28./29. Dezember
Wolf Haas @ Volkstheater

Jetzt ist es wieder passiert: Der Wolf Haas hat ein weiteres Buch geschrieben, in dem kein Brenner vorkommt. Stattdessen geht es um einen 13-jährigen moppeligen Tankwart in den 1970er-Jahren, der sich in eine verheiratete Frau verliebt.

Diese Skurrilitätsdichte von „Junger Mann“ springt den passionierten Haas-Fan natürlich an. Oder „dem Leser mit dem Arsch ins Gesicht“, wie Haas selbst mal sagte. Klarer Fall, das will gelesen werden, auch wenn das neueste Werk kein Krimi ist. Nicht nur kein Krimi, ein autobiografischer Roman sogar. Das gibt Wolf Haas ganz offen zu.

Ob es nun die im katholischen Internat anerzogene Bescheidenheit oder das in England erworbene Unterstatement, Haas schildert in „Junger Mann“ seine eigene Pubertät, die schon über 40 Jahre zurückliegt.

Haas: „Eigentlich habe ich versucht, diese Nostalgie rauszuhalten. Das kann dann auch eine selbstgefällige Sentimentalität werden. Ich finde, das grassiert ohnehin in unserer Gesellschaft, dass man schon mit 30 sentimental auf seine Jugend zurückblickt.“

Trotzdem sind die 1970er-Jahre ein dankbares Setting. Neben der eindrucksvollen Mode und der Aura der erst kürzlich befreiten Sexualität sind da noch die vielen Zwänge, die es noch nicht gab. Freiheit quasi. Eine Freiheit, die heute nahezu unbegreiflich erscheint.

Der junge Mann, also der junge Wolf Haas, findet einen Ferienjob als Tankwart. Ein dicklicher Jugendlicher, dem die Aufsicht über die ganze Tankstelle obliegt. Ein feister Minderjähriger, der sich ganz ohne Jugendschutz in den Ferien Geld verdienen darf. Keine Sicherheitsgurte, keine Telefone, geschweige denn Smartphones. Gefährlich und spannend. Der Ich-Erzähler empfindet aber eine ungeheure Langeweile. Bis er sich verliebt. Für ihn ist klar: Wenn er abnimmt, klappt es mit der Liebe.

Doch das Lebensgefühl der 70er-Jahre endet nicht in Liebesfantasien, sondern in Griechenland. Roadmovie quasi. Für heutige Teenager-Eltern ein No-go: das Kind, das mir nichts dir nichts überwachungslos in den wilden Süden verschwindet. Ginge auch gar nicht mehr. Elterliche Verwahrlosung quasi.

Auch andere Nicht-Brenner-Romane „Das Wetter vor 15 Jahren“ oder „Verteidigung der Missionarsstellung“ tragen Literaturpreise. Längst ist Wolf Haas kein Nischen-Autor mehr. Auch kein schnöder Krimi-Autor. Wolf Haas ist Kult. Zudem auch noch ein gut aussehender, nunmehr schlanker Mann, erfolgreich und unglaublich gescheit. Seine Interviews wirken bescheiden, ehrlich und offenherzig. Er hat es vom Kellnerssohn aus der österreichischen Provinz zum promovierten Germanisten und Werbetexter gebracht, der kurz vor dem Burn-out hauptberuflich Schriftsteller wurde. Gottlob.

Haas: „Ich glaube, ich bin der Autor, bei dem am öftesten geschrieben wurde, dass er studiert hat. Die Kritiker wollten sich absichern, dass die vielen Grammatikfehler nicht ganz zufällig sind.“

Bei einer Wolf-Haas-Lesung freut sich das Publikum auf genau diese Grammatikfehler und auf möglichst viele Klicklaute. Sie begleiten ganz unschuldig die Kehllaute und entspringen absichtslos dem Dialekt. Als stünden keine Satzzeichen zwischen den Wörtern, sondern kleine Juchzer. Zu Bejubeln gibt es da ja immer allerhand. Nicht nur Wortspielereien, die unaufdringlich daherschleichen, sondern auch ein deutliches Gespür für Pointen, die einen Lacher bringen.

Haas: „Ich werde oft gefragt, ob ich bei Lesungen kein Lampenfieber habe. Schwierig fand ich es immer nur, vor wenigen Leuten vorzulesen, wo es noch persönlich ist.“

Passt also, auf ins Volkstheater. Dann klärt sich vielleicht auch die Frage, ob Wolf Haas ein gefährlicher Wolf im Haasenpelz ist.


Wolf Haas – Junger Mann // 28. und 29. Dezember // Münchner Volkstheater > Homepage // Beginn 20 Uhr // VVK ab 19 Euro zzgl. Gebühren