Stadtgespräche im Grünen: Boulevard Barbel

SAMSTAG, 29. SEPTEMBER 2018, WöLCKERNSTRAßE NüRNBERG

#Andreas Radlmaier, #Familie, #Fest, #Kultur, #Kunst, #Stadt Nürnberg, #Südstadt

Für einen Tag wird die Wölckernstrasse gesperrt, Vom verkehr befreit, begrünt und zur großen, interaktiven Bühne mit Bürgerbeteiligung. Andreas Radlmaier vom Projektbüro der Stadt Nürnberg erklärt das Spektakel.

curt: Beim „Boulevard Babel“ geht‘s auch um Liebe in allen Facetten. Ein kleiner Ausschnitt aus der berühmten Balkon-Szene von „Romeo & Julia“ wird ebenfalls zu erleben sein. Um Romeo zu zitieren: „Zu schmeichelnd süß, um Wirklichkeit zu sein“.

Wenn Romeo das gewusst hätte, dass man auch einer Straße, in diesem Fall der Wölckernstraße, eine Liebeserklärung machen kann - er oder Shakespeare wären vielleicht begeistert gewesen. Vielleicht gelingt uns ja gemeinsam wirklich die Verwandlung in einen Kultur-Boulevard für alle, der zu schmeichelnd süß ist, um Wirklichkeit zu sein. Allerdings nur für einen Tag – es bleibt eine Utopie, vorerst.

curt: All dieser Aufwand für einen Tag. Ist das „nur“ ein Aktionstag zur Kulturhauptstadt-Bewerbung?

Natürlich wäre es eine schöne Idee, wenn Menschen und Nachbarn auf einer Straße, die Hauptverkehrsader ist, zur Abwechslung mal über längere Zeit das Gras wachsen hören. Dagegen spricht die heutige Vorstellung von und die heutige Erwartung an Mobilität. Also setzen wir mit dieser Aktion lediglich an einem Tag ein Ausrufezeichen: Südstädter, kommt in die Wölckernstraße, Nürnberginnen und Nürnberger, kommt in die Südstadt und schaut euch alle an, welche Ideen die vielen, vielen beteiligten Initiativen und Macher haben! Bestenfalls wird ja aus dem Ausrufezeichen ein langer Gedankenstrich für uns alle. Nicht nur die Südstadt neu und anders zu sehen, sondern ganz Nürnberg. Aufbruchstimmung in der ganzen Bevölkerung zu entfachen, das wäre toll. Und ja sicher, das ist ein ziemlich großer Aufwand. Wie bei großen Veranstaltungen üblich sind der Ideenvorlauf und die Schaffung der Infrastruktur viel umfassender als das Ereignis selbst. Noch dazu, wenn es das erste Mal konzipiert und erdacht wird. Man könnte auch vollmundig sagen: Große Aufgaben erfordern große Maßnahmen. Und die Kraft dieser Straße ist in der Tat groß. Eine wunderbare Herausforderung.

curt: Aus der vielbefahrenen Wölckernstraße wird ein begrünter Boulevard.  Was soll das versinnbildlichen?

Die Bewerbung um den Kulturhauptstadt-Titel bedeutet ja zentral: Zukunft zu denken, Veränderung zu erlauben, den Finger in Schwachstellen des Miteinanders zu legen, Herausforderungen anzunehmen, die in jeder europäischen Stadt so oder ähnlich anstehen. Das stand am Anfang unserer Überlegungen: Was wäre wenn? Wenn die Wölckernstraße grün wäre, wenn dort der Verkehr nicht das dominierendste Element wäre, wenn dort Autofreiheit ein neues Gemeinschaftserlebnis nach sich ziehen würde, wenn dort per Graffiti die erste Illusion einer Oase angedeutet wird, wenn dort alle gemeinsam in vielen Sprachen die Liebe zur Stadt und ihren Menschen in vielen Facetten beleuchten, wenn wir dort gemeinsam über Zufunftssorgen und Wünsche sprechen, wenn dort Liebeslieder gesungen werden, wenn dort Kinder und Jugendliche ihre Liebe artikulieren, wenn dort „Romeo & Julia“ von Nürnberger Paaren mit dem unterschiedlichsten biographischen Hintergrund zu erleben ist, wenn dort Nürnberger Lieblingsobjekte in ein „Museum für einen Tag“ wandern, wenn es dort Musik, Tanz, Lesen und Theater, Silent Disco und Rudelkochen, Poetry Slam und Mal-Workshop, Essen und Trinken, Diskussionen und Begegnungen gibt.

curt: Auf wie vielen Ebenen gibt es hier diese vielfältige Kunst und Kultur?

Ganz unterschiedliche. Die Gastronomie dieser Straße ist genauso mit am Start wie Impulsgeber aus der Nachbarschaft und Kulturakteure aus der ganzen Stadt. Wir arbeiten bei „Boulevard Babel“ auch mit dem Münchner Regisseur Malte Jelden und dem Berliner Bühnenbildner Michael Graessner zusammen. Beide haben viel Erfahrung mit Beteiligungsprojekten, also dem Herauslösen von aktuellen Themen aus dem Theaterraum. Der öffentliche Raum wird Theater, Museum, Konzertsaal, Erlebnisort. Läden, Wohnungen, Hinterhöfe, auch ein Dachgarten in 17 Metern Höhe wird bespielt, die Wölckernstraße selbst wird – so die Hoffnung – zum Ort des Verweilens und Wandelns, ein Kultur-Foyer auf Zeit.

curt: Die Bürger können sich auf verschiedene Arten einbringen und beteiligen. Warum ist es so wichtig, die Bevölkerung einzubeziehen?

Beteiligung ist ein Schlüsselbegriff im Bewerbungsprozess zur Kulturhauptstadt. Es geht darum, die Menschen zu animieren, Ideen und Lust auf Kultur zu wecken. Gerade in einem Stadtteil wie der Südstadt, in der über 80 Sprachen gesprochen werden, bietet es sich an, diese Einladung zur Beteiligung auszusprechen und dafür den Rahmen zu liefern. „Boulevard Babel“ ist also in erster Linie ein Gefäß, das ganz unterschiedlich befüllt werden kann.

curt: Man kann von diesem Event mehr mitnehmen als Erlebnisse, Sinneseindrücke und Inspiration: Rasenstücke. Sollte die Stadt grundsätzlich grüner werden?

Ich bin kein Klimaforscher. Aber alles, was derzeit zu lesen und hören ist, lässt keinen anderen Schluss zu, als dass unsere Städte schon rein aus klimatischen Bedürfnissen heraus grüner werden müssen und dass wir aufgrund der vorhandenen Bebauung dabei ideenreich vorgehen müssen. Und das gilt nicht nur für Nürnbergs Altstadt, die als eine der am verdichtesten Altstädte Deutschlands gilt, sondern auch für die Südstadt im Allgemeinen und die Wölckernstraße im Besonderen. Aber daran wird in Nürnberg ja auf vielen Ebenen und bei den verschiedensten Fachleuten nachgedacht. Möglicherweise dient auch da die Bewerbung um den Kulturhauptstadttitel einer Beschleunigung des Gedankenprozesses.

curt: Wird sich Boulevard Babel wiederholen, vielleicht auch an einem anderen Ort in der Stadt?

Das muss man abwarten, ob und wie dieser Tag und die damit verbundenen Hoffnungen auf eine einladende Wirkung, auf Impulse und Signale funktionieren. Grundsätzlich gibt es in Nürnberg viele Quartiere, über deren Entwicklung aktuell diskutiert wird. Ob das nun der Westen zwischen Auf AEG und Quelle-Areal ist oder der gerade entstehende Stadtteil an der Brunecker Straße.   [Int.: Lmp]

Boulevard Babel.
Am Samstag, 29. September, von 13-19 Uhr, entlang der Wölckernstraße, in der Nürnberger Südstadt.
Eintritt frei. www.nuernbergkultur.de
 




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