Im Gespräch: Sound of Munich Now 2020

Vom Mut- und Möglichmachen

Nichts ist schlimmer als der Stillstand. Wahre Worte, die nach knapp sieben Monaten in einem neuen, ungewohnten und für viele auch harten Leben jedoch nicht ganz so leicht von den Lippen gehen. Das Coronavirus hat unserer Gesellschaft einen großen Stock zwischen die Speichen geworfen. Gerade die Veranstaltungsbranche zählt zu den gefährdesten Arten in der vielschichtigen Flora und Fauna des Münchner Stadtlebens. Depression und Perspektivlosigkeit geben sich die Klinke in die Hand. Wer denkt da vor allem im Herbst noch an Events, ja gar Konzerte? Niemand, wenn es sie nicht gäbe: die Mut- und Möglichmacher. Möglichmacher wie das Sound of Munich Now, welches es sich seit nunmehr 12 Jahren zur Aufgabe macht, einem die Musikszene Münchens immer wieder aufs Neue handverlesen um die Ohren zu hauen und für Aha-Effekte zu sorgen.

Doch kann ein Festival, das seinen Besuchern Jahr um Jahr an nur einem Abend rund 20 Bands im Viertelstunden-Takt in die Ohrmuscheln schießt, 2020 überhaupt stattfinden? Natürlich nicht! Und doch haben es das Feierwerk und die Süddeutsche Zeitung / SZ Junge Leute wiedereinmal geschafft und präsentieren auch heuer das Beste, was München musikalisch zu bieten hat.

“Alles neu macht die Krise!” und so findet das SOMN 2020 komplett digital statt. Innerhalb von fünf Drehtagen haben Christian “Kiesi” Kiesler und Michael “Michi” Bremmer mit Neuzugang Alessa “Lessa” Patzer von der Fachstelle Pop ganze 20 Bands ins Feierwerk geladen und mithilfe der Münchner Video-Matadore Bernhard Schinn und Marcel Chylla (Ideal Ent.) das Unmögliche wahr gemacht und gleichzeitig ein Zeichen für den Zusammenhalt einer ganzen Branche gesetzt. Entstanden sind 20 intime Live-Sessions, leidenschaftlich performt und minutiös mit der Kamera festgehalten. Garniert mit kurzen Interviews lädt das SOMN 2020 Fans sowie Musikinteressierte ein, sich trotz leerer Konzertsäle ein Bild von dem zu machen, was unter dem Schleier der Pandemie in den Studios, Proberäumen und Wohnzimmern brodelt. Zu hören und zu sehen gibt es das Ganze ab dem 2. November an 20 Werktagen auf soundofmunichnow.de und allen begleitenden Social-Kanälen.

curt darf auch dieses Jahr wieder als Präsentator mit am Start sein und wagte einen Blick hinter die Kulissen einer so noch nie dagewesenen Ausgabe des Sound of Munich Now.

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https://youtu.be/uBF8KrzfbeA

 

Vielen Dank für eure Zeit! Ich darf euch beim letzten Produktionstag für das diesjährige Sound of Munich Now Festival begrüßen. Bedingt durch die anhaltende Pandemie ist es diesmal ein ganz anderes Festival – Wie habt ihr das SOMN 2020 neu erfinden müssen?

Michael Bremmer: Wir haben relativ schnell nach dem Lockdown gewusst, dass es das normale Sound of Munich Now so nicht geben wird. Gleichzeitig haben wir den großen Wunsch verspürt, dass wir dieses Festival unbedingt am Leben halten wollen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch gar keinen Plan, waren aber sehr dankbar als das Kulturreferat auf uns zukam und uns um ein Corona-taugliches Konzept bat. Das war für uns der Lichtblick, dass es das Festival auch dieses Jahr geben wird.

Alessa Patzer: Uns war auch wichtig, dass die Bands einen Mehrwert haben.  Von daher sind wir schnell von der Idee eines Streams abgekommen, da wir die Bands wirklich bestmöglich vorstellen wollten und sie wiederum auch etwas mitnehmen können.

MB: Man hat ja sehr schnell gemerkt, dass die Live-Streams eine gewisse Müdigkeit hervorgerufen haben. Für die Bands war das natürlich super, aber man hat gesehen, dass die Zuschauerzahl schnell gesunken ist. Und ganz ehrlich, wer sieht sich schon ein fünfstündiges Festival im Live-Stream an?

Christian Kiesler: Danach ging es sehr schnell. Nach unendlichen Video-Calls, Mails und viel Diskussion sind wir immer wieder dabei gelandet, dass wir trotz allem was online machen. Gerade bei einem SOMN, das ja für eine gewisse Überfüllung bekannt ist, war schnell klar, dass wir so etwas dieses Jahr nicht verantworten können. Wir mussten es in den digitalen Raum verlegen.

Bei unserem letzten Gespräch zum 10-Jährigen habt ihr euch in der Rolle der Mutmacher für die lokale Szene gesehen. Wie viel Mut müsst ihr den Künstlern in diesen Zeiten machen?

CK: Das fängt nicht nur bei den Künstlern an. Ich muss mich auch angesichts des Nichtstuns und der Depression Mut machen. Man darf nicht aufgeben, denn Kultur ist eine Notwendigkeit. Wir müssen das einfach machen. Wir sind in München in der großartigen Lage, dass wir eine extrem bunte und vielfältige Szene haben und das in ganz vielen Bereichen. Hier kann man auch lokal und ohne Kontakt zur internationalen Szene viel erreichen. Es war nie die Frage, ob wir ein spannendes Lineup zusammenkriegen. Mut mussten wir uns nur ein Stück weit selbst machen, dass wir das jetzt durchziehen und auch wollen. Künstlern Mut zuzusprechen in dieser Situation ist aber relativ schwierig, während alle anderen auch in einem riesigen Desaster stecken. Aber natürlich versucht man es, denn nichts zu tun ist für mich als Kulturschaffenden keine Option.

MB: Bei dem Wort Mutmacher kam auch ein bisschen der Möglichmacher dazu. Bei den Produktionstagen haben wir viel Freude und Dankbarkeit bei den Musikern erleben können, aber auch beim Kamerateam und den Technikern. Das möglich zu machen ist auch für uns schön. Einfach zu zeigen, dass es weitergeht.

CK: Man kann unter allen Umständen immer irgendwie was Gutes machen. Und das haben wir versucht.

AP: Wir wollten den Bands auf jeden Fall zeigen, dass wir ihnen beistehen und noch da sind. Aber auch den betroffenen Technikern einen Job vermitteln und eine Perspektive geben. Es zieht also viel weitere Kreise, als einfach nur den Künstlern Mut zu machen. Es ist wahnsinnig toll zu sehen, mit welchem Elan die Crew hier und hinter Bühne zur Sache geht.

CK: Um das weiterzuspinnen ist dieser Job auch nicht nur einfach ein Job, sondern auch soziales Umfeld und Freundeskreis zugleich. Wir gehen hier nicht einfach ins Büro. Für uns selber ist es extrem wichtig, etwas tun zu können und etwas zu haben, worauf man sich freuen kann.

Anders als beim letzten Mal sitzen wir dieses Jahr zu dritt hier. Mit im Team des SOMN 2020 ist jetzt auch Lessa von der Fachstelle Pop. Lessa, Anfang des Jahres musste auch euer Sprungbrett Bandcontest noch vor den finalen Runden auf Eis gelegt werden. Womit beschäftigt sich die Fachstelle derzeit und was beschäftigt die Szene?

AP: Außerhalb vom SOMN hat man deutlich gemerkt, dass alle unter Schockstarre litten. Aber peu à peu kamen viele Anfragen rein. Viele Bands haben die Zeit genutzt, um ihre Unterlagen auf Vordermann zu bringen und sich grundsätzlich zu informieren. Natürlich waren auch die Soforthilfen und Künstlerförderungen ein großes Thema. Wir haben aber auch versucht unser Programm auf andere Art und Weise an die Künstler zu bringen, da wir sie nicht monatelang alleine lassen wollten. Und so haben wir diverse Workshop-Programme aber auch Q&A-Runden auf Instagram ins Leben gerufen, um möglichst einfach Inhalte zu vermitteln und zu zeigen, dass es irgendwie weitergeht.

In den letzten Monaten waren unendlich viele Artikel über die Lage der Veranstaltungsbranche zu lesen. Wirklich viel hat sich nicht geändert seit dem Frühjahr, aber wie sieht es mit neuen Konzepten für die Live-Branche aus? Und hat auch die Sorge, dass das klassische Live-Konzert ausgedient hat, seine Berechtigung? Muss man sich grundsätzlich neue konfigurieren?

CK: Als Konzertveranstalter gesprochen, heißt diese Pandemie für uns, dass wir neue Wege gehen müssen. Es muss unter ganz anderen Voraussetzungen veranstaltet werden. Inwiefern das jetzt finanziell tragbar ist, steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt. So eine Pandemiesituation fordert auch mir als Veranstalter ganz andere Verantwortlichkeiten ab, als eine normale Konzertsituation. Ich würde aber nicht sagen, dass das Gemeinschaftserlebnis Konzert ausgedient hat. Es findet gerade in anderen Konstellationen statt, aber das wird es wieder geben. Daran muss ich auch glauben, sonst muss ich mir etwas anderes suchen. Nein, in meinem Verständnis ist das jetzt eine Herausforderung, die man annehmen muss, um sich neue und spannende Konzepte auszudenken.

Wobei sich München hier bisher erstaunlich gut geschlagen hat …

CK: Ich finde auch unser Konzept ziemlich gut (lacht). Aber eben auch Abstandskonzerte und schöne Projekte, die auch inter- und soziokulturell gut interagiert haben wie Kunst im Quadrat. Was diese Krise auch mit sich bringt, ist, dass Alleingänge wenig Sinn machen. Es macht nur Sinn, sich mit möglichst vielen Leuten zusammenzutun, um gemeinsam Dinge zu verwirklichen. Allein schon um sie personell oder finanziell zu stemmen. Wie ich schon sagte: Nichtstun, ist keine Option!

MB: Das hat man diesen Sommer in München auch sehr schön gesehen. Es wurden gemeinsam Dinge erarbeitet, teils von Menschen und Firmen, die bisher keine oder nur wenig Anknüpfungspunkte hatten. Plötzlich ging was! Man weiß nicht, wie das in einem oder zwei Jahren ist, aber bis dahin wird gemeinsam versucht, das Beste daraus zu machen. Das finde ich wirklich beeindruckend!

CK: Es entsteht ein völlig neues Gefühl in dieser Kulturbranche. Es ist eben nicht die Zeit für Alleingänge und das merkt man auch hier an den Bands. Die unterstützen sich solidarisch und helfen sich gegenseitig. All das, was wir die letzten Jahre mit SOMN immer wieder gefordert haben, passiert jetzt in der Krise.

AP: Nicht nur für das Zusammengehörigkeitsgefühl ist es eine Chance, sondern auch für die Kreativität. Es hat was sehr Positives unter diesen Umständen Konzepte zu erarbeiten, die in der Vergangenheit eher für zu kompliziert gehalten wurden.

Mit der Sommerbühne im Stadion, aber auch den #FeierwerkSessions und vielen weiteren Konzepten war in den letzten Monaten schon sehr viel Lokales geboten. Glaubt ihr, die lokale Szene gewinnt tatsächlich den Aufschub, von dem derzeit so oft gesprochen wird?

CK: Es ist tatsächlich die Stunde der lokalen Bands und der lokalen Künstler- oder Theatergruppen, die diese Stadt gerade bespielen können. Das macht Räume auf, die sonst nicht da sind. Es ist eine riesige Chance, um Neues zu entdecken. Auch um Dinge zu sehen, mit denen man sich sonst vielleicht nicht beschäftigt. Auf der Eben ist das eine wahnsinnig gute Chance für viele Kulturschaffende in dieser nach wie vor finanziell desaströsen Lage.

MB: Es kann ja auch nicht zu viele Münchner Bühnen geben! Wir wollen, dass Münchner Bands in den Vordergrund gerückt werden. Insofern ist es was sehr Positives, wenn das Augenmerk auf diese Künstler fällt.

Eine letzte Frage, die ich auch schon letztes Mal gestellt habe. Doch was können wir, die Zuschauer und Zuhörer, diesmal nicht live vor Ort, aber vor dem Bildschirm tun? Welche Interaktion wünscht ihr euch mit dem SOMN 2020?

CK: Im Zweifel wünsche ich mir, dass viele Leute Dinge entdecken, die die so noch nie gesehen haben. Das war immer das Anliegen des Festivals. Und wenn man unterstützen will, muss man die Platten der Bands kaufen, ihre Musik hören und auch ihren Namen weitertragen. Auch als Veranstalter habe ich da ein ganz großes Interesse. Nur mit einer starken Szene kann ich existieren. Das ist etwas sehr Essentielles, was auch immer als Ziel von SOMN benannt war. Hör dir die Bands an, kauf die Platten und den Merch, poste es, leite es weiter und geh auf die Konzerte, wenn du wieder darfst! Kauf Tickets!

MB: Der Mensch da draußen vor dem Bildschirm soll den Mut haben, Sachen entdecken zu wollen. Dafür steht SOMN. Wir haben heuer wieder Bands dabei, die relativ frisch sind. Die ein oder andere spielt ihr erstes oder zweites Konzert bei uns. Das sind Entdeckungen. Ansonsten schaut euch bitte die Videos an, Stück für Stück, 20 Tage lang. Teilt es, wenn es euch gefällt. Und zu guter Letzt, wenn diese Pandemie vorbei ist: Geht auf die Konzerte! Jetzt könnt ihr im Internet supporten und später im echten Leben. Beides ist wichtig!

AP: Wir haben die Bands auch selbst gefragt und ja, die meisten wünschen sich einfach nur Kontakt. Es muss nicht immer das große Merch-Paket sein, aber die Wertschätzung ist wichtig. Zeigt den Leuten, dass ihr gut findet, was sie machen! Insofern ist das SOMN ein super Einstieg in eine aufregende Münchner Szene. Es gibt enorm viel zu entdecken.

MB: Wir haben wirklich wieder ein geiles Lineup. Es hätte eigentlich ein richtiges Festival verdient!

Das Sound of Munich Now ist ein jährlich stattfindendes Musik-Festival initiiert vom Feierwerk e.V. und der Süddeutschen Zeitung. Gefördert wird das Projekt vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München, dem Jugendkulturwerk München und der MVG. 2020 findet das Festival aufgrund der anhalten Pandemie erstmals rein digital statt. Einzig auf den sonst legendären Sampler müssen wir dieses Jahr leider verzichten.


curt, egoFM und in München präsentieren: Sound of Munich Now 2020 //  2. bis 27. November 2020, immer werktags // soundofmunichnow.de

Line-up:

Antilope
Cloutboi Juli & Pink Stan
Her Tree
Kannheiser
Mira Mann
Nkalis
Novichoks
Packed Rich & Miss Pearl
Panic Girl
Philip Bradatsch
Pho Queue
Pirx
Richter + Lippus
Sandlotkids
Sofia Lainovic
Sophále
Umme Block
Wait Of The World
Wee Too, Will Fade
Youth Okay

Fotos: Feierwerk / Teresa Konrad