Uncomfort me – das neue Awkward

Two girls, one blog: Belinda und Pezi sind zwei Freundinnen, die mit ihrem Projekt „Uncomfort Me“ die eigenen Grenzen sprengen. Freiwillig stürzen sie sich in Situationen, die das eigene Wohlfühllevel unter null rauschen lassen – und das immer wieder. Ihre Erlebnisse schildern sie in ihrem Blog – jede aus ihrer ganz eigenen Sicht. So auch im Interview.

Ihr beiden, woher kennt ihr euch & wie seid ihr auf die Idee zu Uncomfort Me gekommen?

PEZI: Wir haben uns in der Arbeit kennengelernt. Wir sind beide Grafikdesignerinnen. Belinda kam vor 4 Jahren als Praktikantin zu uns. Sie behauptet immer, sie hätte sich die erste Zeit “vor mir gefürchtet”, mir ist allerdings schleierhaft warum. Ich bin endnett.

Auf die Idee mit den Challenges sind wir Anfang 2016 bei einem Glas (vielleicht auch zwei Flaschen) Rotwein gekommen. Ich habe Belinda großspurig von meiner 5-monatigen Auszeit in Chile vorgeschwärmt und wie einfach es dort war, neue Sachen auszuprobieren und von meiner “Philosophie”, zu jedem Vorschlag Ja zu sagen. Belinda war natürlich sehr beeindruckt und meinte, das würde sie auch gerne mal ausprobieren. So sind wir auf die Idee gekommen, uns gegenseitig Challenges zu stellen. Auf die Idee mit dem Blog sind wir erst ein halbes Jahr später gekommen, da viele Freunde meinten, wir müssten unsere Erfahrungen niederschreiben und öffentlich machen. Sie haben sich oft über unsere Erzählungen amüsiert, aber besonders spannend war eben die unterschiedliche Sicht auf die Erlebnisse. (Belinda erzählt die Geschichten nämlich immer falsch!)

BELINDA: Ich hab Pezi vor 4 Jahren bei der Arbeit kennengelernt. Anfangs war sie mir noch wegen ihrer Katzen- und Einhorn-Pullover etwas suspekt. Das hat sich aber ganz schnell gelegt. Vor zwei Jahren saßen wir dann an einem Abend mit viel Rotwein zusammen. Da haben wir festgestellt, dass man die lustigsten Sachen im Leben dann erlebt, wenn man einfach mal Ja zu Dingen sagt, die man unter normalen Umständen nie machen würde.

Also hab ich kurze Zeit später einfach mal eine erste Challenge rausgesucht.

Wie beschreibt ihr selbst Uncomfort Me in einem Satz?

PEZI: Uncomfort Me ist, wie wenn man träumt, dass man ohne Hose in die Arbeit geht.

BELINDA: Uncomfort Me ist, wie mit seinen Eltern über deren sexuellen Vorlieben sprechen.

Eine wichtige Regel bei dem Ganzen ist ja: keine Schadenfreude. Ihr verfolgt eher den Ansatz: Geteiltes Leid ist halbes Leid. War das von Anfang an so?

BELINDA: Ja, das war von Anfang an so. Zum Glück. Denn ein Partner in Crime ist manchmal notwendig, um sich gegenseitig zu pushen aber auch zu schützen! Nur so ist es gewährleistet, dass man  ausschließlich Challenges raussucht, die man selbst auch machen würde. Alles andere wäre nicht fair. Außerdem wollen wir uns ja nicht hassen, sondern lieber darüber amüsieren, was man gemeinsam erlebt hat. Wenn wir eines Tages im Altersheim sind (Pezi etwas früher als ich) und es das Internet noch gibt, werden wir uns diese Geschichten gegenseitig vorlesen.

PEZI: Ja das war schon immer eine wichtige Grundregel. Erstens aus Selbstschutz (wenn der andere mitmacht, wird er schon nicht so was gaaaanz Schlimmes aussuchen) und zweitens sind die Challenges ja eh meistens für beide eine Herausforderung. Und das Schönste an der ganzen Sache ist ja, wenn man nach der geschafften Challenge gemeinsam darüber lachen kann.

Was war eure bisher schlimmste Aufgabe, aus welcher habt ihr am meisten gelernt und was würdet ihr eventuell sogar wiederholen? 

BELINDA: Ok, ich geb es zu: Es gibt noch eine offene Challenge, die wir letzten Sommer fast gemacht hätten, aber dann doch aufgeschoben haben. Ganz abgestempelt haben wir sie aber noch nicht. Also vielleicht kommt ihr noch in den Genuss dieser Story!

Deswegen – Überraschung – bleibt die Kuschelparty bisher noch unübertroffen. Ich hatte vor dem besagten Abend sehr damit zu kämpfen, Pezi dort hinzuschleppen und ein paar schlaflose Nächte. Sie hat es ja erst vor Ort erfahren und musste sich spontan darauf einstellen. An ihrer Stelle wär ich wahrscheinlich davongelaufen. Ich konnte nach diesem Erlebnis relativ schnell darüber lachen, Pezi eher weniger. Erst hat sie in Endlosschleife “Wir sind echt krass” gesagt und dann die Tage drauf: “Jetzt bin ich endgültig gebrochen.”

Gelernt haben wir jede Menge: zum Beispiel, dass man an der Färbung meiner Haut um meine Nase ablesen kann, dass ich angeblich sehr anfällig für Bronchitis bin. Oder aber, dass “absichtslos kuscheln wie ein Kind” im Erwachsenenalter eher einem Oxymoron gleicht als einer Metapher. Kuschelparty und Beichten waren definitiv die zwei schlimmsten Herausforderungen und ich hätte absolut null Bock, das ganze nochmal durchzustehen, aber theoretisch würden wir alle Challenges wieder tun. Denn danach schmeckt das Bier immer besonders gut.

PEZI: Die schlimmste Challenge war definitiv die Kuschelparty. Die Challenge an sich war schon superskurril, aber die Tage danach waren fast noch schlimmer. Man kann sich das vorstellen, wie wenn man nach einer schlimmen Sauferei die nächsten Tage immer wieder so Erinnerungs-Flashs bekommt und sich dann innerlich total schämt, was man alles Peinliches angestellt hat. Und die Spätfolgen sind noch nicht abzusehen …

Das Beichten kommt bei mir auf Platz zwei. Ich hatte bei dieser Challenge etwas mehr Vorbereitungszeit und ich hab nie soviel Zigaretten geraucht wie an diesem Tag. Danach war ich bis auf die Unterwäsche nass geschwitzt. Aber dafür war seelisch wieder alles in Butter! Und die ganzen Zigaretten hab ich auch gebeichtet. Fand der Pfarrer aber nicht so schlimm.
Im Nachhinein kann ich sagen, ich würde alle Challenges noch mal machen. Denn eins ist jedesmal gleich: Die ersten 5 Minuten sind die Schlimmsten. Wenn man sich erst mal auf die neue Situation und auf die Menschen einlässt, ist eigentlich alles immer irgendwie lustig, interessant und manchmal auch bewegend.

Die Planung eines Events sowie das Niederschreiben eurer Texte im Nachhinein nehmen sicherlich einiges an Zeit in Anspruch. Wie viele Challenges packt ihr jährlich etwa?

BELINDA: Dafür haben wir einen “Redaktionsplan”, an den wir uns nie halten. Aber das ist uns egal, wir machen das alles just for fun und für den Fame natürlich. Pezi steht end auf Fame. Im Schnitt machen wir alle zwei Monate eine Challenge.

PEZI: Wir sind eher faul. Meistens machen wir die Challenges nach Lust und Laune, wir haben keinen festen Plan. Manchmal zwei pro Monat, manchmal wochenlang gar keine. Nach der Kuschelparty zum Beispiel mussten wir eine lange Erholungspause machen.
Das Schreiben geht mir eher leicht von der Hand. Meistens brauch ich nur ein, zwei Stunden. Belinda braucht allerdings immer eeeewig.

Euer Regelwerk gibt es sogar als Download. Und theoretisch kann sich ja jeder an eurem Spielmodus versuchen und das Ganze selbst probieren. Was würdet ihr angehenden uncomfortern raten? Und was sollten sie unbedingt lassen?

BELINDA: Auf jeden Fall zu einer Kuschelparty gehen und danach zur Beichte.

Ein Tipp wäre: Fokussiert euch weniger auf die Adrenalin-Challenges, sondern mehr auf die persönlichen Ängste zwischenmenschlicher Natur. Und ihr solltet die Art der Challenges wild durchmischen, also mal mit vielen fremden Menschen (Kuschelparty), mal für sich alleine (Beichte). Bei fast allen Challenges trifft man auf Menschen, die anders ticken als man selbst. Das ist eigentlich das Spannendste! Auf alle Fälle gilt aber: keine Schadenfreude. Und keine bad vibes anderen Menschen gegenüber – auch nicht den Kuschlern!

PEZI: Na ja, jeder hat seinen eigenen Komfort-Radius. Für den einen ist vor einem großen Publikum performen die Grenze, für den anderen vielleicht schon alleine ins Kino zu gehen. Und genau da wo’s wehtut, sollte man sich hinbewegen.
Außerdem ist ein Sparringspartner wichtig. Er zwingt dich dazu, die Sache wirklich durchzuziehen, ist aber gleichzeitig auch eine Unterstützung. Zu zweit macht es auch einfach mehr Spaß. Eine gute Möglichkeit ist auch zu überlegen, wo man mit Gruppen in Berührung kommen kann, mit denen man normalerweise niemals ever was zu tun hat. Also vielleicht Stepptänzer, Kaffeefahrten, Flachradler oder Raketenwissenschaftler.

Merci für diese herrlichen Einblicke!


Den Bericht zum Interview findet ihr auch in unserem aktuellen Heft #89: Zusammen ist weniger allein
Zum Blog der Girls: http://uncomfortme.de/
Collage: Belinda Förner