curt war da: Reeperbahn Festival 2019

Richtig gutes Zeug!

Kaum zu glauben, aber wahr: Das diesjährige Reeperbahn Festival liegt schon seit einer Woche hinter uns. Gefühlt hat man den Kiez aber immer noch im Nacken, freut sich jedoch nach wie vor über etliche Konzerte, Panels, Speakings und allerlei hot Music Stuff, den es zu erleben gab. Die Tage waren lang, die Nächte noch länger, doch auch in diesem Jahr hat das größte Clubfestival der Welt bewiesen, wo Barthel den Most holt. Fast 1.000 Programmpunkte galt es vom 18. bis zum 21. September abzugrasen und der Input an Unterhaltung und Wissen hätte nicht überwältigender sein können. curt München bedankt sich für die Audienz im Paradies und hat ein paar der Highlights für alle Daheimgebliebenen zusammengetragen.

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https://www.youtube.com/watch?v=WvPCu69ObBo

 

Keychange 2.0

„A change is gonna come“ sang Joy Denalane am Mittwochabend zur Eröffnungsveranstaltung „Doors Open“ des 14. Reeperbahn Festivals. Dass die Unterhaltung hier auf keinen Fall zu kurz kommen würde, das versprach am ersten Abend schon das Moderatoren-Duo bestehend aus MTV-Legende Ray Cokes und VIVA2-Heldin Charlotte Roche. Aber auch, dass es  bei all dem Trubel, dem Wahn nicht bleiben wird, war schon im Vorfeld klar. Wir müssen reden und zwar über Female Empowerment. Kernthema der zahlreichen Panels, von denen eines sogar von ANCHOR-Award-Jurymitglied Peaches angeführt wurde, war die Rolle der Frau in dieser bunten, aber auch hin und wieder lebensfeindlichen Musikwelt. Sängerin Kate Nash und viele weitere Speaker begleiteten die Festivaltage mit wichtigen Fragen zu den Themen Equality, Emanzipation und Feminismus. So war die diesjährige Ausgabe des RBF19 geprägt von einem Austausch, der die Themen von allen Seiten anging. Lediglich die #CausaBausa zur Warner Music Night in den Docks sorgte für einen kleinen Skandal. Und auch die Presse ist sich noch uneins über diesen Booking-Fauxpas. Schade, denn sonst ließ sich an vier Tagen viel Hoffnung für die Zukunft schöpfen.

Knowledge is King – Art is Love

An den vier vollgespickten Tagen ging es aber noch um mehr Themen. Auch vermeidlich trockenere Sujets u.a. im Bereich der digitalen Musikwirtschaft wurden in kurzweilige, aber informative Panels gegossen. Hier gaben sich Künstler, Veranstalter, Labels und Agenturen die Klinke in die Hand. Neue Erkenntnisse für A&Rs, was ist mit Spotify eigentlich noch möglich und warum bedeuten Likes noch lange keine Fans? Auf diese Fragen und viele mehr bot das RBF19 Antworten. Ein bisschen Fan-Service wie das Songwriting-Panel mit Frank Spilker von Die Sterne wollte man sich dabei ebenso wenig entgehen lassen wie zahlreiche Vorstellungen und Präsentationen im Festival Village am Heiligengeistfeld. Dort gab es neben der Deutschland-Premiere des DC-Films „Joker“ u.a. auch eine Ausstellung von Kulturbomber Heinz Strunk zu bestaunen. Dringende Notiz für das nächste Jahr? Hier wesentlich mehr Zeit einplanen. Aber auch die vielen kleineren Shows vor Ort auf sich wirken lassen.

Crickey!

Wehe dem, der am Donnerstag bereits zu tief ins Pint gesehen hat! Am zweiten Festivaltag lud der Lieblings- und dauervolle Club Molotow zum Australian BBQ und fegte kurzerhand von mittags bis abends ein Dutzend Bands aus Down Under durch die Räume. Australien wurde für das RBF19 zum Gastland erkoren und hat sich wahrlich von seiner Schokoladenseite gezeigt. Highlights für viele dürften dabei die Gigs der beiden hochgelobten Indie-Rockbands Mid City und Press Club gewesen sein, die ebenfalls mehrere Konzerte über das Festival verteilt spielten, sich hier in Clubatmosphäre aber noch einmal komplett entladen konnten. Von Sydney bis Melbourne sorgten auch die Bands PLANET, The Stroppies oder DZ Deathrays für einen noch kauzigeren 90er-Anstrich. Böse Zungen mögen angesichts der bunten T-Shirts und prolligen Halsketten behaupten, dass Australien irgendwie in der Zeit zurückgereist wäre, doch das Australian BBQ mit seinem erzsympathischen Moderator zeigt, wie viel Druck unterm Kessel der ehemaligen Gefängnisinsel herrscht.

Molotow must stay!

Auweia! Ein Problem, vor dem auch das Musikclub-Paradies Hamburg langsam nicht mehr die Augen verschließen kann, ist das Clubsterben. So standen die Festivaltage auch unter dem Stern der Veränderung, von denen allen voran die vielen „Molotow must stay“-Buttons, -Shirts und -Aufkleber zeugten. In den nächsten Jahren muss der 1990 gegründete Musikclub sein bisheriges, aber durchaus liebgewonnenes Exil am Nobistor räumen. Ob es jedoch eine Rückkehr an den alten Standort im Paloma-Viertel geben wird, ist dank nach oben kletternder Mietpreise und der Gentrifizierung geschuldeten Lärmschutzauflagen ungewiss. Doch nicht nur, weil das Molotow 2020 seinen 30. Geburtstag feiert und im Jahr rund 250 Konzerte veranstaltet, muss es bleiben. Als Sprungbrett für lokale und internationale Bands stand es schon Größen wie Mumford & Sons oder den White Stripes zur Seite.

Krawall und Remmidemmi oder einfach nur 5 Jahre nicht gesungen?

Auch die Großen profitieren von der geballten „Bock auf Musik!“-Mentalität. Und so nutzen Deichkind den Spielbudenplatz für eine Secret-Gig-Ankündigung der Extraklasse. Die später am Tage folgende Show am Millerntor war dann ebenso heiß wie das Pizzastück, welches die Band samt Einladung zuvor verteilte. Präsentiert wurde das neue Album „Wer sagt denn das?“. Einige Meter weiter feierte dann auch Ex-Tomte-Sänger Thees Uhlmann sein Comeback als Solo-Künstler. Zusammen mit seinem Label Grand Hotel van Cleef feierte dieser gleich drei Konzerte zum Erscheinen seiner Platte „Junkies & Scientologen“. Diese führten ihn vom St. Pauli Klubhaus über das GHvC-Headquarter samt Freibier und Midnight-Sale auch in den nicht allzu weit entfernten Saturn zur Autogramm-Stunde mit Akustik-Session. Dreimal volle Bude garantiert und selbst wer nichts mit der Musik von Deichkind oder Uhlmann anfangen kann, hatte wahre Freude an diesem Paradebeispiel in Sachen Musikpromotion. 1:0 gegen die Hater.

Abwechslung für müde Ohren

Als perfekter Rückzugsort und Flaniermeile erwies sich auch die internationale Gigposter-Ausstellung „Flatstock – Europe Poster Convention“. Alte Bekannte wie die Münchner Siebdruck-Elite bestehend aus Señor Burns und Simon Marchner trifft man hier ebenso wie den Comic-Gott Michael Hacker aus Österreich oder die Doom-Druckgötter Noise Armada und Janta Island. Mit alten sowie brandneuen Gigpostern, Postkarten und kleineren Merch-Artikeln lockten die rund 30 Aussteller nicht nur Festival-Besucher an. Auch Kate Nash, Max Giesinger und Lars Eidinger konnten beim Stöbern beobachtet werden. Gerüchte über den geplanten Umbau des Spielbudenplatzes sorgten zwar bei manchen Ausstellern für Stirnrunzeln, doch man kann sich relativ sicher sein, dass die Festival-Veranstalter diesen großartigen Programmpunkt auch nächstes Jahr nicht aussparen werden. Ein Jammer, dass man nur vier Wände hat …

Puh … aber yeah!

Suzan Köcher, Majan, Ebow, Press Club, Mid City, The Stroppies, ClickClickDecker, Provinz, Dobby, The Subways, Hällas, Mando Diao, Deichkind, Aurora, Dope Lemon, Feist, Alex Henry Foster, Thees Uhlmann, Dermot Kennedy oder Mantar

So unterschiedlich die Künstler – egal ob klein oder groß, Newcomer oder altes Eisen –, es gab einiges zu sehen beim diesjährigen Reeperbahn Festival. Abgesehen von den musikalischen Großdarbietungen wie etwa von Efterklang in der Elbphilharmonie konnten auch die Shows am Rande des Festivals überzeugen. Während der Hangover Cruise das matschige Hirn sanft auf den Wellen der Elbe wiegt, es im Club von der Decke tropft oder man sich in der Großen Freiheit eng an sein Bier klammert, war die Stimmung an diesen vier Tagen in Hamburg geprägt von der Liebe zur Musik. Branchenspezialisten treffen auf kleine Größen und große Talente, tauschen Nummern aus, stürzen ein paar Mexikaner an der Bar oder geraten in heftige Diskussionen. Wirken die meisten Networking-Veranstaltungen oft hüftsteif, herrscht auf St. Pauli ein nicht enden wollender Tango. Die Füße wund von der Hatz zur nächsten Location, der Mund ganz fusselig vom vielen Reden und das Hirn kaum mehr aufnahmefähig von alledem, was einem geboten wird. Doch keinen Tag will man missen.

In Hamburg sagt man Tschüss!

50.000 Besucher sprechen eine klare Sprache, die es einem angesichts des Mammut-Programms, welches das Reeperbahn Festival alljährlich auf die Beine stellt, durchaus verschlagen kann. Das RBF19 hat auch in seinem 14. Jahr bewiesen, dass es eine der spannendsten und progressivsten Kulturveranstaltungen ist. Ecken und Kanten, die gibt es natürlich, doch wer sich im Vorfeld einen ungefähren Schlachtplan zurechtlegt, aber auch gewillt ist, sich einfach treiben zu lassen, trifft hier auf etliche Newcomer, alte und neue Kollegen. Teils Messe, teils Konferenz, teils Konzert und in jedem Fall After-Show-Party. So behält man das Reeperbahn Festival gerne in Erinnerung und kann es, auch wenn eine Woche später der Kopf noch brummt, kaum erwarten, bis es wieder so weit ist.

curt sagt Tschüss und vor allem Danke an alle Beteiligten, Künstler, Veranstalter, Freunde und Kollegen! Early-Bird-Tickets für das Reeperbahn Festival 2020 vom 16. bis 19. September sind ab jetzt verfügbar. Wer kommt mit?


Reeperbahn Festival 2020 > Homepage // 16. bis 19. September 2020 // Hamburg St. Pauli // Tages- und Kombi-Tickets ab sofort erhältlich