Gehört: Sin Cos Tan – Blown Away

Was haben die Geschichte eines Drogenkuriers, die Winkelfunktionen der Mathematik und Sommer-Sonne-Synthie miteinander zu tun? Keine Ahnung, da müsst ihr Jori Hulkkonen und Juho Paalosmaa schon direkt fragen.

Seit einigen Jahren sind die beiden Finnen im Musikgeschäft, einzeln und zusammen. Mit „Blown Away“ erscheint dieser Tage das dritte gemeinsame Album als Sin Cos Tan – benannt nach Sinus, Kosinus und Tangens, jenen drei Funktionen, mit denen uns Mathematiklehrer seinerzeit vom wohlverdienten Morgenschläfchen abhalten wollten. Mit grauen Rechenaufgaben hat das Album jedoch nichts am Hut, dafür aber mit anderen unschönen Themen: Michael Burana, ein Amerikaner mittleren Alters, entschließt nach einer gescheiterten Ehe nach Mexiko zu gehen, um dort als Drogenkurier zu arbeiten.

Dass es sich bei „Blown Away“ um ein Konzeptalbum, quasi das musikalische Pendant zu „Breaking Bad“ handelt, würde man hier jedoch nicht vermuten. Zwei Palmen, im Hintergrund eine Abendsonne – das Cover schürt Erwartungen nach einem Floridaurlaub und Kämpfe mit betagten Damen um die verbliebenen Plätze am Strand. Und auch bei der Musik geht es deutlich weniger düster zu, als es die Geschichte vermuten ließe. Tropische Klänge, ein bisschen MGMT-Spinnerei: Sin Cos Tan mögen beim Opener „Divorcee“ über das Ende einer Ehe singen, vor dem geistigen Auge spielen sich jedoch viel mehr Szenen ab, in denen Cocktails und Limbo-Stangen eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

„I’m sorry, but sorries don’t matter anymore“ heißt es in Lied zwei „Love Sees No Colour“. Doch nix da Trübsinn, Herzschmerzballade ist ausverkauft. Stattdessen frönen die beiden Jungs aus Finnland ausgiebig ihrer Vorliebe für Synthiemusik der 80er. Warum man diese mit dem Schicksal eines Drogenkuriers verbinden musste, bleibt ein Rätsel, zusammenpassen will das nicht. Andererseits: Warum auf Texte achten, so lange die Musik stimmt? Und das tut sie hier, meistens zumindest. Gerade zur Mitte des Albums hin tummeln sich einige Perlen, das traumhafte „Colombia“ oder auch „Lifestyle“, bei dem Pianopassagen und eine Stimme zusammentreffen, die an Robert Smith von The Cure erinnert.

Doch das heimliche Highlight ist das atmosphärische, instrumentale „Traffic“, was auch mit einem Problem des Albums zusammenhängt: der Gesang. Der ist zwar oft genug angenehm und passend, neigt aber sehr, zu sehr zur Kopfstimme. Das ist anfangs okay, beginnt mit der Zeit aber gefährlich, in nervenbelastende Bereiche vorzudringen. Spätestens wenn bei „Blown Away“, dem vorletzten der zehn Lieder, schon wieder die oberen Register angesteuert werden, ist es dann auch mal genug.

So richtig erfüllen will der Titel des Albums sein Versprechen also nicht, hin und weg ist man hier nicht. Aber nicht jedes Werk muss in die Geschichte eingehen, manchmal reicht es, nett unterhalten zu werden. Und das tun die Finnen auf jeden Fall. Wer noch auf der Suche nach einem Sommeralbum ist, das man zum Cocktailschlürfen hören kann, zur nächtlichen Strandparty oder eben auch dem fröhlichen Drogenverkauf, der darf hier gerne einmal reinhören. Viel Tiefgang oder Abwechslung gibt es nicht, aber dafür strahlend-leichte Popnummern für zwischendurch.

>> Sin Cos Tan

TEXT: OLIVER ARMKNECHT