Shantel & Bucovina Club Orkestra in der Muffathalle

Der Erfinder des Balkansounds, Stefan Hantel alias Shantel, bringt das neue Album “Anarchy and Romance” mit auf Tour. Natürlich zusammen mit dem Bucovina Club Orkestar. Wir haben mit ihm vor der Show am 7. Dezember in der Muffathalle über seine Heimat, Jugendkultur und Rebellion gesprochen.

Dein neues Album trägt den Namen “Anarchy and Romance”. Warum?
Man fragt mich oft, wie ich meine Musik kategorisieren oder was für ein Genre ich ihr zuordnen würde. Ich tue mich grundsätzlich immer schwer, wenn man eine Schublade dafür erfindet. Wenn ich versuche, die letzten 10 Jahre zu reflektieren, was alles mit dem Projekt passiert ist und in was für Winkel und Ecken der Welt mich das schon getragen hat, dann trifft für mich so ein Titel wie “Anarchy and Romance” den Nagel ganz gut auf den Kopf.

“Anarchy” beziehe ich ein bisschen auf den Zustand, dass sich das Projekt und die Band und die ganze Haltung von dem, was ich da mache, sehr schwer irgendwelchen Regeln unterwirft. Eigentlich war auch die Besonderheit, dass von Anfang an die Regeln oder der Stylecode, das, was man innerhalb der Popkultur wagen darf und was nicht,  über Bord geworfen wurden. Keiner hat kapiert, was da abgeht, das war für viele uncool und komisch. Es hat sich sämtlichen musikalischen Regeln, auch Hipnessregeln oder Fashionreglements total entzogen. Das ist für mich eine schon sehr anarchische Haltung. Vor allem wenn man das auf die Musikpresse bezieht. Generell Medien wussten überhaupt nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Und was hat es mit der “Romance” auf sich?
Wenn ich nochmal ganz kurz das mit der Anarchie aufgreifen darf, es hängt auch ein bisschen damit zusammen, dass es mir persönlich eine Riesenfreude bereitet, wenn ich mit Sachen hantiere oder Sachen vermenge, die man üblicherweise nicht unter einen Hut bringt. Die Aufgabe war es,  Tradition und Moderne zu kreuzen. Das ist ein sehr ungewöhnlicher Schritt gewesen. Ich komme als Musiker aus der elektronischen Szene, elektronisch und digital, und ich hatte das Gefühl, dass es sowieso eine Diskrepanz in der heutigen Zeit in der Clubkultur gibt, also dem, was sich auf den Partys oder in den sogenannten Diskotheken abspielt. Diese Geschichte ist eigentlich zuende, weil Clubkultur schon lange nicht mehr das einhält, was es verspricht. Es geht nur noch darum, den Kids das Geld aus der Tasche zu ziehen. Also die Clubs sind eigentlich ganz schlimme Orte geworden, finde ich.

Seit wann das?
Ich finde die Clubkultur bricht total weg, weil es tatsächlich keinen Soul mehr gibt. Die Promotion, die Clubs machen, ist die billigste und dümmste Art und Weise, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Früher, wenn wir Partys organisiert haben oder jetzt diese sogenannten illegalen Partys, so Independentpartys, war und ist viel spannender gewesen, weil es Menschen gab, die in der Lage waren, großzügig und auch ein bisschen verschwenderisch zu denken. Das macht eine Diskothek nicht. Da wird genau geguckt, was an der Bar für ein Umsatz gemacht wird. Der Sound ist eindimensional und mainstream-orientiert geworden. Für mich war der Club früher die beste, demokratischste Art, um eine Idee groß zu machen. Aber das ist heute vorbei. Wenn man sich das im internationalen Vergleich anschaut, ist es eine spürbare Tendenz. Brachialer Mainstream, aber innovative Clubkultur findet man im Moment ganz selten.

Für mich birgt diese seelenlose Haltung auch gerade in der elektronischen Musikszene, wo es nur noch um Konzept geht und um Formalismen und um eine gewisse Coolness, dieser designte, gestylte Sound, eine merkwürdige elektrofizierte Ästhetik, überhaupt keine Emotionen mehr. Und diese Emotionalität ist ein vager Begriff, mit großer Geste Gefühle in eine Sache zu bringen – das ist auch Teil von der Musik, die ich mache. Ich habe keine Angst davor, markante Melodien einzusetzen. Das ist für mich zweifelsfrei der romantische Anteil an dem Ganzen. Es hat viel Emotionalität in die Musik- und Popkultur gebracht.

Inwiefern?
Popkultur ist eigentlich immer ein formalistisches Konzept. Wenn man in Kategorien denkt, Top-Ten-Act oder Lady Gaga, ist das sehr formalistisch, sehr konzeptionell. Wenn man dann deutschen Pop anschaut, also deutschsprachigen Pop, wo man versucht, auf der Ebene der deutschen Sprache eine gewisse Romantik oder Flavour reinzubringen, da stehen mir die Haare zu Berge, weil es wie Schlagermusik aus den 70er-Jahren ist. Man versucht, Emotionalität herzustellen. Für mich ist das sehr bizarr, wenn man das als Musik und Sprache zusammen hört.

Ich sehe da auch ein gewisses Defizit, sonst wären meine Konzerte und Partys nicht so gut besucht. Ich frage mich immer, was die Leute so daran begeistert, was man tut. Denn es ist ja kein Hype, der in den Medien breitgetreten wurde, es findet überhaupt nicht statt. Es scheint ein Riesendefizit  bei den Leuten an dieser Art von verrückter, anarchischer, brachialer Emotionalität zu geben und auch am Rebellischen.

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Gibt es das nicht mehr?
Punkrock zum Beispiel war rebellisch und immer dagegen. Wenn man sich eine Oberschule ansieht, 10., 11. Klasse, da sind die Leute angepasst und spießig. Das ist keine Kritik. Aber man beobachtet, wie sich Jugendkultur definiert. Früher hat sich Jugendkultur so definiert, sich von bestimmten bürgerlichen Normen abzugrenzen. Hip-Hop und Techno war am Anfang auch so. Die Independent-Szene gibt es nicht mehr. Alles ist Mainstream und wenn es doch was Spannendes und Interessantes ist, dann gibt es zwei Monate später gleich die Kampagne bei H&M mit dem von vorne bis hinten verwursteten Newcomer-Song oder es taucht bei Vodafone als neuer Werbe-Jingle auf. Es hat ja überhaupt nichts mehr mit Abgrenzung und Rebellion zu tun und ich glaube, ein Album wie “Disko Partizani” und diese ganzen Sachen sind so schwer zu kategorisieren, dass die Industrie Angst hat, sich dem anzunähern. Es ist die letzte Bastion von Rebellion und Abgrenzung gegenüber dem Establishment.

Bist du durch diese Haltung zu dem Publikum gekommen, das du wolltest?
Man kann kein Publikum über einen Kamm scheren und ich habe mir persönlich auch nie eine Vorstellung darüber gemacht, wie ich das gerne hätte. Ganz im Gegenteil, ich hatte sogar eher das Gefühl, dass, als ich damit anfing, wenn es 50 Leute bei einer Party gut finden, es sehr viel für die damaligen Verhältnisse war.

Ich habe eigentlich in den letzten Jahren an Festivals, Partys und Clubshows nichts ausgelassen. Diese knüppelharte Arbeit hat sich mittelfristig ausgezahlt. Es gibt eine sehr beständige, gut gemischte, internationale, auch sehr kosmopolitische Fanbase und glücklicherweise ist das ein Phänomen, das ich in ganz Europa und darüber hinaus feststelle. Das sind Menschen aus verschiedensten Szenen und auch aus verschiedensten Alterskategorien, die sich im Laufe der Jahre herauskristallisiert haben. Sie ist auf eine gesunde Art und Weise gewachsen, weil es nie ein Marketingkonzept gab, um es an den Mann oder an die Frau zu bringen.

Du hast Wurzeln im Osten, bist aber in Deutschland aufgewachsen. Kannst du dich auch mit der  Mentalität des Ostens, abgesehen von der Musik, identifizieren?
Die Tatsache, dass meine Mutter aus Rumänien stammt, macht mich nicht zu einem besseren Musiker, das ist Quatsch. Natürlich bin ich aber damit groß geworden, aus einer extrem zerrissenen, bunt zusammengewürfelten Familie zu kommen. Ich habe schon in der Schule gespürt, dass es bei uns anders ist. Es wird anders diskutiert, gestritten, es ist ein anderes Temperament. Der Widerspruch ist der beste Antrieb eines Lebensgefühls, das nicht verkehrt ist. Je nördlicher man in Europa oder Deutschland geht, desto weniger wird sich auseinandergesetzt. Man wird auch nicht emotional. Man ist sachlich, man ist unterkühlt, man ist organisiert. Der andere Teil Europas, bezogen auf Südosteuropa, hat ein ganz anderes Lebensgefühl. Das ist immer ein Tanz auf dem Vulkan, um es stereotyp zu formulieren. Aber trotz allem klappt es ja doch ganz gut, weil man sich eine gewisse Überlebensstrategie überlegen muss. Mit diesem Gefühl, mit dieser Injection bin ich auch groß geworden. Ich wusste nie, wohin damit, ich wusste nie, was das denn ist.

Bin ich Deutscher? Klar, ich habe einen deutschen Pass, ich bin hier geboren, das ist im Prinzip mein Standbein. Aber es ist nicht meine Heimat. Meine Heimat ist eher ein Gefühl, wenn ich mich an meine Großeltern erinnere, diese Zerrissenheit, dieser Widerspruch. Da fühle ich mich viel stärker zu Hause. Wenn man sehr viel auf Reisen ist, was ich schon immer war, weil es für mich auch die beste Schule war, habe ich immer am besten gelernt, indem ich andere Kulturmodelle angeschaut habe. Ich habe immer gemerkt, dass ich mich darauf einlassen kann. Ich fühle mich nicht wie im Urlaub als Tourist, sondern verstehe die Leute und die Leute verstehen mich.

Wie kommt deine Musik in Osteuropa an?
Ich hatte nie Berührungsängste, in Osteuropa zu veröffentlichen. Die Leute haben immer gesagt:  “Hey du bist irgendwie einer von uns.” Eigentlich nicht, ich lebe in Deutschland und bin dort groß geworden. Das sind Synergieeffekte, die man nicht erklären kann, vielleicht ist es auch gut so. Ich würde mich immer eher als Europäer oder als Weltbürger bezeichen. Aber diese Frage der Identität ist gar nicht mehr so wichtig heutzutage. Ich finde es viel interressanter, sich über Gemeinsamkeiten zu unterhalten. In unserer Band ist ein Israeli dabei, zwei serbische Trompeter, zwei Franzosen, ein Armenier und unser Bassist kommt aus Berlin. Es ist ein völlig bunt zusammengewürfelter Wanderzirkus, funktioniert großartig. Und es gibt natürlich auch Unterschiede. Globalistisch, zerrissen, widersprüchlich. Ich hasse diese Gleichmacherei. Wir leben in einer Zeit, wo alles gleich und genormt ist. Man muss sich anpassen. Das ist die Leitkultur. Furchtbar, das macht alles schlimm und kaputt. Ich mag die Gegensätze. Es muss krachen und Reibung geben. Und keiner soll sagen, wie es laufen muss. Es gibt so viele Möglichkeiten, das Leben und das Zusammenleben zu gestalten.
In Deutschland findet ein Kulturclash statt, der nach wie vor noch nicht richtig rauskommt. Es gibt total neurotische Diskussionen, die hier geführt werden. Aber eigentlich ist das eine Stärke. In der Diaspora passieren wahnsinnig interessante Dinge, aber die Deutschen bepissen sich damit, nach vorne zu gehen. Da ist man immer gleich in der Ecke “Das ist doch Ethno oder Weltmusik, hat doch gar nichts mit uns zu tun”. Völliger Schwachsinn. Bei meinem Konzerten sind 85 % Deutsche, die haben mit Balkan überhaput nichts am Hut, lieben das aber trotzdem, weil sie merken, das es Soul hat und sich da was tut.

Wer zu Shantels Musik auf dem Vulkan tanzen will, hat hier die beste Möglichkeit:

28.11.2013: Berlin – Astra
29.11.2013: Münster – Skaters Palace
02.12.2013: Leipzig – Werk 2
03.12.2013: CH-Basel – Hinterhof
04.12.2013: CH-Bern – Bierhübeli
05.12.2013: CH-Winterthur – Salzhaus
06.12.2013: CH-Nyon – Usine à Gaz
07.12.2013: München – Muffathalle

08.12.2013: Konstanz – Kulturladen
09.12.2013: Heidelberg – Halle 02
10.12.2013: Frankfurt – Batschkapp
14.12.2013: Stuttgart – Wagenhallen
15.12.2013: AT-St. Pölten – Cinema Paradiso
17.12.2013: AT-Linz – Posthof
18.12.2013: AT-Graz – PPC
19.12.2013: AT-Wien – WUK

Herzlichen Dank, Stefan Hantel, für das Gespräch.
Das Interview führte Sanja Jokic.


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