#Untenrum in München: Rote Sonne

17 Stufen führen hinunter in den Untergrund Münchens. Unweit der Prachtbauten des Lenbachplatzes, geradezu als Gegenprogramm zu Banken, Börse und Justiz, brummen die Bässe im Mutterbauch des Elektrofans. Die Rote Sonne ist Kult. Keine Religion, aber auch mehr als nur ein Club. Tagsüber und draußen scheint nur die gelbe Sonne. Da ist die Pforte der Roten Sonne kaum zu erkennen. Kein Türsteher als Markierung. Schnödes Treppenhaus. Auf- und Abgänge sind mit Gittertüren verriegelt. Die Stahltür zum Allerheiligsten hebt sich farblich kaum von der Wandfarbe ab. Nachts ist das anders. Da zeigt schon der Non-Schlampen-Style des Publikums auf, dass es hier nicht nach oben ins Pacha gehen kann, sondern hinunter in den sonnigen Himmel des ausgefalleneren Musikgeschmacks. In der Roten Sonne geht es um Musik und nicht um Longdrinks. Und das schon immer.

Peter Wacha, Upstart genannt in Stadt und Land, betreibt zusammen mit drei Gesellschaftern die Rote Sonne. Upstart liebt seine Sonne, er strahlt selbst in magischem Schein. „Ja, es kickt noch immer“, sagt er. Dass das stimmt, merkt auch der Blödeste. Und doch ist sein anhaltender Arbeitseifer eine Seltenheit, denn Upstarts Half-Century-Party liegt ein paar Jährchen zurück. Beneidenswert, wenn man sein Leben lang von seiner Leidenschaft leben kann. Upstart hat als DJ schon sehr, sehr früh begonnen. Im legendären Punklokal „Lipstick“ legte er die ersten Elektro-Schallplatten auf, die es überhaupt gab. Damals trug er stets zwei Jutesäckchen mit Schallplatten mit sich. Später eröffnete er seinen eigenen Plattenladen. Mit Erfolg, denn das „Optimal“ ist die Instanz in puncto Platten – bis heute. Dann kamen Labels, um die Musik, die noch nicht käuflich war, einem größeren Liebhaberkreis zugänglich zu machen. Und schließlich der Club „Ultraschall“, damit sichtbar wird, wie sehr es den Leuten gefällt. Die Liebe zur Musik, die umgibt ihn bis heute.

„Neulich hat Maya Burchard bei uns in der Sonne gespielt. Eine Explosion, ein Vulkanausbruch am Schlagzeug“, erzählt er begeistert. „So frei in der Musik ist sie bestimmt, weil sie in der WG mit den Embryo-Leuten aufgewachsen ist.“ Klar, es gibt ein weites Feld, was Stilrichtungen in der Musik angeht. Nicht alles gefällt jedem. Upstart ist da immer offen und neugierig. Er kategorisiert nur in gute Musik und schlechte Musik. Langt auch. So hört der Gast in der Sonne auch Ungewöhnliches und Unbekanntes. Vor allem, wenn er zu den Konzerten kommt. Die Rote Sonne wirft da einen langen Schatten. Bis weit übers Meer.

Beweis: Emilie Gendron. Emilie kam vor wenigen Monaten aus Montreal und lernt gerade Deutsch. Wird auch Zeit, denn sie hat viel vor in München. Momentan organisiert sie die  MunichAgainThursdays jeden Donnerstag in der Roten Sonne. Das sind Auftritte von Münchner Underground-Bands oder befreundeter Bands aus anderen Städten. Richtig gehört, es gibt eine begeisternde Underground-Szene in München. Und die Münchner Underground-Szene ist begeistert von Emilies Begeisterung. Die Rote Sonne war auch gleich begeistert von Emilie und jetzt gibt es #munich again und viele außergewöhnliche Konzerte, sozusagen handgeschnitzt.

Rote Sonne

Das kam so: Emilie stieß zufällig auf Bands wie Damenkapelle oder Echokammer und schrieb darüber in ihrem Blog in Kanada. Eine heiße Liebe entbrannte in ihr. Sie schrieb, beantwortete Kommentare, lernte immer mehr Leute kennen, wurde Thema einer Zündfunk-Sendung und schließlich zahlte Schamoni-Musik ihr ein Flugticket in die Stadt ihrer musikalischen Träume – München. Mittlerweile gestaltet Emilie die Donnerstage und ein deutsch-kanadisches Hin und
Her der alternativen Musik. Kulturaustausch und Pipapo. Was der Durchschnittsmünchner von einer Kanadierin lernen kann: Leben abseits des Mainstreams.

Mag sein, dass Emilies Energie und Passion für Live-Auftritte dazu geführt haben, dass die Rote Sonne zukünftig wesentlich mehr Konzerte veranstalten wird. Das ist eine sehr gute Nachricht, denn Locations ohne Anwohnerstress, die Live-Auftritte bieten und sich in der Innenstadt befinden, sind bekanntlich rar und begehrt bei Künstlern und Publikum.

Die anderen guten Nachrichten sind: Der Mietvertrag wurde für weitere acht Jahre unterzeichnet. Also kein Atomic-Desaster in Sicht. Und außerdem gibt es jetzt exklusiv und nur in der Sonne das ultragute Lindner-Bier aus Bad Kötzting.

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Das Interview ist in unserer Ausgabe curt #87 erschienen. Fotos: Nurin Khalil



 


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