27. Februar
Slowdive im Technikum

Es gibt ernsthaft nichts Besseres am Ende des drögen Matschmonats als großflächig aufgetragener britischer Bliss. Slowdive, zum heutigen Tag bestehend aus Neil Halstead, Rachel Goswell, Christian Savill, Nick Chaplin und Simon Scott sind genau die gleichen Slowdive wie bei ihrem legendären Album Souvlaki (1993), und sie werden keinen enttäuschen, der die älteren Alben der Band vergöttert.

Slowdive sind ihrem Sound der 90er-Jahre treu geblieben, aber nach dem Shoegaze-Revival der späten Nullerjahre haben sie sich auch ein neues, jüngeres Publikum erschlossen. Das letztes Jahr erschienene Album Slowdive wurde von Chris Coady, dem Produzenten von Beach House, mit auf den Weg gebracht, und schon bei den ersten Takten wälzt sich die altbekannte Sentimentalität solch großartiger Platten wie bspw. My Bloody Valentines Loveless in Ohr und Kopf. Was den Reiz von Shoegaze ausmacht, und warum die dreamy Klänge seiner assoziierten Bands auch bei Millennials auf einmal wieder so gefragt sind, darüber kann man nur mutmaßen. Klar, Abdriften und Kopfkino gehen super zu glockenläutenden Gitarren, Echos und ätherischem Gesang, Eskapismus nach Dingel-Dängel-Land für Wirklichkeitsfrustrierte sozusagen – dann aber wieder legen sich Verzerrung und Rauschen breit über alles, überzuckerte Illusionen werden weggespült, Verständnis bleibt. Slowdive ist aber kein landschaftliches Ambient, die Aufnahmen sind zu einem großen Teil mittelflott und uneitel, mitwippbar. Live wäre etwas weniger Tempo vielleicht noch schöner. So hielte das Konzert auch länger an.

Shoegaze hören und nicht an das rührende Foto von Laura Palmer denken und wie Julee Cruises Stimme langsam darübertrielt wie morgensonnengoldener Sirup über Pancakes – erinnert sich eigentlich noch jemand an Pluramons Dreams Top Rock oder auch The Monstrous Surplus mit – ach! – Julia Hummer? – jedenfalls Shoegaze zu hören und nicht in eine ganz und gar twin-peaksige Stimmung kommen, ist gar nicht mal so einfach. Das romantische Tiefengewebe wird durchgeknetet, aber eben nie ohne eine kleine Melancholie.

Versonnenes Slow Dancing mit dem Schwarm auf dem Prom, obwohl man Wehmut und die Abgründigkeiten dieser spiegelverkehrten Welt außerhalb von Musik und Moment bitter ganz hinten im Mund schmeckt. Shoegaze gehört zum Soundtrack von Gefühlslagen, Stimmungen und Erinnerungen, die jeder kennt, der mal ein von Gefühlen gebeutelter Teenager war. Oder eine kollektive Erinnerung ans Fliegen? Das erklärt vielleicht auch, wie Slowdive nach 22 Jahren ohne ein Album mit einem solchen Erfolg zurückkommen können, zurück zu treuen alten und neuen Anhängern ihrer zarten und mächtigen Musik.

Neil Halstead berichtet von der engen Zusammenarbeit für das neue Album: am Schreiben, Ausprobieren und Aufnehmen war die Band beteiligt und es lief alles gleichzeitig und in Schleifen ab. Ein Entstehungsprozess also, der dem Livespielen oder Proben ähnelt. Das Touren der letzten Jahre und die neuen Möglichkeiten der gemeinschaftlichen Musikproduktion hört man Slowdive an (Stichwort dialogischer Gesang, spiralförmiger Songaufbau), – und es lässt auf ein grandioses Konzert hoffen, bei dem sich Songstrukturen auflösen.

Musik zum Rauszoomen und resonierenden Aufmachen, um mal esoterisch zu werden: und dann hängt man da bäuchlings auf einer Dämmerungswolke und die Augen gehen vor Genuss zu wie bei trinkenden Babys, da hängt man dann von sich wiegenden Ästen zerzaust im Wind und sieht die Wellen dunkelgraublau in Slow-Mo anrollen und alle im Publikum verstehen es gerade voll und fühlen das Gleiche. Wer will denn da nicht dabei sein?

Slowdive > Homepage // 27. Februar // Technikum // Einlass 19:00 Beginn 20:00 // Tickets 28 Euro zzgl. Geb