Die Camera Obscura, die Ateliers, die Künstler

9. JANUAR 2018 - 17. FEBRUAR 2018, GALERIENHAUS °31

#Ausstellung, #Galerie LandskronSchneidzik, #Galerie VON&VON, #Galerienhaus 31, #Kunst, #Natalie de Ligt

Das Ausstellungs- und Zeitungsprojekt der Fotografen Günter Derleth und Christoph Weigang kommt zunächst antiquiert daher. Sie besuchten 50 Künstlerinnen und Künstler in ihren Ateliers, Derleth fotografierte die Räume und Weigang machte Porträtaufnahmen – alles mit einer Lochkamera.

Bei diesem ursprünglichen Fotoverfahren lässt der Fotograf durch ein kleines Loch Licht in einen dunklen Kasten bzw. auf das an seiner Rückseite montierte lichtempfindliche Filmmaterial fallen. Darauf zeichnet sich die Umgebung vor dem Kasten ab – kopfüber und seitenverkehrt. Wie exakt das Ganze ist, kann der Fotograf nur abschätzen. Ebenso muss er die Dauer der Belichtungszeit abwägen. Sie kann je nach Lichtverhältnis oder der Beschaffenheit von Kasten und Loch zwischen mehreren Sekunden und Tagen sein. Für die Aufnahmen der Atelierräume benötigte Günter Derleth mit seiner «Robert Rigby Pinhole Camera» (Bildformat ca. 10 x 13 cm) zwischen 10 bis 60 Minuten. Bei einem Durchschnitt von 25 Minuten hat er demnach rund 20 Stunden belichtet. Das dürfte auch die Zeit sein, die Christian Weigang mit seiner selbstgebauten Camera Obscura (Bildformat 30 x 40 cm) für die Porträtaufnahmen aufwendete.

Das Verfahren sowie die fertigen Fotografien – Unikate, schwarz-weiß, unscharf und kontrastarm –  stehen im krassen Gegensatz zu dem, was die Digitalfotografie und ganz allgemein die moderne Technologie zu bieten haben: Leichte Benutzbarkeit im Alltag, Zeitersparnis, reelles Ergebnis. Hier stattdessen: Umstände, Warten und eine unmoderne Ästhetik. Aber jene spezifische Ästhetik der Lochkamerabilder hat anderseits wegen ihrer Unschärfe einen besonderen Reiz. Sie verweist zu dem auf die Zeit, die es gedauert hat, bis das Bild entstanden ist. Das Bild erscheint flach und unwirklich in seiner flächendeckend geringen Tiefenschärfe. Es hält ein Stück Realität fest, aber als diffusen, ungreifbaren Zustand. Das wiederum passt wunderbar, um ins Zentrum dieser Verfahrensweise und Ästhetik Künstler und ihre Ateliers zu rücken. Künstlerisches Arbeiten ist meistens chaotisch im Sinne von experimentell – das ist auch an den Atelieraufnahmen abzulesen. Das hierfür notwendige Kapital der Künstler ist die Zeit. Zeit, die weder ökonomisierbar ist, noch der Entschleunigung dient. Wie das Warten bei der Lochkamerafotografie. Es ist eine Phase gestalterischen Leerlaufs. Ohne Zeit kann hier kein Bild entstehen. Die Entscheidung von Günter Derleth und Christian Weigang, das Warten als Teil des künstlerischen Prozesses zu begreifen und das Diffuse als richtiges Ergebnis zu akzeptieren, erhält, ohne dass es explizit angesprochen wird, einen gesellschaftspolitischen Aspekt, weil hier allgemein ein Verhältnis zu Arbeit und Zeit vorausgesetzt werden muss, das vom Qualitativen her gedacht wird.

Zu diesem Ausstellungsprojekt gehört passenderweise eine Publikation im klassischen Tageszeitungsformat. Zwei Künstler teilen sich jeweils eine Doppelseite, auf der ihre Porträt- und Atelieraufnahmen abgedruckt sind, und auf der sie jeweils die Arbeit des Anderen kommentieren. Die Ausstellung wird irgendwann verschwunden sein, die Zeitung legt dauerhaft Zeugnis von diesem außergewöhnlichen und denkwürdigen Projekt ab.

BETEILIGTE KÜNSTLERINNEN/INSTITUTIONEN:
Michael Amman, Till Augustin, Waldemar Bachmeier, Reiner Bergmann, Galerie Bernsteinzimmer, Oliver Boberg, Meide Büdel, Wolfgang Christel, Roland Draack, Barbara Engelhard, Béla Faragó, Sabine Freudenberger, Birgit Maria Götz, Hans Grasser, Inge Gutbrod, Kathrin Hausel, Original Hersbrucker Bücherwerkstätte, Hubertus Heß, Walter Hettrich, Josef Hirthammer, Christian Höhn, Giorgio Hupfer, Franz U. Janetzko, Ursula Kreutz, Lutz Krutein, Hartmut Kuhnke, Peter Kunz, Herbert Liedel, Aja von Loeper, Thomas Lunz, Thomas May, Anders Möhl, Thomas Mohi, Anja Molendijk, Sabine Neubauer, Christian Oberlander, Tilman Oehler, Rudi Ott, Stefanie Pöllot, Dan Reeder, Sabine Richter, Christian Rösner, Harri Schemm, Susa Schneider, Pirko Julia Schröder, Ingolf Sernow, Verena Waffek, Stefanie Walter, Fredder Wanoth, Achim Weinberg, Joseph Stephan Wurmer, Reiner Zitta.

KÜNSTLERGESPRÄCHE: 3., 10. und 17. Februar, ab 14 Uhr
FINISSAGE: 15. Februar, 19 Uhr, mit Liveband (BORGO Ensemble)

Bis 17. Februar 2018
CAMERA OBSCURA
Kunstprojekt mit Atelierfotos von Günter Derleth & Portraitfotos von Christian Weigand

GALERIE VON&VON UND GALERIE LANDSKRONSCHNEIDZIK
Lorenzer Straße 31, Nbg
Dienstag bis Samstag, 11–18 Uhr, u.n.V.
galerie-vonundvon.de
galerie-ls.de


 




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