Gehört: Sophie Chassée – Lesson Learned

Geschichten vom Suchen und Finden. Vom Fallen und Aufstehen.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, so sagt man. Doch sind Neuanfänge nicht viel spannender? Diese Frage beantwortet sich Sophie Chassée mit ihrem mittlerweile vierten Album Lesson Learned einfach selbst. Und so wagt die junge Künstlerin nicht nur einen Neustart, sondern spendiert aufmerksamen Zuhörern auch einen der hörenswertesten Beiträge der modernen Singer-Songwriter-Szene.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/2JT_X1Ruk1E

 

“Das brauchst du gar nicht erst zu versuchen!”, ist nur einer der vielen Unkenrufe, dem sich die in Neuss geborene Multi-Instrumentalistin Sophie Chassée seit Beginn ihrer Karriere ausgesetzt sah. Und doch hat sich die versierte Berufs-Musikerin schon früh einer der ambitioniertesten Spielarten der akustischen Gitarre verschrieben: dem Modern Fingerstyle. Beeinflusst durch Ikonen wie Andy McKee oder Jon Gomm, gehen auf ihren Konzerten regelmäßig Kinnladen und Parkett auf Tuchfühlung. Ihr virtuoses und technisch nahezu perfektes Spiel kombiniert sie dabei souverän und brunnentief mit eingängigem Songwriting über die Höhen und Tiefen des Lebens. Wahrhaftigkeit und ein feines Gespür für kleine große Tragödien mit Herz und Verstand sind dabei nur die offensichtlichen Qualitäten ihres Spiels. Kein Wunder also, dass Lesson Learned folgerichtig via Acoustic Music Records, dem Label des renommierten Fingerstyle-Gitarristen Peter Finger, erscheint.

Wusste Sophie Chassée bereits fünf Jahre zuvor auf ihrem Album Progress zu überzeugen, überrascht Lesson Learned mit Tiefgang und einer musikalischen Opulenz, die innerhalb des oft eher limitierten Genres ihresgleichen sucht. So brilliert Sophie nicht nur mit sechs Saiten und einer einfühlsamen Stimme. Nein, es sind vor allem die vielen Layer und Details, die den zehn Songs Raum und Atmosphäre geben. Es mag stimmen, dass es sich bei ihren fein austarierten Kompositionen und Geschichten meist um Autobiografisches handelt, die Stimmungen und Farben, mit denen sie ihre Bilder malt, berühren jedoch tief. Und selbst wenn nicht jeder Track auf Anhieb zündet, scheint es stets so, als ob Sophie einem direkt aus der Seele spricht. Beim Tauziehen aus Verletzlichkeit und Stärke ist der gelegentliche Griff zum Taschentuch fast unausweichlich, denn Lesson Learned ist ein wehmütiger Abschluss mit der eigenen Vergangenheit und ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft:

Der Titel “Lesson Learned” spricht eigentlich schon für sich, was die persönliche Bedeutung dieses Albums für mich betrifft. In den letzten Jahren habe ich einige Lektionen gelernt, bin auch auf die Schnauze gefallen, aber wieder aufgestanden und vor allem daraus gewachsen. Dieser Reifeprozess sollte auch zu hören sein, es soll in den nächsten Jahren meine “neue Visitenkarte” sein, mein Aushängeschild mit dem ich mich präsentieren möchte. Dadurch, dass es so lange gedauert hat, wollte ich es auch jetzt umso perfekter haben. Das gesamte Album ist für mich ein Flashback und eine Art Resümee der letzten 4, 5 Jahre.

Dass dieses Resümee und die gleichzeitige Neuerfindung dermaßen ins Schwarze treffen, ist auch der musikalischen Geschichte ihrer Familie geschuldet. So führt Sophie erstmals unter ihrem Künstlernamen Chassée firmierend ein Erbe fort, das im Zuge ihrer sensiblen Interpretationen nicht persönlicher sein könnte. Auch dann nicht, wenn Einflüsse von John Mayer, Ben Howard oder Tracy Chapman (wenn auch weniger politisch) nicht zu überhörend sind und gelegentlich auch RnB- und Soul-Elemente die sorgfältig schwelende Melancholie durchbrechen.

Und auch wenn langjährige Weggefährten wie Tim Lasarzewski am Cajón ihren Beitrag leisten, ist Sophie Chassée für die entwaffnende Eindringlichkeit dieses Albums nahezu allein verantwortlich. Neben Gitarre und Gesang hat sie sämtliche Basslines und viele weitere Akzente selbst eingespielt. Ein musikalisches Füllhorn, das nicht von Ungefähr kommt: Vielen ist Sophie sicherlich als Bassistin der Band rund um Shooting-Star Alli Neumann und einem rauschenden Festival-Sommer 2019 samt Auftritten bei Neo Magazin oder Inas Nacht aufgefallen. Aber auch als Gitarristin und Backing-Sängerin der Osnabrücker Neo-Soul-Band Karanoon ist sie längst kein unbeschriebenes Blatt mehr auf den Bühnen der Republik. Wertvolle Lektionen, die auch auf Lesson Learned zu hören sind:

Ich muss sagen, dass mich das Major Label Game umso mehr in meinem Solo-Ding ermutigt und gestärkt hat. Ich habe dadurch sozusagen verstärkt ein Gefühl nach back to the roots entwickelt. Durch den Prozess mit Karanoon konnte ich vor allem was Vermarktungsstrategien und Recording Prozesse im Studio betrifft, sehr viel für meine Solo-Musik mitnehmen.

Und so legt Sophie Chassée mit Lesson Learned nicht nur ein ganz persönliches Zeugnis voller Authentizität, technischer Raffinesse und Leidenschaft ab. Im besten Fall inspirieren sie und ihre Geschichten noch mehr junge Frauen, allen Unsicherheiten und Zweiflern zum Trotz, ihr eigenes Ding zu machen und selbst in die Saiten zu greifen. So anspruchsvoll kann gute Pop-Musik sein.

Live: Aufgrund der anhaltenden Pandemie muss München auf ein Konzert von Sophie Chassée leider noch eine Weile warten. Mit etwas Glück könnt ihr sie aber zusammen mit Alli Neumann am 08. Dezember im Technikum erleben. curt präsentiert die aus dem Ampere hochverlegte Show und verlost zeitnah Karten. Fingers crossed! > Zum Gewinnspiel


Gehört: Sophie Chassée – Lesson Learned // Acoustic Music Records // VÖ: 26. Februar 2021 // Homepage

Foto: Marie Buschhausen > Homepage