Theobald O.J. Fuchs: Der Bademeister und meine Frisur

DIENSTAG, 21. NOVEMBER 2017

#Autor, #Buch, #Comedy, #Kabarett, #Kolumne, #Theobald O.J. Fuchs

Aus dem Menschenkopf sprießt Haar in unterschiedlichster Form und Ausprägung. Farblich-konsistenztechnisch von afrorastawollig über fuchsienrot, alabasterglatt und weltraumschwarz bis keltischblond und weißbrotgelb sowie am Ende graumetallic oder knochenweiß. Raspelkurz, ellenlang, gefärbt, gelockt, geplättet, kahl. Wirklich alles ist drin. Als die Natur sie schuf, waren Sinn und Zweck der Frisur zweierlei. Erstens dient das Kopfhaar als wichtigstes primäres Signalzeichen an andere Menschen (welches Geschlecht auch immer willkommen sei). Die Federhaube des Kakadus, das Pfauenrad, der Hahnenkamm, der Rochenflügel, die Froschohren – sie sind uns näher verwandt, als manchem lieb ist. Zweitens ist die menschliche Haartracht ein unerschöpfliches Thema für ein Life-Style-Magazin wie den CURT.
 

Vor 25 Jahren, als ich studierte, wohnte ich in Erlangen, in einem von fünf kleinen Zimmern unterm Dach. Es gab kein Badezimmer auf unserem Stockwerk. Uns standen zwei Nasszellen im Nachbarhaus zur Verfügung, das ebenfalls bis unter den Dachfirst voll mit Studenten gestopft war. Man musste nicht einmal raus auf die Straße, um zu duschen, da es einen Durchgang zwischen den Hinterhöfen gab. Aber mir war das zu doof, barfuß über den Hinterhof zu latschen, am Ende gar im Bademantel. Stattdessen besorgte ich mir eine Jahreskarte für das Hallenbad im Frankenhof an der Südlichen Stadtmauerstraße und ging dort zweimal die Woche hin, um zwanzig Bahnen zu schwimmen und mich anschließend ausgiebig zu duschen.

Seinerzeit ließ ich mir eine derbe Haartolle stehen, eine Art Zopf, der mir von der Stirn bis zum Kinn hing, während ich den Rest des Schädels mit dem Langhaarschneider auf drei Millimeter schor. Auf diese Frisur hatten mich die knuffigen Typen gebracht, die Anfang der 90er in Aki Kaurismäkis Leningrad Cowboys alle Welt begeisterten. In Lauf an der Pegnitz hatte ich mir wegen dieser aus heutiger Sicht lächerlich unspektakulären Langweiler-Frisur im Billardsalon ein Hausverbot eingehandelt, auf das ich sehr stolz war. Schon als ich den Saal betreten hatte, war halblaut die Bemerkung gefallen: »Jetzt weht's den Dreck rein!« und im Verlauf der Auseinandersetzung war sogar der berühmte Satz ausgesprochen worden: »Solche wie dich wollen wir hier nicht.«

Jedenfalls: Zum Abschluss des Baderituals kramte ich stets das extra für diesen Zweck mitgeführte Zehnpfennigstück aus meiner Hosentasche und warf es in den Fön-Automaten, der an der braun gefliesten Wand festgedübelt war. Einmal, als ich in gebückter Haltung vor dem Gebläse stand und mein Haarbüschel im warmen Luftstrom flatterte, spürte ich, dass jemand hinter mich trat und mich beobachtete. Ich drehte mich um und erkannte den Bademeister, ein dicker Typ mit rotem Kopf und rotem Wanst, dem die Badehose zwischen den Bauchlappen eingewachsen war und dessen verhornte, rissige Füße in schwiemeligen Gummilatschen mit drei Streifen steckten. Erst glotzte er mich an wie einen Außerirdischen, dann begann er lauthals zu lachen und rief: »Das ist wohl das Albernste, was ich jemals gesehen habe!«

Das glaubte ich ihm gern, denn er war offenbar noch nie meinem Kumpel über den Weg gelaufen, dessen buschige exakt auf die Mundwinkel spitz zulaufenden Koteletten ihm sicherlich ebenfalls zu größter Heiterkeit gereicht hätten. Denn Backenbart und Koteletten waren damals, als man Schnauz und VoKuHiLa (den SUV unter den Frisuren) trug, noch verwegener Iro oder Einhorn.

Und mit dieser Pointe aus dem vergangenen Jahrtausend war's das dann auch schon wieder für 2017. Das nächste Jahr kann ja dementsprechend heiter werden – ich freu mich schon!
 




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>
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