Im Gespräch: Sebastian Hilger

Ein Science-Fiction-Film aus Deutschland? Geht das? Davon können sich kritische Fans nun selbst überzeugen, denn Wir sind die Flut kombiniert Elemente dieses Genres mit Mystery und Drama zu einem Werk, wie man es hierzulande nur selten zu Gesicht bekommt. Wie es dazu kam, aber auch welche Hindernisse es dabei zu überwinden galt, verrät uns Sebastian Hilger im Interview, der hier Regie führte und zusammen mit Drehbuchautorin Nadine Gottman mehrere Jahre an dem Abschlussfilm arbeitete.

Am 10. November läuft euer Abschlussfilm „Wir sind die Flut“ in den Kinos an. Darin erzählt ihr die Geschichte eines jungen Physikers, der an einem Ort an der Nordsee das verschwundene Meer sucht. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Die ursprüngliche Idee besteht eigentlich auch noch aus der Zeit, als Nadine Gottmann, die das Drehbuch geschrieben hat, und ich zusammen in Köln Filmwissenschaft studiert haben. Was uns zuerst einfiel, war diese Metapher von einer andauernden Ebbe. Was macht das mit den Leuten, wenn eine Urkraft der Natur, nach der man seine Uhr stellen konnte, auf einmal aussetzt? Die Idee hat uns für einige Jahre beschäftigt, ohne dass wir wussten, wie wir sie in einen Film packen konnten. Etwas später kamen wir dann in die Lebenssituation, wie sie wahrscheinlich jeder in unserer Generation kennt: Wir haben uns jahrelang ausbilden lassen, haben unsere Sachen eigentlich auch gut gemacht, seit der Schule schon hatten wir beste Noten. Uns wurde gesagt, es wird alles super, so lange wir nur an uns arbeiten. Und dann steckst du deinen Kopf raus und stellst fest, dass eigentlich keine Sau auf dich gewartet hat. Dass du dich mit vier Leuten drum prügeln darfst, das sechste unbezahlte Praktikum anzufangen. Dieses Gefühl wollten wir zusammenbringen mit der Idee der andauernden Ebbe.

Der Film lebt auch sehr von den Bildern des verlassenen Ortes. Wo habt ihr den gefunden?

Das war nicht einfach. Wir haben die gesamte Nordseeküste nach einem verlassenen Dorf abgesucht, was aber natürlich utopisch war. Das ist alles piekfein dort. Also haben wir zwei getrennte Orte suchen müssen. Zum einen eben das Dorf, zum anderen das Meer. Fündig wurden wir dann in einem ehemaligen Braunkohledorf in NRW. Dort wurden Drehanfragen eigentlich pauschal abgelehnt, weil die Umsiedlung eines ganzen Dorfes natürlich ein Politikum ist und mit vielen bitteren Geschichten verbunden. Mit viel Ausnahmegenehmigungen und Überzeugungsarbeit haben wir aber doch noch eine Dreherlaubnis bekommen. Für die Meerszenen waren wir noch eine Woche auf Pellworm an der Nordsee. Das ist eine der nördlichsten Inseln, wo die Rauheit noch einmal ganz anders ist. Wir haben ja im Dezember gedreht, da herrscht eine absolute Weltuntergangsstimmung. Zum Arbeiten ein Alptraum, für den Film war es aber perfekt.

Mal eine blöde Frage: Wie kommt man an eine Drehgenehmigung für einen verlassenen Ort ran? Wer vergibt die?

Der Ort gehört offiziell dem Energieversorger. Aber die Genehmigung haben wir letzten Endes bekommen, weil es uns gelungen war, die ehemaligen Bewohner des Dorfes für unser Projekt zu gewinnen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass es ein studentischer Film war und acht Studenten damit ihren Abschluss gemacht haben. Mit dem Unterstützungsschreiben der Bewohner hat der Versorger dann beide Augen zugedrückt. Wir mussten uns aber eng mit dem Abrisskommando absprechen, das damals schon bei der Arbeit war. Manche Gebäude, in denen wir gedreht haben, die waren noch vor Ende der Dreharbeiten schon nicht mehr da.

Wir sind die Flut

Kommen wir ein bisschen zum Inhalt. „Wir sind die Flut“ ist ja ein sehr interpretierfreudiger Film und hat manchen Zuschauer bei der Berlinale mit seinem offenen Ende auch überfordert. War das so beabsichtigt?

Es war schon eine bewusste Entscheidung, das so zu machen, ja. Die Redaktionen haben den Film auch reihenweise genau deshalb auch abgelehnt, weil er ihnen am Ende nicht aufgelöst genug war. Wir haben während der Entwicklung zwar mit möglichen Auflösungen experimentiert. Aber am Ende hat uns das nie so interessiert, das Rätsel konkret aufzulösen. Denn wenn wir wirklich über unsere Generation reden wollen und davon, gegen diese Depressionen anzukommen, dann entspricht das überhaupt nicht der Realität, dass alles plötzlich geklärt wäre. Das Gefühl dieser Leere, das legt man ja nicht plötzlich ab, nur weil nach 90 Minuten der Film rum ist. Wir wollten uns lieber auf die Entwicklung der Figuren konzentrieren. Der Film erntet dafür nicht nur Anerkennung, das stimmt. Aber mehrheitlich empfindet das Publikum den Freiraum, den „Wir sind die Flut“ inhaltlich wie visuell bietet, auch als bereichernd. Insofern haben wir es nicht bereut, es so zu machen.

Eines dieser Diskussionsthemen ist das Bild der Leere. Warum haben wir so große Angst davor?

Diese Leere, vor der die Figuren im Film Angst haben, ist eine, die ich während dieser Zeit auch selbst sehr gespürt habe. Man macht irgendwo so sein Leben, steht morgens auf und ist fleißig und fragt sich dennoch, ob das denn schon das Leben ist. Man fühlt sich noch gar nicht erwachsen, auch wenn man laut dem Personalausweis dieser Gruppe schon angehört. Das hat auch damit zu tun, dass einem die Welt gar nicht die Chance gibt, diese Erwachsenenstelle zu beziehen. Es hat aber glaube ich auch mit einem selbst zu tun und den riesigen Ansprüchen, die man an sich und das Leben gestellt hat. Dieses Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Tuns, die habe ich damals sehr stark gespürt.

Aber muss so eine Leere denn zwangläufig negativ sein? Man könnte sie ja auch als Potenzial begreifen, sie mit etwas zu füllen.

Absolut. Das ist auch ein elementarer Bestandteil des Films. Die Menschen haben Angst vor dem Watt und bauen einen Zaun drum herum. Es ist auch irgendwo bedrohlich, gleichzeitig jedoch faszinierend. Weil es ein unbeschriebenes Blatt ist, auf dem man auch alles machen kann und auf dem die Gesetze dieser Welt nicht zu gelten scheinen. In dieser Dualität bewegen sich dieser Film und die Figuren. Und das war auch die persönliche Lehre, die ich für mich aus dieser Zeit mitgenommen habe.

Der zweite große Thema des Films sind Kinder. Da gibt es die verschwundenen Kinder, es gibt den Jungen, über den Micha nachforscht, auch Micha denkt an früher zurück. Bist du einer, der selbst oft an die Kindheit zurückdenkt?

Schon, auf jeden Fall. Während des Films sogar noch ein bisschen mehr als jetzt. Die Freiheit und die Naivität der Kindheit, das hatte etwas sehr Verlockendes für mich. Ich habe mich auch immer wieder dabei erwischt, wie ich mir gewünscht habe, in diese Zeit zurück zu können. Bei der Recherche für den Film haben wir dann gemerkt, dass das in unserer Generation weit verbreitet ist. Wir haben ja alle eine sehr sichere Kindheit gehabt. Vielleicht waren es sogar die besten Jahre, weil wir damals in finanzieller Sicherheit gelebt haben und Frieden herrschte. Das Gefühl der Depression und der Leere heute hängt meiner Meinung nach eben auch damit zusammen, wie wir als Kinder aufgewachsen sind. Unsere Kindheit war eigentlich zu gut. Wir konnten damals noch träumen. Dafür ist als Erwachsener oft kein Platz mehr.

Wie sieht es mit deinen Träumen aus? Wolltest du schon damals zum Film?

Das hat sich bei mir interessanterweise erst relativ kurzfristig ergeben. Ich wollte eigentlich zur Polizei gehen. Ich hatte mich beworben, war auch genommen worden und hätte meine Ausbildung bei der Polizei in Rheinland-Pfalz beginnen können. Dann haben aber ein Kumpel und ich für das Abi einen Film gedreht, auch ein bisschen in Richtung „Star Trek“ und „Star Wars“. Das war zwar ein ziemlich zerstümpertes Machwerk, war für mich aber ein Augenöffner. Ich hatte so sehr dafür gebrannt wie für nichts zuvor in meinem Leben! Also habe ich den Beginn der Ausbildung um ein Jahr verschoben, um erst einmal darüber nachzudenken, was ich machen will. Ich habe dann bei der Polizei abgesagt und wollte zum Film.

Und das hat dann geklappt?

Im Gegenteil, da kam erst einmal der große Realitätshammer. In meinem kleinen Dorf war ich der große Filmzampano, zu dem alle kamen, um Hochzeiten und Taufen filmen zu lassen. Als ich mich mit diesen Hochzeitsvideos an der Filmhochschule in Köln beworben habe, bin ich aber ziemlich abgeschmettert worden. Das war für mich schon eine Riesenkrise. Aber das gehört eben dazu, sich aus dieser Krise wieder zu berappeln und das eigene Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, sondern es weiter zu versuchen. Als ich danach wieder abgelehnt wurde, habe ich aus Verlegenheit ein Studium der Filmwissenschaft in Köln begonnen und habe dabei sehr gute Kollegen kennengelernt, denen es genauso ging wie mir. Darunter auch Nadine. In unserer Freizeit haben wir dann sehr viele Filme gemacht. Nach dem Studium habe ich mich dann erneut beworben, und diesmal hat es funktioniert und ich wurde in Ludwigsburg genommen. Bereut habe ich die Entscheidung auch nicht, mit Ende zwanzig noch einmal anzufangen, weil es für mich der tollste Beruf der Welt ist. Die vielen Orte, die man zu sehen bekommt …

Unter anderem ein Dorf, das nicht mehr existiert.

Genau, ich mein, wie cool ist das denn, dass wir quasi die letzte Erinnerung an diesen Ort sind? Wie dir Leute Türen und Herzen öffnen und intime Erfahrungen mit dir teilen. Wir haben während des Studiums beispielsweise einen Film über Afghanistan-Heimkehrer gemacht. Und die Soldaten haben uns Dinge erzählt, die sie ihren Frauen nicht erzählt haben. Aber es bleibt ein schwieriger Job, weil er immer mit so vielen Entscheidungen verbunden ist. Eine einzige falsche Entscheidung kann das K.O. für einen Film bedeuten. Wenn man selber Filme macht, weiß man erst, was für eine unglaubliche Leistung es ist, einen wirklich guten Film zu drehen. Wie kompliziert und langwierig das ist, wie viel Kraft es von dir erfordert.

Was gibt dir in solchen Momenten diese Kraft weiterzumachen?

Wenn ich etwas Tolles sehe. Der Bunker war so ein Beispiel. Genau solche Filme willst du machen. Das passiert immer weniger mit der Zeit, dass dich ein Film so begeistert, gerade auch wenn du dich damit näher beschäftigst. Aber wenn es passiert, dann motiviert dich das, das weiterhin zu machen. Obwohl die Situation in Deutschland so schwierig ist, mit den Fernsehsenderstrukturen. Das ist einfach eine total innovationsfeindliche Umgebung. Für einen kreativen Prozess bedeutet das oft das Todesurteil, mit einer Angsthaltung an die Arbeit zu gehen. Wenn man das Risiko zu scheitern nicht eingehen will, dann nimmt man sich die Möglichkeit, dass am Ende etwas Besonderes dabei rauskommt.


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