Unicorns in Tech – Netzwerkelnde Einhörner in München

Obacht! Der Laie kann beim Anblick des Logos der internationalen Tech-Community schnell einen Bestimmungsfehler begehen. Die Abbildung zeigt kein Nashorn, sondern ein Individuum der Gattung Einhorn, dessen Horn sich nur viel weiter oben befindet als bei seinen Artgenossen. Dort sitzt es aber perfekt, schließlich geht es den Tech-Einhörnern vor allem auch um Toleranz und Vielfalt.

Die Population der Tech-Einhörner in München
Die Tech-Einhörner haben einen beeindruckenden Stammbaum. Gründungsvater ist nämlich der Unternehmer Stuart B. Cameron, der sich dafür einsetzt, dass Einhörner auf dem harten Pflaster der Wirtschaft nicht unter die Räder kommen. Er rief in Berlin das erste Zusammentreffen von technikaffinen LGBTI und straight allies zusammen, damit sich diese vernetzen können. LGBTI ist ein Kürzel für Lesbian Gay Bisexual Intersexed and Transgendered – die sogenannte queere Community – und straight allies meint heterosexuelle Personen, die sich dieser Gemeinschaft der Homo Sapiens emotional verbunden fühlen. Wer dann noch ein irgendwie geartetes Interesse an Technik und dem Austausch mit Gleichgesinnten hegt, der findet bei Unicorns in Tech seine perfekte ökonomische Nische – auch im Münchner Großstadtdschungel. Denn da organisieren André Eckert und Silvia Bormüller seit 2017 die Unicorns-in-Tech-Abende. Ehrenamtlich. Das sieht so aus: Es gibt Vorträge zu Tech/Design-Themen, Speed Networking, also non-amoröses Speed Dating, Speed Pitches und gemeinsame Nahrungsaufnahme. Eine artenreiche Gruppe: Gut 2.500 Tech-Einhörner haben sich bisher formiert, vom Designer über den Programmierer und Gamer bis hin zum Sextoy-Unternehmer.

Braucht das Einhorn noch Artenschutz?
Bereits 2001 konnten Spitzenpolitiker sich outen. Müssen 2017 dann noch Ressourcen für so was aufgewandt werden? Ja. Unbedingt! Da sind sich beide Münchner Organisatoren einig. Natürlich wird auch das größte Dorf der Welt immer toleranter gegenüber buntem Leben. Trotzdem gibt es noch vielfältige Formen der Ausgrenzung und Verdrängung aus klassischen Lebensräumen wie dem Glockenbachviertel durch schnöselige Schokoladenläden. Fixe Institutionen wie die Unicorns-in-Tech-Events sichern somit das Fortbestehen und die Weiterentwicklung der Einhörner.

Tech-Einhörner fördern Artenvielfalt
Letztendlich geht es darum, Menschen einen Raum zu schaffen, in dem jeder so frei sein kann, wie er ist. Was zählt? Wissen, Ideen, Kompetenzen und nicht, mit wem man Sex hat oder ob man Brüste hat oder, oder, oder. So entstehen zukunftsträchtige Symbiosen und Paarungen. Angesichts fortschreitender Individualisierung und Globalisierung des menschlichen Lebensraums ist das bestimmt ein Schritt in die richtige Richtung. Denn strikte Monokulturen kommen irgendwann immer böse aus dem Gleichgewicht. Querschläger und Artenvielfalt braucht es eben, damit das Leben weiter fröhlich seinen Lauf nehmen kann. Und da macht es auch Sinn, ein Einhorn mit arg verrutschtem Horn zum Aushängeschild zu machen.

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Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe curt #88 erschienen.


About Henrike Hegner

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Print- und Online-Redakteurin. Außerdem: die curt Twitter-Lady unseres Vertrauens >> twitter.com/curtmuenchen