Gipsy King Kong

30. JUNI 2018 - 9. SEPTEMBER 2018, KUNSTPALAIS ERLANGEN

#Ausstellung, #Kunst, #Kunstpalais Erlangen, #Natalie de Ligt

Zu einem Interview im letzten Jahr kam die Künstlerin Raphaela Vogel geritten. Die Fotos von ihr auf einem stattlichen Rappen – ohne Steigbügel und in transparenten Plastikpumps – scheinen das soweit zu belegen. Das Gespräch fand offensichtlich in einer Reithalle statt. Und auch die Antworten der gebürtigen Nürnbergerin, die an der hiesigen Akademie und an der Frankfurter Städelschule studierte und mittlerweile in Berlin lebt, fallen aus dem Rahmen des Üblichen.

Die Künstlerin scheint ganz in ihrer eigenen Welt zu sein, an der sie den Leser unverhofft teilhaben lässt. Sie sagt Sachen wie: «Das Ich verrottet, Blüten welken, Äste brechen und die Erde kocht»*. Sätze wie diese passen hervorragend zu ihrer Kunst und verblassen zugleich daneben. Die 30-Jährige ist anders und ihre Kunst ist es auch. Sie ist extrem und theatralisch. In ihren Raum-beherrschenden Installationen verschmilzt sie mediale Ebenen, die sonst eher getrennt sind. Großes technisches Gerät wie Heugreifer, Isolatoren oder Metallgerüste sind skulptural präsentiert und partiell mit organisch anmutendem Material kombiniert. Sie sind zugleich Halterung, oder besser Wirt, für einen Videoprojektor. Die sequenzartigen Filme, die er ausspuckt, bilden das Herzstück solcher Installationen. Hierfür lässt sich die Künstlerin von mit Minikameras versehenen Drohnen filmen – in Landschaften oder an Orten, die fern der Zivilisation scheinen. Die meist in wallende Gewänder gekleidete Protagonistin fungiert hier als Betrachterin und gleichsam als Gegenstand der Betrachtung. Stakkatoartige Schnitte, polyperspektivische Szenen und ein lauter, zwischen aggressiven Tönen und eingängiger Popmusik wechselnder Sound vervollkommnen diese obsessiven, ich-umkreisenden Monumentalinszenierungen aus Hightech und archaischen Anklängen. In dem ton- und bildstarken Getöse lässt sich das, worauf einzelne Gegenstände und das Gefüge, in das sie gesetzt sind, anspielen, erst nach und nach erahnen. Wiederholt greift die Künstlerin auf Dinge zurück, die für das Prinzip von Austausch stehen, wie etwa Melkvorrichtungen, mehrschläuchige Wasserpfeifen oder Innenleben von Pissoirs. Es mag ein Verweis auf das elementar Körperliche, Rituelle und Ursprüngliche solcher Transfervorgänge sein. Man könnte auch sagen, die Künstlerin denkt die Welt und ihr Verhältnis zur Welt von seinem archaischen Anteil aus. Ihre Kunst wird jedenfalls zu einem Ort, an dem das Archaische präsent ist. Es erscheint zerbrechlich und gleichermaßen ungebändigt. Hierfür sprechen auch die Tierhäute oder die lebensgroßen, dynamischen Pferdeskulpturen, die wie ikonische Begleiter in ihren Präsentationen aufscheinen. Geradezu still wirken diese neben den heftigen Bild-Sound-Installationen, in denen sich die Künstlerin verausgabt und die gleichsam den Rezipienten in eine wahrnehmungsmäßige Überforderung treiben.

In Erlangen besetzt Raphaela Vogel nun die Räume des Untergeschosses mit Arbeiten aus den letzten Jahren. Die oberen Räume bespielt der belgische Künstler Rinus Van de Velde mit seinen großformatigen wirkungsvollen Kohlezeichnungen, in denen er zahlreiche Figuren Teil von verschiedenen Erzählsträngen werden lässt. «Now I am the night of nights» betitelt er seine Schau. Als ungünstig könnte sich die Zusammenkunft zweier derart Aufmerksamkeit fordernder und kraftvoller Positionen unter einem Dach erweisen. Das darf aber keinesfalls eine Ausrede sein, gar nicht erst hinzugehen. Diese Doppelausstellung ist ein Muss.

[Text: Natalie de Ligt]

Bis 9. September 2018
RAPHAELA VOGEL: GIPSY KING KONG

KUNSTPALAIS ERLANGEN
Palais Stutterheim
Marktplatz 1, Erlangen
Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr.
www.kunstpalais.de

* Quelle: https://www.interview.de/interviews/interview-junge-berliner-kuenstler-raphaela-vogel
 




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