Dem Egers sei Welt #63: Evangelisch

SONNTAG, 25. FEBRUAR 2018

#Comedy, #Egersdörfer, #Kabarett, #Kolumne, #Kultur

Es wäre zu wenig präzise, wenn ich die Formulierung wählte, meine Mutter hätte für den Bundeskanzler Helmut Schmidt geschwärmt. Die kühle hanseatische Arroganz hatte es der Frau Mama schwer angetan. Der Sozialdemokrat suchte die Frau in stürmisch glühenden Träumen heim. Für sie fühlte es sich an, als stünde das Bett in Flammen.

Wenn er ihr erschien, lag sie in seinen starken Armen auf einem von Wellen und Gischt der Leidenschaft umbrandeten Götterfelsen und nicht im Schlafzimmer einer mittelfränkischen Kleinstadt. Schmidt hatte das Herz meiner Mutter gewonnen, ohne dass er davon wusste. Ob sie ihm ihre Stimme schenkte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Der evangelische Stadtpfarrer war das wuchtige Bild eines Mannes, der es schaffte, das Herz meiner Erzeugerin schneller schlagen zu lassen. Mit vom Sturm gekämmten grauschwarzen Haaren und einem Blick, der einem tief ins Innerste hineinschauen konnte, fiel es diesem leicht, Gottes Wort zu verkünden. Weil er mit einer stattlichen Figur und dem kühnen Bart sehr gut und überzeugend den Allerhöchsten darstellen hätte können, der den Adam nur zum Zeitvertreib am Vormittag mit einem Stupser vom Zeigefinger Leben in den Organismus hineinzaubert. Auch meiner Großmutter wurden die Knie ganz weich, wenn die Sprache auf den Pfarrer kam. Das Laufen fiel ihr schon schwer, aber der Kirchgang war nicht zu weit, wenn eben jener Mann Gottes auf der Kanzel predigte. Die Großmutter liebte seinen kräftigen Gesang, wenn dieser vor der Gemeinde stand. Sie, die oft fror, weil sie so zart und dünn war, wärmte sich an den Flammen seiner sonoren Stimme wie an einem gut eingeschürten Ofen. Obwohl die zwei Damen nur selten einer Meinung waren, stand für beide ohne den geringsten Zweifel fest, dass mich dieser Pfarrer konfirmieren sollte.  

So kam es dann auch. Ich marschierte einmal in der Woche in die Pfarrei zum Unterricht des Idols meiner Mutter und Großmutter, der mich für den Übertritt in das kirchliche Erwachsenenalter vorbereiten sollte. Begierig fragten sie jedes Mal, was der Pfarrer mich gelehrt hätte und genossen meine Berichte wie eine kräftige Suppe an einem kalten Wintertag. Die ungehemmte Lust und Freude, welche Mutter und Tochter über den Umstand empfanden, dass der jüngste Sprössling der Familie vom Mann ihrer Träume in den Grundlagen der Christenmenschlichkeit unterrichtet wurde, hätten den Gang zur Initiation auch leicht zu einer Rutschpartie machen können. Das passierte aber nicht. Denn die brennenden Worte des Pfarrers wurden auch von Humor und Güte genährt und ich kam nicht ins Straucheln. Ich lauschte gebannt, wenn der Mann berichtete,was ihm auf seiner langen Lebensfahrt alles passiert war. Er erzählte von Reisen in ferne Länder und wie er dort den Menschenfressern vom Verzeihen und der Gnade berichtet hätte. Der Pfarrer schilderte, wie sich erst der ängstliche Blick eines Mädchens und dann das ganze Gesicht im Lauf der Zeit in Schönheit wandelte, als diese aus der Umklammerung von Dämonen und Geistern durch die Kraft des Wortes befreit worden war.

Über ein Wochenende fuhren wir Konfirmanden mit dem Herrn Pfarrer in eine Jugendherberge und übten das erste Abendmahl, und lachten und sprachen miteinander. Am Abend, als wir schon unsere Schlafanzüge angezogen hatten, schlichen wir noch einmal aus unserem Zimmer in das Gemach der Mädchen. Die Mädchen lagen in ihren Betten und schauten uns an mit Lachen im Gesicht. Wir Jungs standen mit nackten Füßen am Boden vor ihnen und sagten Worte, die der Wind der Aufregung aus unseren Mündern warm hinausblies. Wir spürten, dass wir ganz in der Nähe von etwas ganz unfasslich Wunderbaren waren. Aber kurz davor bekamen wir doch kalte Füße und verschwanden wieder dorthin, wo wir hergekommen waren.
1984 wurde ich konfirmiert. Ich hatte den Roman von George Orwell mit dem Titel der selben Jahreszahl in dem Heft des Buchklubs, in dem meine Eltern Mitglieder waren, entdeckt. In regelmäßigen Abständen konnte oder musste man sich ein Buch aussuchen, dass einem dann zugeschickt wurde. Mir wurde 1984 von George Orwell zugeschickt, und ich schlug den Romans als Thema für unseren Abschlussgottesdienst vor. Der Pfarrer predigte an dem sonnigen Tag über die düstere Zukunftsvision des Briten. Ich bin mir im Nachhinein nicht sicher, ob das Herrn Orwell wirklich gefallen hätte. Mein Konfirmationsspruch lautete: Gott der Herr ist Sonne und Schild.

Die ganze Geschichte mit meinem Glauben hatte Fahrt aufgenommen. Die regelmäßigen Kirchgänge waren nicht spurlos an mir vorüber gegangen. Das Lesen und Sprechen über Sätze aus dem alten Buch erschien mir wie eine Taschenlampe, mit der man in so manches dunkle Eck der Existenz hineinleuchten konnte, um zu bemerken, dass dort kein dicht behaartes Monster hockte. Ich las in der Zeit Kafkas Schloss und erklärte mir die hoffnungslose Situation des Protagonisten in einer Welt, in der Gottes Gnade vollständig fehlte. Gott der Herr ist Mütze und Schal. Auf die Weise bestens ausgestattet, wollte ich weiterwandern auf rechter Straße durch die grüne Au und das finstere Tal. Es ist beim Unterwegssein immer gut, wenn Kumpels dabei sind. Allein schon wegen der Unterhaltung. Freunde von mir waren schon länger beim CVJM. Ich ging jetzt auch dorthin.

Unser Gruppenraum, in dem wir uns trafen, war im Keller des Gebäudes der Organisation. Hier trafen sich Gymnasiasten und Lehrlinge. Wir waren eine wilde, ausgelassene Truppe und schäumten vor Jugend, Liebe und Tollwütigkeit. Zu Beginn unseres Zusammentreffens prügelten wir uns ganz zart und besonnen. Dann saßen wir schwitzend und schnaubend beisammen und lasen gemeinsam aus der Bibel und sprachen darüber und hörten einander zu. Wir hätten auch Marx und Engels lesen können. Wir halfen uns gegenseitig, das Geschriebene und die Welten, in den wir lebten, zu verstehen. Die Lehrlinge erzählten, wie sie in feuchten Kellern Leitungen verlegen mussten und der Meister sie drangsalierte. Ich hörte mir das neidisch an. Wir Gymnasiasten erzählten, wie wir in überheizten Räumen auf unbequemen Stühlen saßen und der Lehrer vor uns große Landkarten der Langeweile ausbreitete. Ich vermute, die Lehrlinge wiederum hörten sich das neidisch an. Wir waren Freunde und hatten Achtung voreinander.

Irgendwann kamen Neue in die Gruppe. Sie gingen ins Gymnasium und hielten sich für etwas Besseres und begriffen nichts. Wir versuchten ihnen zu erklären, dass es Quatsch sei, sich für etwas Besseres zu halten. Sie begriffen es nicht. Es waren arrogante Dummköpfe. Je länger wir Mitglieder in diesem Verein waren, desto mehr verschwand der Nebel, der das ganze Gebäude verschleiert hatte. Nach und nach sah man Kanten und Ecken, die den immer als endlos empfundenen Raum scharf begrenzten. Die übergeordneten Typen mit den Schlüsseln waren humorlos und ihre freundlichen Stimmen übertünchten ihre faden Absichten. Nach und nach suchten wir wieder das Weite.


UND WAS MACHT EGERS SONST SO IM MÄRZ?
Gleich am 3. und 4. März steht der Spurensucher mit dem inklusiven Dreamteam Theater und dem Stück “Allein unter Würmern” auf der Bühne in der Nürnberger Kulturwerkstatt (Auf AEG). Danach hat der Spaß mit Egers in Franken erst einmal ein Loch. Nach einer großen Tourbogen um die Heimat, kehrt er erst am 27. März als galanter Gastgeber zu seinem ERGERSDÖRFER & ARTVERWANDTE ins Künstlerhaus zu Nürnberg zurück. Das signalrote Tulpenzwiebelchen, Kolibri-artig flankiert von BERD BERLIN und der wunderbaren CARMEN, erwartete die multiple CHRISTINE PRAYON (u.a. Birte Schneider in der heute-Show, ZDF), JOCHEN GREINER, den mit 2,07m wahrscheinlich längsten Kabarattisten der Welt, den mehrfach-Weltumradler PETER SMOLKA aus Erlangen und zur musikalen Unterstützung CHRIS DE BIEL & DIE LËRCHEN. www.egers.de

 




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>
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