6.–8. September
Sophie Hunger Festspiele

Drei Jahre sind seit Sophie Hungers letztem Album Supermoon ins Land gegangen. Drei Jahre, in denen im Leben das ehemals bestgehüteten Geheimnis der Schweizer Musikszene viel passiert ist. Da ist ein längerer Amerikaaufenthalt, dessen Eindrücke es zu verarbeiten gilt. Der für eine zeitgenössische Künstlerbiografie fast unvermeidliche Umzug aus der beschaulichen Schweiz ins hippe Berlin. Zudem gibt es Trennungen zu verarbeiten. Trennungen von musikalischen Weggefährten, aber auch von einer großen Liebe. Alles Episoden, die in ihrer Intensität unterschiedlich stark auf den Sound von Molecules abfärben. Die Momente haben Spuren hinterlassen, Kratzer, Risse, Narben. Deswegen ist 2018 die Zeit, um altgediente Pfade zu verlassen und liebgewordene Gewohnheiten durch neue Leitplanken zu ersetzen. Eine selbstverordnete Reduktion der verfügbaren Ressourcen soll helfen, eine klare Linie ins emotionale Cockpit zu bringen.

Sophie Hunger hat vieles mit sich selber ausgemacht, als sie die Songs für Molecules schrieb und aufnahm. Mehr als früher klingen ihre Songs mechanischer, digitaler, vielleicht auch ein wenig kühler und weniger daseinsfreudig, nur noch minimal nach der Chansonette vergangener Tage. Dessen ungeachtet wirken einige Songs und Texte aber auch intimer und lassen mehr Nähe zu, als sie es sich in der Vergangenheit noch zugetraut hat.

Im Ergebnis reiht sich Molecules als ein weiteres wunderbares Album in das musikalische Kaleidoskop von Sophie Hunger ein. Gefeiert wird die Platte standesgemäß mit einer Tour unter dem bedeutsamen Namen Sophie Hunger Festspiele. München bekommt zum Auftakt der Konzertreise die Ehre, mit drei Gigs am Stück bespielt zu werden. curt ließ sich im Vorfeld dazu ein paar Fragen von der Schweizerin beantworten.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?time_continue=275&v=20MjUecm5CQ

Deine neue Platte klingt digitaler und mehr nach elektronischer Musik, als das in der Vergangenheit der Fall war.
Meine Zeit in Amerika hat mich als Musikerin sehr weitergebracht. Dort habe ich Sachen gelernt und gemacht, die ich vorher nicht konnte. Als ich wieder zurückkam, habe auch viel am Computer gearbeitet. Das hat mir alles sehr gefallen. Ich lebe jetzt in Berlin und dort habe ich so viel elektronische Musik erlebt und viel Techno gehört, was ich vorher so auch nicht kannte. So kam das alles zusammen.
Ich bin ja eher ein wenig zerstreut und neige dazu, viele verschiedene Sachen zeitgleich zu machen. Da dachte ich, es sei bestimmt nicht verkehrt, wenn ich mir für das nächste Album so eine Art kleines Gefängnis baue. In meine Zelle durfte ich nur die vier Sachen Drumcomputer, Synthesizer, Gitarre und Gesang mitnehmen und auch nur eine Sprache, nämlich Englisch. Und auch keine Band. Die Idee war, dass die Aufnahmen möglichst keine zwischenmenschliche Dynamik bekommen, sondern eher so monologmäßig ablaufen, damit möglichst große Erstickungsgefahr entsteht.

Wir fassen zusammen: Du hast deine Band verbannt, hast dir selbst Ketten angelegt und dich freiwillig in ein Verlies geworfen. Bist du mit dem Experiment zufrieden und wird dies dein zukünftiger Weg sein?
Zufrieden? Ja, für dieses Album war es gut, weil es so anders war. Für das nächste Mal überlege ich mir dann ein neues Gefängnis. Dann mit ein wenig mehr Komfort und auch wieder mit Heerscharen von Musikern.
Die Menschen, mit denen ich zusammenspiele, sind mir immens wichtig. Dieses Album habe ich vielleicht ein wenig einsiedlerisch aufgenommen, aber meine neue Band besteht wieder aus tollen Musikern. Wir sind zwar nur noch zu viert, aber alle sind Multiinstrumentalisten und alle singen. Es wird die technisch anspruchsvollste Combo, die ich je hatte.

Handelt es sich bei der Neubesetzung um einen organischen Prozess oder willst du die neuen Dinge auch mit neuen Menschen ausprobieren?
Beides. Von der Besetzung her gibt es keinen E-Bass mehr. Natürlich wollte ich auch frischen Wind um mich herum haben. Und schließlich ist es auch so, dass die anderen, wenn sie nicht mit mir spielen, nicht zu Hause sitzen und warten, sondern auf andere Touren gehen. Sie gehören ja nicht mir, sondern sind alle in vielen verschiedenen Projekten beschäftigt.
Ich bin da auch sehr klar, wenn ich eine Band für ein Album und die Tour zusammenstelle, dass es sich um eine begrenzte Zeit handelt, die man zusammen verbringt. Am letzten Abend trifft man sich im Tränenpalast und verabschiedet sich, weil es das Ende ist.

Du warst ja mittlerweile schon oft Gast in der Stadt und hast unterschiedliche Locations bespielt. Spürst du über all die Jahre und Orte eine Veränderung in deinem Publikum? Nimmt die Beschaffenheit des Raumes Einfluss auf das Publikum?
Manchmal schon. Die Entwicklung speziell in München habe ich als irgendwie krass erlebt. Wir spielen seit 2009 regelmäßig bei euch, aber so richtig gezündet hat es erst, nachdem wir 2015 beim Heimatsound Festival gespielt haben, was ja gar nicht in München stattfindet. Und als wir nach dem Heimatsound das erste Mal wieder nach München kamen, war eine ganze andere Energie in unserem Publikum und es waren auch plötzlich viel mehr Leute da. Es war lustig zu erfahren, dass wir München erobert haben, aber nicht in der Stadt, sondern in der Peripherie.

Die Tournee trägt den Titel Sophie Hunger Festspiele, das ist ja erstmal eine Aussage. Was steckt hinter dem Konzept, mehrere Konzerte in einer Stadt zu geben und dabei immer die Location zu wechseln?
Alles in allem ist das natürlich die allergrößte Schnapsidee, die wir je hatten. Aber ich glaube, das wird super.
Es hat etwas Absurdes, wenn man sehr großzügig mit sich ist, sogar etwas Aufrührerisches. Denn ist es ja nicht logisch, was wir da machen, sondern möglichst kompliziert. Man macht viele kleine Konzerte und zwingt alle Leute dazubleiben. Das finde ich schon sehr lustig. Das ist ja auch der Witz, dass wir es maximal ineffizient gestalten wollen. Wir müssen zwar die Nächte nicht mehr durchfahren, aber trotzdem abbauen, im neuen Club aufbauen, Soundcheck machen, uns akklimatisieren. Aber die Idee ist schon auch, länger in einer Stadt bleiben zu können, als wir es sonst tun.

Gibt es schon Pläne, was ihr rund um Isar und Marienplatz tagsüber anstellen wollt?
München bildet den Anfang der Tour und wenn ich ehrlich bin, habe ich ein wenig Bauchschmerzen, wenn ich daran denke. Ich weiß, dass ich meiner neuen Band eine ganze Reihe von Liedern beibringen muss und wir sehen uns vor September nur noch einmal. Ich wünschte, ich könnte sagen: Hey, wir werden da oder dort hingehen oder in diesem Biergarten abhängen. Aber im Moment fühlt es sich noch an wie das erste Match in der Vorrunde einer WM. Es gibt noch viel Arbeit bis dahin und das erste Spiel dürfen wir auf keinen Fall vergeigen. Wir werden voller Leidenschaft sein und unser ganzes Sein aufs Spiel setzen.

Wer sich alle drei Abende gönnt, wird der auch mit drei unterschiedlichen Konzerten belohnt werden?
Nun, ich glaube, ich werde das vor Ort spontan entscheiden. Es hängt viel mit dem Raum zusammen, es geht nicht immer alles überall. Es gibt Stücke, die funktionieren an dem einen Platz und an einem anderen überhaupt nicht. In kleineren Locations werden wir möglicherweise ein paar andere Lieder spielen. Ich habe diese vollakustischen Nummern, die in großen Sälen eventuell nicht richtig funktionieren. Wäre ja schade, wenn die, die hinten stehen, nichts hören und ich dann am nächsten Tag böse Anrufe bekomme.


Live: Sophie Hunger Festspiele > Homepage // 6. September: Freiheizhalle // 7. September: Technikum // 8. September: Strom // Beginn: 20 Uhr // Eintritt: 34,75 Euro + Gebühren