Im Kino: Vergiftete Wahrheit

Eigentlich arbeitet Robert Bilott (Mark Ruffalo) als Anwalt einer renommierten Kanzlei ja für die großen, mächtigen Unternehmen. So richtig weiß er deshalb nichts damit anzufangen, als eines Tages der Landwirt Wilbur Tennant (Bill Camp) ihn engagieren will. Sein Vorwurf: Der Chemie-Konzern DuPont würde giftige Abfälle bunkern, welche das Land zerstören und das Vieh krank machen. Knapp 200 Rinder habe er bereits verloren, seitdem das Werk dort steht. Eine Besserung sei nicht in Sicht. Mehr aus einer Gefälligkeit heraus beschließt Bilott, der Sache nachzugehen und stößt dabei tatsächlich auf mehrere Ungereimtheiten. Doch je mehr er nachbohrt, umso heftiger wird die Gegenwehr von DuPont. Und auch das Privatleben des Anwalts beginnt zu leiden.

Es geht doch nichts über eine schöne „David gegen Goliath“-Geschichte! Wenn es einfache Leute mit den Großen und Mächtigen aufnehmen und über diese triumphieren, dann ist das immer was fürs Herz. Und doch will sich am Ende von „Vergiftete Wahrheit“ kein wirklicher Triumph einstellen. Denn der Film endet mit einer doch sehr gemischten Nachricht. Auf der einen Seite wird das Böse in Gestalt des enthemmten Kapitalismus zur Rechenschaft gezogen. Aber es bleibt doch ein Rest, und das in mehrfacher Hinsicht.

Erzählt wird in „Vergiftete Wahrheit“ von einer chemischen Verbindung, die vielen gut vertraut sein dürfte, kommt sie doch unter anderem als Antihaftbeschichtung in Pfannen zum Einsatz – das bekannte Teflon. Dass die Menschen lange nichts von dessen Gefährlichkeit wussten, ist indes kein Zufall. DuPont tat schließlich alles dafür, dass diese Nebenwirkungen nichts ans Licht geraten. Man nutzte gleichzeitig schamlos ein System aus, in dem Chemie-Unternehmen eigentlich machen konnten, was sie wollten, ohne eine Einmischung durch den Staat zu befürchten.

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„Vergiftete Wahrheit“ ist dann auch ein Film, der betroffen macht – und machen möchte. Hier soll das Publikum aufgerüttelt und empört werden. Das geht mit dem üblichen Spiel aus Verzweiflung und Hoffnung einher. Jedes Mal, wenn Bilott einen Schritt weitergekommen ist, stößt er auf das nächste Hindernis. Am Ende sind es so viele, dass nicht nur er immer mal wieder kurz davor steht, das Handtuch zu werfen. Es geht einem auch als Zuschauer so, wenn sich das Gefühl einstellt, sowieso nichts ausrichten zu können, weil das Recht immer auf Seiten derer steht, die Macht und Geld haben. Nicht einmal bereits beschlossene Vereinbarungen werden respektiert.

Das führt zu gewissen Ermüdungserscheinungen, mit denen auch der Film selbst zu kämpfen hat. Zwar baut Regisseur Todd Haynes zwischendurch mal Elemente des Thrillers ein. Aber das sind doch recht offensichtliche Tricks, um von der zwangsläufigen Abwechslungsarmut eines solches Zermürbungskriegs abzulenken. Während „Vergiftete Wahrheit“ zumindest in der ersten Hälfte noch dadurch Spannung erzeugt, dass niemand so wirklich weiß, was Sache ist, liegen später die Karten auf dem Tisch und man wartet nur darauf, dass in die festgefahrene Situation wieder etwas Bewegung kommt.

Wenn der Film trotz der kleineren Hänger im weiteren Verlauf fesselt, ist das besonders Mark Ruffalo zu verdanken. Er mimt hier einen aufrechten Kämpfer für das Gute und die Wahrheit. Wobei dieses Mal das Private und die Auswirkungen dieser hohen Verantwortung stärker im Mittelpunkt stehen, auch weil Bilott mehr oder weniger ein Einzelkämpfer ist. Der Rest des Ensembles bekommt dabei weniger zu tun. Tim Robbins und Anne Hathaway sind mehr oder weniger verschenkt. Lediglich Bill Camp als verbitterter Landwirt und Victor Garber als Anwalt der Gegenseite haben ein paar intensivere Auftritte und tragen mit dazu bei, dass am Ende genug starke Eindrücke übrig bleiben – und natürlich die Wut.

Fazit: „Vergiftete Wahrheit“ erzählt von einem jahrelangen Kampf eines Anwalts gegen ein großes Chemieunternehmen, welches giftige Abfälle deponierte, ohne jemandem etwas zu verraten. Der Film ist dabei sowohl als David-gegen-Goliath-Geschichte spannend wie auch als Einblick in ein System, das auf Missbrauch ausgerichtet ist und das Recht dem Stärkeren und Reicheren zugesteht.

Wertung: 8 von 10

Regie: Todd Haynes; Besetzung: Mark Ruffalo, Tim Robbins, Anne Hathaway, Bill Camp, Victor Garber, Mare Winningham, Bill Pullman; Kinostart: 8. Oktober 2020