventionell praktizierender Pilot, Arzt und Anwalt gegenüber jedem geordneten Leben bevorzugt, noch mal anderen Schwung. Jetzt wird zum Betrug gesungen und getanzt, was im Strafgesetzbuch bekanntlich gar nicht vorgesehen ist. Der schon in jüngsten Jahren zum Theater drängende David Jakobs, der die Hauptrolle auf der Bühne übernimmt, gehört in der aktuellen Ensemble-Liste zur Sonderkategorie „Musical-Darsteller“ – er hat schon zu Bremerhaven den Judas in „Jesus Christ Superstar“ gestemmt, aber auch in Berlin die Titelrolle in der Disney-Produktion „Der Glöckner von Notre Dame“. Und in München kürzlich den Claude in „Hair“, den einst Jürgen Marcus wochenlang im Tourneezelt auf der Wöhrder Wiese spielte. Für Nürnberg ist das neue Stück nach den Jahren der konservierbaren Broadway-Oldie-Fixierung jedenfalls ein entschlossener Schritt in Richtung Gegenwart. Groß war die Regisseursauswahl an deutschen Kennern & Könnern in dieser Sparte nicht, doch Gil Mehmert, der auch als Hochschul-Professor „Musical“ lehrt und dabei keine Angst vor dem Einstieg in Ranschmeißer-Projekte wie „Wahnsinn“ (ja, Wolfgang Petry) kennt und ebenso in seiner Künstlerbiografie die Show zum Film „Das Wunder von Bern“ auflistet, gilt als sichere Nummer. Er führt Regie mit einem extra engagierten Spezialteam für gelenkigen Frohsinn. Dirigent Jürgen Grimm, der Pop und Jazz studierte und neben „Evita“ auch schon „Hair“ einstudierte, versucht es erneut mit einer verstärkten Swing-Auslese auf Staatsphilharmonie-Basis.
Premiere: 6. Oktober im Opernhaus. Weitere Termine 9., 19., 26. Oktober.

PREMIERE: Mit anderen Ortsangaben könnte dies auch eine Nachricht aus der Tagesschau sein: Nach zehn Jahren Krieg ist Troja ein Trümmerfeld, das die Sieger in ihrem Gewaltwahn aber nicht ruhen lässt. Überlebende Frauen werden verschleppt, das Ungeheuerliche produziert ständig neue Ängste über „das Fremde“ und ist nicht mehr einzufangen. Mit DIE TROERINNEN von Euripides schließt Jan Philipp Gloger tatsächlich eine Nürnberger Spielplan-Lücke, denn die „zeitlose“ griechische Antike aus dem vorchristlichen Jahrtausend gehört hier seit Jahrzehnten zu den Seltenheiten im klassischen Angebot. Die legendär rockigen „Reiter“ des Aristophanes in Regie von Stavros Doufexis sind runde 50 Jahre her. Glogers Inszenierung ist ein Duplikat mit Upgrade, sie entstand in erster Fassung am Badischen Staatstheater Karlsruhe und die Übernahme wird mit der Uraufführung eines Textes von Euripides-Übersetzer Konstantin Küspert (der Frankfurter Autor und Dramaturg gewann mit „europa verteidigen“ den Publikumspreis der renommierten Mülheimer Theatertage) neu positioniert. Der POSEIDON-MONOLOG, als Ergänzung für Nürnberg entstanden, ist die programmatische Enttäuschungsrede des Meeres-Gottes über das Versagen der Menschheit. Damit stellt sich Sascha Tuxhorn vor, der am Nationaltheater Mannheim in hundert Vorstellungen von „Bitchfresse“ z.B. auch ein erfolgreicher Rapper war. Mit Julia Bartolome (Andromache), Thomas Nunner (Menelaos) und Michael Hochstrasser (Unglücksbote Talthybios) ist das zudem die Premiere mit den meisten Beteiligten „von früher“.
Premiere: 7. Oktober im Schauspielhaus. Weitere Termine 12., 25., 31. Oktober.

PREMIERE: Wenn ein Theater die eigene Lustspiel-Produktion als „turbulenten Unfug“ ankündigt, muss man sich auf höllisches Gelächter oder große Missverständnisse gefasst machen. Die Deutschland-Premiere von KOMÖDIE MIT BANKÜBERFALL aus der Feder von drei britischen Autoren und zwei deutschen Übersetzern beruft sich auf den ebenfalls überwiegend kollektiven Humor der Monty Pythons, was von gewissem (Über-)Mut zeugt. Die Besetzungsliste wimmelt vor Taschendieben, Trickbetrügern, Häftlingen, Agenten und Bankdirektoren – dem geradezu logischen Personal für einen Musterkatalog von Zwielichtgestalten. Regisseur Christian Brey (er arbeitete einst für Harald Schmidt bei dessen Late Night Show) holt einen Kampf- und Akrobatiktrainer (Ingo Schweiger) zur Hilfe, um den Pointen-Tumult mit zwölf Tätern zum Spektakel zu ordnen.
Premiere: 20. Oktober im Schauspielhaus. Weitere Termine 21., 23., 27. Oktober.

COMEBACK: Ein einsamer Gruß aus der vorigen Saison: Rebekka Kricheldorfs böse Satire ROBERT REDFORDS HÄNDE SELIG über deutsche Kombination von Tourist und Freigeist, wo die wahre Bestimmung gerne mal redselig träumend beim Ausspannen im afrikanischen Safari-Camp zu suchen ist. Pointensicher inszeniert von der Saarbrücker Schauspieldirektorin Bettina Brunier, die zuvor schon auf einer Jelinek-Textfläche gute Figur machte, bleibt das als einzige Produktion der Ära Kusenberg erhalten. Außerdem gehören Adeline Schebesch und Thomas Nunner schließlich zum überschaubaren Rest derer, die den Intendantenwechsel überlebten. „Stück und Inszenierung haben das Zeug zum Publikumsrenner“, schrieb der SZ-Kritiker Ende April euphorisiert. Das ist mit seither sechzehn Vorstellungen noch längst nicht abgeschöpft.
Termine: 24., 26. Oktober in den Kammerspielen

PREMIERENFRISCH: Mit der Wiederbelebung des einstigen Bildungsbürgerschrecks Eugène Ionesco, Miterfinder und Serientäter des sogenannten absurden Theaters, der ab 1960 herrschende Bühnen-Traditionen wortgewandt mit drastischer Rätsel-Dramatik unterminierte, startete der neue Nürnberger Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger seine Amtszeit. Das gewollt wagemutige Ionesco-Projekt EIN STEIN FING FEUER nimmt die früh für Studioexperimente berühmten, in der verbleichenden Erinnerung geradezu klassisch provokant wirkenden Stücke DIE KAHLE SÄNGERIN und DIE UNTERRICHTSSTUNDE (in der Nürnberger Theatergeschichte erst in den Kammerspielen, dann im Schauspielhaus realisiert) vermischt mit weniger bekannten Texten des schrägen Poeten, ausdrücklich als Comeback an der Mülldeponie alternativer Fakten. Es geht um Macht im Spiel, wenn Worte ihren eigenen Sinn-Rohbau lustvoll detonieren lassen. Immerhin will nun 2019 auch Oldmaster Claus Peymann (82) am Wiener Burgtheater eine Ionesco-Wiederbelebung versuchen, nachdem es sein gleichaltriger und ähnlich berühmter Schweizer Kollege Werner Düggelin in Basel schon getan hat. Glogers Nürnberg-Debüt fällt zweifellos aus dem Rahmen des Üblichen.
Termine: 14., 24., 26. Oktober im Schauspielhaus.

PREMIERENFRISCH: Der international an vielen Orten verwurzelte Schweizer Projekttheatermacher Boris Nikitin, der bereits daheim in Lausanne mit seinem „Versuch über das Sterben“ durch gesteuerte Todesahnungen auffiel, entwickelte für den Saisonstart der Kammerspiele die AUFFÜHRUNG EINER GEFÄLSCHTEN PREDIGT ÜBER DAS STERBEN. Ein Schauspieler, ein Performer und zwei extra engagierte Gospel-Chöre aus der Region nutzen das Format der evangelikalen Predigt zum theatralischen Sinnstiftungsfest mit der Frage, „wie Verletzlichkeit zur Fähigkeit werden kann“.
Termine: 11., 13., 19. Oktober in den Kammerspielen.

PREMIERENFRISCH: Mit Anton Tschechows DIE MÖWE, der weltweit wie ein immerwährendes Sensibilitäts-Hochamt geschätzte Blick in die (nicht nur russische) Seele, gibt die neue „Hausregisseurin“ Anne Lenk (40), die sonst an den ersten Adressen zwischen München, Berlin und Hamburg ihre Bahnen zieht, ihre Visitenkarte ab. Die Geschichte von den schwatzenden Sommergästen auf Egotrip, die bei ihrer Suche nach dem Glück, ersatzweise: der Kunst, ohne Rücksicht auf Verluste verbal über ihre Partner hinwegwalzen, ist denkbar subtilste Entlarvung. Lachhaft, wie sich die Figuren zwischen Hochmut und Wehmut spreizen – aber herzergreifend, wo sie im Scheitern immer noch selbstbetrügerisch Vertrauen und Halt suchen. „Komödie“ ist das offiziell genannt, Tragödie wird es mindestens gleichberechtigt. Großes Schauspielertheater.
Termine: 11., 13., 28. Oktober im Schauspielhaus.

PREMIERENFRISCH: Die Projektgruppe „geheimagentur“ machte im Vorjahr in der Zwischennutz-Kulisse der Südstadt-Kaufhausruine ihr Ding. Jetzt steht sie an der Spitze des Spielplans, der in der bisherigen BlueBox vorbereitet wird, quasi oben. Der Ort ist in einer Reformwallung eigener Art auf den prickelnden Namen „3. Etage“ umgetauft, was künftig für ein ständiges Kommunikationszentrum zwischen Künstlern und Publikum stehen wird. Mit DAS KABINETT DER VEREINIGTEN VERGANGENHEIT soll im Zeit-Sprung 1918/1968/2068 Weltliteratur, Zeitgeschichte und Vor-Ort-Recherche zur großen Frage gerafft werden: „Was fordert die Vergangenheit von der Gegenwart für die Zukunft?“. Eine „wirkliche politische Debatte“ versprechen die Initiatoren.
Termine: 6., 11., 13. Oktober in der 3. Etage, Schauspielhaus.

PREMIERENFRISCH: Größer geht es kaum, seltener auch nicht.  Jens-Daniel Herzog setzte an den Beginn seines ersten Nürnberger Jahres die kolossale Rarität KRIEG UND FRIEDEN des russischen Komponisten Sergej Prokofjew frei nach dickleibiger Tolstoi-Weltliteratur. Deutlich mehr als vier Stunden reine Spieldauer braucht die Musik in der längsten aller Bearbeitungen eigentlich, nach einer örtlichen Schlankheitskur ist ein Fünftel davon abgespeckt. Eine Wucht bleibt das so oder so. Von kundigen Opernführern ist Prokofjews nicht oft zu erlebendes Schlachtengemälde als „eins der umfänglichsten Werke in der Geschichte des Musiktheaters“ eingestuft. Eine Legende, von der es nie die abschließend „authentische Fassung“ gab, lebt mit der Einschätzung, dass faktisch jede ambitionierte Neuproduktion zur Schaffung einer eigenständigen Uraufführung aufgerufen sei. Für die junge Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz, die in dieser Saison auch schon an der Bayerischen Staatsoper in München mit russischer Oper gastiert („Eugen Onegin“), ist das eine von nur zwei Premieren vor Ort. Zunächst waren wahnwitzig viele Rollen zu besetzen, von den 72 in 13 Bildern sind immerhin 40 übrig – und die werden von 23 Solisten nebst Chor bewältigt. Interessant vor allem, was heute im zweiteiligen Ur-Epos aus dem Russland zwischen 1809 und 1812 in der Fantasie des Zuschauers aufscheinen mag: Wie der Komponist  aus dem Tolstoi-Psychogramm eines ganzen Volkes die vaterländisch pathetische Polit-Gleichung von Napoleons Einmarsch 1812 mit dem Überfall von Hitler-Deutschland 1941 rund um die unverzichtbare bittere Lovestory hinbiegt, stellt das alle Interpreten vor herausfordernde Aufgaben in der Klemme zwischen Kunst und Plakatierung. Das schon 1944/45 konzertant mit Klavier aufgeführte Stück, später vielfach in Teilen abgeändert, hatte erst nach dem Tod des Komponisten 1955 so etwas wie inoffizielle Uraufführung. Msistlav Rostropovitch studierte 1986 in Paris die einzig weithin anerkannte Gesamtaufnahme ein, mit Stars wie Galina Wischnewskaja und Nicolai Gedda. Man kann davon ausgehen, dass dieses sehr besondere Werk in Nürnberg jetzt zu sehen ist – oder nie.  
Termine: 3., 7., 13., 21. Oktober im Opernhaus.

COMEBACK: Ehe Goyo Montero im Dezember seine lange Serie von neu gedeuteten Ballettklassikern mit “A Summernights Dream” erweitert, holt er den explosiven Dreifachabend POWERHOUSE zurück in den Spielplan. Zur aktuellsten eigenen Kreation „Imponderable“ hat der Spartenchef umjubelte Choreographien der internationalen Aufsteiger-Stars Hofesh Shetcher und Alexander Ekman für seine Compagnie leasen können. Wunderbar!
Termine:12., 20., 22., 25., 28. Oktober im Opernhaus.

PREMIERE: Die Fallstudie eines „Busenwunders“ als nicht ganz übliches Opernthema. Die ehrwürdige Royal Opera in London hat 2011 die Vertonung der durchaus schummerlichtigen Biografie in Auftrag gegeben, und so wurde aus der für Rundflüge durch Männerfantasien chirurgisch gestylten Kurvenkönigin mit frühem tragischen Ende so etwas wie die Neuzeit-„Traviata“. ANNA NICOLE, die im richtigen Leben das üppige Fotomodell Anna Nicole Smith war, tritt hier in großer Pose als eigendynamisches Opfer auf. Vielleicht ist die aufgerundete Kunstfigur aber auch eine singende Vision aus Jayne Mansfield und Dolly Buster, Protagonistin für das auf Noten gebettete Doku-Drama mit umstrittenem Psycho-Anspruch? Komponist Mark-Anthony Turnage (58) gilt als respektabler britischer Vertreter der Neuen Musik, was in seinem Fall oft eine Vorliebe für stilistische Mixturen aus Jazz und Klassik bedeutet. Mit den Opern ist er in Deutschland noch nicht wirklich „angekommen“, doch Nürnbergs neuer Intendant holte das unkonventionelle Musiktheater, das einige mäkelnde Kritiker zur unheimlichen Operette runterstuften, zwei Jahre nach der Uraufführung schnell für die Deutschland-Premiere in eigener Regie an sein Dortmunder Opernhaus – übrigens war Jac van Steen, der langjährige Chefdirigent der Nürnberger Symphoniker, dabei der musikalische Leiter. Fünf Jahre später wird das nicht einfach als „Übernahme“ angekündigt (Dirigent ist jetzt der Kapellmeister Lutz de Veer), aber die Titelrolle übernimmt wieder Emily Newton. Die außergewöhnlich vielseitige Sopranistin aus Texas gehört zum neuen Nürnberger Opern-Ensemble und sie hat seit 2014 in Dortmund gezeigt, dass sie die Strauss-Marschallin vom „Rosenkavalier“ ebenso kann wie Cole Porters „Kiss me, Kate“ und Verdis Desdemona. Wenn sie in Nürnberg den Special-BH in der Requisite entsorgt hat, wartet wohl mit Mozarts betrogener und betrügender Fiordiligi in „Cosi fan tutte“ eine subtilere Aufgabe.
Premiere: 3. November im Opernhaus.

STAATSTHEATER NÜRNBERG.
Richard-Wagner-Platz 2-10, Nbg.
staatstheater-nuernberg.de


GOSTNER HOFTHEATER

PREMIERENFRISCH: Von dieser Produktion darf behauptet werden, dass sie das Publikum bewegt. In BEING DON QUIJOTE!, sehr frei nach Cervantes, von Regisseur Laurent Gröflin in der Fassung von Christine Haas auf ein Trio-Drama konzentriert, werden die Zuschauer zu mehreren Aktionsstationen durch Gostenhof und womöglich zu persönlichen Erkenntnissen über die Kraft der Liebe geleitet. Bei den Windmühlenflügeln muss der Ausstatter auf die Emphase des Titelhelden gleichermaßen wie auf die Fantasie der Zuschauer setzen. Das Publikum marschiert mit den drei Akteuren (Barbara Seifert, Tammo Winkler, Thomas Witte) vom Theaterhof zur Naturkulisse eines verwilderten Gartens und für halbamtliche Läuterungsversuche in die nahe Dreieinigkeitskirche. Wo die Wahrheit steckt und was die Träumerei anrichtet, wird in „verwunschenen Hinterhöfen“ erörtert – ehe alle beglückt/entzückt zurück zum Ausgangspunkt „Theater“ eilen. Der Ritter von der traurigen Gestalt, der immer gegen alle Niederlagen ein optimistischer Hoffnungsträger bleibt, gibt niemals auf. Mobile Philosophie mit Witz. Die Musik von Robert Oschatz sorgt dafür, dass die nachzuckernde Broadway-Dulcinea im Ruhestand bleiben kann.
Termine: 3. bis 6. und 11. bis 13. Oktober in Gostenhof.

GOSTNER HOFTHEATER
Austraße 70, Nürnberg
gostner.de


TAFELHALLE

GASTSPIELE: Zwei Tanztheater-Projekte, die ihre eigenen Regeln aufstellen, gastieren zum Saisonbeginn in der Tafelhalle – nehmen also einen künstlerischen Schwerpunkt von dort gleich wieder auf. Der arabische Choreograph OMAR RAJEH (der schon mit dem Stück „Beytna“ bei Kaffee und Tanz einen überraschenden Auftritt im Haus hatte), kommt mit dem MAQUAMAT DANCE THEATRE und der Produktion #MINARET. Was das alltägliche Chaos mit den Menschen macht, will er zeigen, wenn er mit der Drohne filmend die Kulisse für Körper-, Stimm- und Klangbilder schafft. (5. Oktober) .
Auf zwei Krücken tanzt die Schottin Claire Cunningham. Das ist kein Gag, sondern die Normalität ihrer artistischen Bewegung. Der amerikanische Choreograph Jess Curtis hat sie bestärkt in der Parole „Jeder kann tanzen“ und mit ihr die inzwischen weltweit gefeierte Performance entwickelt, die scheinbar ewige Gesetze dieser einst in der eigenen Makellosigkeit gefangenen Kunst souverän in neuen Freiraum umdeutet. THE WAY YOU LOOK (AT ME) TONIGHT ist ein vehementer Sprung über körperliche Grenzen. (30./31. Oktober).

TAFELHALLE.
Äußere Sulzbacher Str. 62, Nbg
tafelhalle.de


THEATER PFÜTZE

PREMIERE: Im Vorjahr wurde mit „Der Name der Rose“ nach dem Buch des Italieners Umberto Eco und dem auf andere Art erfolgreichen Film mit Sean Connery ein steiler literarischer Sprung über Pfütze-Dimensionen gewagt. Jetzt soll die Schweizer Allzeit-Poetin Johanna Spyri ihre HEIDI ins Rennen schicken. Beide Titel sind neben Kinostoff auch internationales Kulturgut, aber das Waisenkind zwischen Berg und Tal macht eindeutig das kompatiblere Familientheater. Da können mindestens drei Generationen miteinander rein, wenn die eisigen Welten von Großstadttanten und Almgrantlern unter der gleißenden Sonne der optimistischen Kinder dahinschmelzen. Christof Lappler inszeniert ein Quintett durch Wald und Flur, Bühnenbildner Andreas Wagner holt die Schweizer Höhen ins fränkische Flachland.
Premiere: 12. Oktober, Familienpremiere 14. Oktober, weitere 21 Vorstellungen ab 19. Oktober bis 11. November.

THEATER PFÜTZE
Äußerer Laufer Platz 22, Nbg
theater-pfuetze.de


THEATER MUMMPITZ

PREMIERE: So entspannt spielerisch beim Überwinden der Generationsgrenzen wie das Theater Mummpitz sind nur wenige Kinder-
theater. Zum Stil des Hauses gehört es, mit poetisch optimistischen Geschichten oft die Jüngsten und die Ältesten gleichermaßen zu packen – und die Generationen dazwischen gleich mit. Chefregisseurin Andrea Maria Erl wird das auch bei der Inszenierung von Martin Baltscheits NUR EIN TAG beachten. Eine Tiergeschichte mit unabweisbar schnellem Verfallsdatum, wo Wildschwein und Fuchs ausgerechnet mit einer Eintagsfliege Freundschaft schließen. „Wer nur einen Tag hat, der braucht das ganze Glück in 24 Stunden“, sagt das pragmatische Wald&Wiesen-Duo. Und handelt danach: Die Zeit mag schnell vergehen, aber das Leben lohnt sich. Kinder ab 6 und Erwachsene ohne Ende sind willkommen beim Wunder der Express-Existenz. Clara Jochum sorgt live für den Soundtrack, Michael Bang, Stefan Drücke und Christine Mertens sind tierisch im Einsatz.
Premiere: 13. Oktober im Theater Mummpitz, weitere Termine 14., 20. Oktober.

THEATER MUMMPITZ
Michael-Ende-Str. 17, Nürnberg
theater-mummpitz.de


THEATER ERLANGEN

PREMIERENFRISCH: Politische und spielerische Ambition im Doppelpack: Eine interaktive Game Show zur Rettung der Welt unter dem Titel RESET: EARTH soll „nachhaltige und ausgeglichene Gesellschaft simulieren“, vorbei an den absturzgefährdenden Klimagipfeln. Das Gewinnerkonzept im Erlanger Regienachwuchswettbewerb (Caspar Bankert, Hannes Kapsch, Johanna Kolberg) lädt zur interaktiven Show. Samt der Frage, ob man nicht auch „in echt“ damit beginnen sollte, eine neue Welt zu bauen. Antwort wird in jeder Vorstellung gesucht.
Termine: 6. und 7. Oktober in der Garage.

PREMIERENFRISCH: Was mag die New Yorker Gesellschaft wohl dazu sagen, wenn sie in Erlangen/Germany auf offener Bühne seziert wird? Wir vertrauen auf Trump und Twitter. Jedenfalls war die aktuelle Intendanz des kurz vor dem 300. Geburtstag stehenden Markgrafentheaters blitzschnell, denn Salman Rushdies bislang neuester, zuverlässig spannend fabulierender Roman GOLDEN HOUSE von 2017 hat grade erst die deutsche Bestsellerliste geräumt. Er erzählt von einem Filmemacher, der die dekadent erscheinende Milliardärsfamilie der Goldens (Patriarch Nero und seine erwachsenen Söhne) im Nachbarhaus der Metropole so interessant findet, dass er in ihnen das passende Personal für ein Drehbuch zur Zeitgeschichte sieht. Doch dann nimmt alles unvorhersehbare Wendungen, der amerikanische „Pate“ heiratet eine junge Russin mit undurchschaubarem Hintergrund, das Golden House erbebt in seinem massiv goldenen Fundament. Eine Gesellschaft „zwischen Obama und Trump“ gerät unters Vergrößerungsglas der kampflustigen Poesie. Im Roman ist das Schock und Genuss zugleich. Thomas Krupa seziert sein Theater zum Buch „mit den Stilmitteln des Films“. Er hatte in Erlangen schon Josef Bierbichlers spröden Text „Mittelreich“ werktreu breitspurig und sperrig auf die Bühne gebracht, nun dramatisierte und inszenierte er diese ganz andere Art von dichterischer Üppigkeit mit Video und Musik.
Termine: 7., 8., 17., 18. Oktober im Markgrafentheater.

COMEBACK: Der Untertitel „abendland. ein abgesang“ sagt über das Stück von Thomas Köck noch mehr als PARADIES SPIELEN. Katja Otts schnelle Erlanger Inszenierung kurz nach der preisgekrönten Veröffentlichung des Textes, der fünf Reisende und einen mysteriösen Zugbegleiter „im ewigen ICE“ durch eine Gesellschaft kurz vor dem Kollaps rasen lässt, fand viel Beifall. Umstrittener blieb Mirja Biel mit ihrer auf gleicher Bühne entstandenen Regie zu Ödön von Horváths Kasimir und Karoline – was auch daran lag, dass parallel in Nürnberg Georg Schmiedleitners Produktion zu sehen war. Doch jetzt ist das „Volksstück“ in Erlangen für die zweite Runde konkurrenzlos.
Termine: „Paradies spielen“ ab 12. Oktober, „Kasimir und Karoline“ ab 21. Oktober im Markgrafentheater.

WIEDERSEHEN MACHT FREUDE: Eine Welle von Dauerläufern macht den Erlanger Spielplan bunter denn je. Vor allem in der Garage ist von Goethes DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER in der fünften Saison und nun mit Amos Detscher in der Titelrolle (ab 10. Oktober) bis Wolfgang Herrndorfs TSCHICK als Live-Hörspiel (ab 26. Oktober) der kleine Kult in der „Garage“ geboten. Beides sind übrigens Inszenierungen von Eike Hannemann, der auch in Nürnberg u.a. mit dem Hör-Spiel „Winnetou“ erfolgreich war.

THEATER ERLANGEN
Theaterplatz 2, Erlangen
theater-erlangen.de


THEATER FÜRTH

PREMIERE: Eine große Schauspiel-Eigenproduktion gehört zu den stabilen Ehrgeizstrukturen des Hauses. Letzte Saison Brechts „Mutter Courage“, diesmal Ferenc Molnárs halbbitteres Volksstück LILIOM, das einst sogar Hans Albers in Pose des Volksfestschaukelburschen als kombinierten Kino- und Bühnen-Star bestätigte. In Fürth geht der fränkische Regie-Paradiesvogel Barish Karademir (manche halten ihn für ein wildes Semi-Genie, andere für einen umsichtigen Imitationsartisten), der zwischen Gostner, Tafelhalle und Fürther Theater in den letzten Jahren schon allerlei Projekte wagte, ans gefühlige Werk. Er wird in der anlaufenden Saison später auch wieder mit einem Politstück von Falk Richter in der Tafelhalle präsent sein und im nahen Ingolstadt im Januar die Adaption von Michel Houellebecqs „Ausweitung der Kampfzone“ inszenieren. Mit dem Liliom, diesem so moralfreien wie in Maßen gewaltbereiten Selbstverwirklicher, kann er womöglich den Mainstream-Nihilismus des französischen Autors mit den radikal nihilistischen Hintergedanken schon mal auf Umwegen anpeilen. Zehn Personen spielen bei der Molnár-Großproduktion in Fürth.
Premiere: 17. Oktober im Stadttheater. Weitere Termine 18., 19., 20., 21., 23., 24. Oktober im Stadttheater.

PREMIERE: Urs Widmers Satire über leitende und leidende Angestellte im Prozess der qualifizierten Aussortierung mit dem sarkastischen Titel TOP DOGS forderte vor knapp 20 Jahren das Nürnberger Ensemble heraus. Es gab Widerstand von Schauspielern gegen die Freiheiten, die der Autor seinen Interpreten einräumte, denn statt handfester Kulissen musste das rollende System der Bürostühle das ungesicherte Fundament der Dramatik symbolisieren. Dann wurde die Aufführung allerdings eine der besonders erfolgreichen. In Fürth, wo der 2014 verstorbene vielseitige Autor aus der Schweiz den Jakob-Wassermann-Literaturpreis erhielt, nimmt sich das lokale „Baggasch“-Ensemble um Ute Weiherer im Auftrag des Stadttheaters des Textes an. Könnte sein, dass die Bankenkrisen neue Brisanz auf die Story geladen haben.
Premiere: 11. Oktober im Kulturforum. Weitere Termine 12., 13., 14., 18., 19., 20., 21. Oktober.

GASTSPIEL: In Nürnberg ist diese Saison komplett Verdi-Pause, also kommt der Termin in Fürth wie gerufen. Das Emotionswunderwerk DIE MACHT DES SCHICKSALS, was der Kenner natürlich nach Originalsprache „La forza del destino“ nennt, gastiert in einer Aufführung des aufstrebenden Stadttheaters Augsburg. Dessen Intendant André Bücker, eher ein Schauspielmann, inszenierte das melodiensatte Melodrama mit beachtlichem Ensemble bunt und dynamisch. Und wer in Nürnberg den Prachtbariton Mikolaj Zalasinski (unvergesslich sein diabolisch übergriffiger Scarpia in Puccinis „Tosca“) jetzt schon vermisst, der kann ihn hier in voller Wucht erleben.
Termin: 30. Oktober im Stadttheater.

STADTTHEATER FÜRTH
Königstr. 116, Fürth
stadttheater.fuerth.de




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