Wirbelsturm im Wasserglas

28. SEPTEMBER 2018 - 17. JULI 2019, SCHAUSPIELHAUS

#Dieter Stoll, #Kritik, #Kultur, #Schauspielhaus, #Staatstheater Nürnberg, #Theater

Ein Stein fing Feuer - Nürnbergs neuer Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger startet mit einem Projekt aus „Die kahle Sängerin“, „Die Unterrichtsstunde“ und „anderen Texten“ von Eugène Ionesco.

Um Mordswut und Wortsmut geht es bei diesem Potpourri von Zweikämpfen in jedem Fall, da kann man die Aktualität beim schlechtesten Willen nicht übersehen: Erst herrscht schwere Paarungs-Amnesie unter Eheleuten, dann schlitzt ein eigentlich ganz freundlicher Nachhilfe-Lehrer mit Gebrüll und Küchenmesser seine Schülerin auf, und drumherum entsteht  aus Einzelteilen nichtsnutziger Floskeln ein Wirbelsturm im Wasserglas. Jedes Wort kann nichts bedeuten. Tosender Leerlauf donnerwettert aus allen Wolken. Aus denen schwebt unter dampfenden Lichtspielen am Ende eine vorher als Feuerwehrhauptmann identifizierte Travestie-Diva und trällert paillettenumspannt den Titel des Abends „Ein Stein fing Feuer“. Ist das Poesie-Fake, eine sprachliche  Ballaststoffwechselstörung oder lauern hinter dem triumphalen Schöpfer-Bekenntnis „Der Text ist blödsinnig“ abgründige Wahrheiten? Jedenfalls „absurd“, da sind sich die Schauspielführer dieser Welt bei Eugène Ionesco seit mindestens 50 Jahren einig – und weil das Publikum  tragisch gemeinte Konstellationen einst zum Erfolg hochgelacht hat, wirkt es bis heute, wenn die frühesten Schauerstücke den Sprung auf den Spielplan schaffen, immer auch ein wenig furchterregend.

Nürnbergs neuer Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger (37) ist offenbar ein furchtloser Mann. Zum symbolträchtigen Start in seine Amtszeit, die gleichzeitig das Spartenchef-Debüt  ist, hat er „Anti-Stück“ und „komisches Drama“ aus jener  Avantgarde-Ablage gewählt, die spontan denn doch eher Erinnerungen als Perspektiven beschwört. Er findet das grundsätzlich ungerecht – und ein Comeback-Fanal  überfällig. An der Pole-Position des Spielplans also mit vollem Risiko nicht das womöglich erwartete Leitlinien-Bedeutungsformat von Klassikern („Nächstes Jahr“, beruhigt der übergeordnete Staatsintendant Jens-Daniel Herzog irritierte Anfragen), sondern die mit „anderen Texten“ aus dem Ionesco-Nachlass aufgepolsterte Vergrößerung. Es geht um nicht weniger als glorreiche Auferstehung für die Zwillings-Miniaturen „Die kahle Sängerin“ und „Die Unterrichtsstunde“, schon nach Quadratmetern mutwillig aufgewertet vom Studio-Exil  zum großen Ganzen. Ältere Nürnberger können mit Erfahrung dienen, denn anno 1979 versuchte Hansjörg Utzerath auf gleicher Bühne  das Upgrade ohne Kulissenzauber .

Glogers Inszenierung mit dem Zitatenschatz-Kitt ist  als spöttisches Spektakel angelegt, hat den schärferen Blick und den längeren Hebel für doppelten Boden. Die beiden Stücke bekommen in der nahtlos gleitenden Nürnberger Fassung eine Zusatz-Chance mit Zeigefinger im Anhang. Da wird am Lagerfeuer „das Bewusstsein für Unvollkommenheit“ beschworen, dem Traum im Traum therapeutisch nachgespürt und  ein todernster Merksatz wie „Ideen sind mir verdächtig, Gefühle sind wahr“ womöglich allen Ernstes im Sinne des Erfinders platziert. Absurd? Ehe allzu viele Zweifel sprießen,  ist der Schalter umgelegt: „Na gut, dann probieren wir`s mit Humor“. Den gibt es geballt zum Finale mit Drinks für alle, Betreten der Bühne erbeten.

Jan Philipp Gloger trainiert Regie-Muskeln für Spielstunden und hat dafür die passenden Sparringspartner: Sascha Tuxhorn stürzt sich wie ein Bandwurm-Dompteur auf Endlos-Sätze, Julia Bartolome, Lisa Mies, Annette Büschelberger und Maximilian Pulst jonglieren unfallfrei mit Plemplem-Charaden, sofern sie nicht grade grenzwertig Herbert Feuersteins „Schmidteinander“-Kunstpersiflagen imitieren,  Frank Damerius hat bereits  als murmelnder Feuerwehrmann einiges vom späteren Charme der Diva auf der Schaukel. Bühnenbildnerin Marie Roth baut für „Die kahle Sängerin“ eine katalogfertige Wohn-Einheit fürs nächste „Gemetzel“ von Yasmina Reza. Danach rollt zur „Unterrichtsstunde“ die wohlgeordnete Professoren-Welt als riesiges Wohn-Relief  gefährlich dicht an die Rampe. Kunstvolle Einlegearbeit von Mobiliar und Menschen, die ihre redselige Sprachlosigkeit fortan mit ebenso absturzgefährdeten Kletterpartien durch alle Wahnwitz-Etagen  verbinden. Am Lagerfeuer bei den Zelten, dem Zugabe-Teil, wird Weltgeschichte umgerührt,  Neandertaler mit Keule und Zivilisationskrüppel mit Tablet rempeln einander. Wohin das führt? „Fragen Sie nicht mich, fragen Sie die Figuren“, ließ der Autor aus dem Mund der Putzfrau zeitig wissen. Regisseur Gloger hat keine Antworten inszeniert, lieber dann doch pures Komödien-Theater gemacht: Turbulent, fantasievoll und dem Strampeln des frühen Ionesco herzlich verbunden. Wenn sich die Schauspieler freihändig an der Steilwand direkt über den Köpfen der Zuschauer am Fake festkrallen, ist allerdings der Punkt getroffen, wo beiderseits der Rampe der Begriff „Schwindel“ verführerisch zu rotieren beginnt. Die glucksende Heiterkeit des Premierenpublikums steigerte sich beim Gratis-Sekt mächtig.
 

EIN STEIN FING FEUER
„Die kahle Sängerin“, „Die Unterrichtsstunde“ und andere Texte von Eugène Ionesco

Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne: Marie Roth, Kostüme: Karin Jud, Musik: Kosztia Rapoport, Dramaturgie: Andrea Vilter
Mit: Julia Bartolome, Annette Büschelberger, Frank Damerius, Lisa Mies, Maximilian Pulst, Sascha Tuxhorn, Süheyla Ünlü

Theaterkritik von Dieter Stoll
für das Internet-Portal www.nachtkritk.de (Berlin)


Weitere Vorstellungen
14. Oktober 2018 – 17.00 Uhr
24. Oktober 2018 – 19.30 Uhr
26. Oktober 2018 – 19.30 Uhr
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9. April 2019 – 19.30 Uhr
27. April 2019- 19.30 Uhr
3. Mai 2019 – 19.30 Uhr
13. Juni 2019 – 19.30 Uhr
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