Kino: Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

Als die Verlegerin Helga Pato (Pilar Castro) in den Zug steigt, ahnt sie nicht, dass sie ausgerechnet dort die Geschichte ihres Lebens findet. Genauer ist es der Psychiater Ángel Sanagustin (Ernesto Alterio), der sie in ein Gespräch verwickelt, um ein wenig die Zeit totzuschlagen. Und so erzählt er ihr von Martín Urales de Úbeda (Luis Tosar), der als Soldat seinem Vaterland diente, bis ein schrecklicher Unfall alles veränderte. So dachte zumindest seine Familie. Doch während Helga gebannt lauscht, stellt sie fest, dass vieles nicht so ist, wie sie anfangs dachte. Ehe sie es sich versieht, wird sie selbst in die eigenartigen Vorkommnisse hineingezogen, von denen der Fremde ihr erzählt und bei denen sie bald schon nicht mehr weiß, was real ist und was nicht …

In „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ stellt eine harmlos erscheinende Zufallsbegegnung alles in Frage, was man zu wissen glaubt. Das beginnt schon bei der Frage, welchem Genre das hier eigentlich angehört. Schwarze Komödie wird da oft die Antwort lauten. Das stimmt sicherlich , gleichzeitig aber auch wieder nicht. Weil das nur ein Teil einer Wahrheit ist, die ihre Kraft aus dem Geschichtenerzählen erhält, nicht aus der Realität. Eigenartig geht es schon los, wenn die erste Episode sich nach und nach in einen Mystery-Thriller verwandelt. Später lernen wir Menschen und Schicksale kennen, die gleichermaßen bizarr wie bewegend sind, im Herzen ein Drama und dabei doch irgendwie komisch.

Um sich tatsächlich unterhalten lassen zu können, darf der eigene Magen nicht zu empfindlich sein. Das betrifft vor allem die zweite der drei Episoden, die einem schon sehr viel abverlangt. Dass der Film eine Freigabe ab 18 Jahren hat, kommt nicht von ungefähr. Und es gibt auch andere Warnzeichen: Vorsicht, hier geht es düster zu! Das gilt mit Abstrichen auch für die erste Episode, wobei dort der Horror nur erzählt, nicht gezeigt wird, man sich also „nur“ mit Kopfkino auseinandersetzen muss.

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Doch selbst wer in dieser Hinsicht abgehärtet ist, macht hier an manchen Stellen große Augen. Oder ein verwirrtes Gesicht. Die Romanadaption steht eindeutig in der Tradition des surrealistischen Kinos, wenn die Geschichte mit der Zeit immer verworrener wird. Einzelne Handlungsstränge greifen auf kuriose Weise ineinander, mutmaßliche Sicherheiten lösen sich auf. In „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ ist letztendlich nichts sicher, nicht die Menschen, nicht deren Identitäten. Immer wieder wird getauscht und gewandelt, bis man nicht mehr weiß, wer wer ist, wer Erzähler und Erzählter, auf welcher Seite der Geschichte wir uns gerade befinden.

Dass das schwarzhumorige „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ so sehenswert ist, liegt aber nicht allein am labyrinthartigen Inhalt. Das spielfreudige Ensemble, das sich komplett dem Wahnsinn hingibt ist ein weiteres Teil des schillernd-bizarren Mosaiks. Und auch die audiovisuelle Gestaltung ist nie von dieser Welt. Die Kamera wirbelt wild umher, nutzt befremdliche Perspektiven, aber auch kunstvoll zusammengestellte Arrangements, welche dem Film eine traumartige Atmosphäre verleihen. Das Prinzip der ineinandergreifenden Geschichten geht zwar zum Schluss nicht ganz so auf wie erhofft. Der Film ist aber auf eine so wohlige und gleichzeitig unheimliche Weise verwirrend, dass man im Anschluss fast schon traurig ist, dass die Reise ein Ende gefunden hat.

Fazit: Eine Frau fährt mit einem Zug und lässt sich auf ein Gespräch mit einen Mitreisenden ein. Was harmlos beginnt, entwickelt sich bald zu einem eigenartigen Puzzle, in dem nichts ist, wie es scheint. Einen etwas robusteren Magen und eine Vorliebe am Surrealen vorausgesetzt, ist „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ ein bemerkenswerter Trip, der auch schauspielerisch und audiovisuell in Erinnerung bleibt.

Wertung: 8 von 10

Regie: Aritz Moreno; Besetzung: Luis Tosar, Pilar Castro, Ernesto Alterio, Quim Gutiérrez, Belén Cuesta, Macarena García; Kinostart: 20. August 2020