Gehört: Northern Lights – Landed

Es ist eine Frage, über die sich die Gelehrten schon seit Menschengedenken die Köpfe blutig schlagen: Was ist schlimmer, ein singender Schauspieler oder ein schauspielender Sänger?

Glücklicherweise machen es einem viele künstlerische Aspiranten recht einfach, indem sie beide Bereiche etwa gleich gut beherrschen – was in dem Fall nicht als Kompliment gemeint ist. Aber ja, es gibt sie, die Doppeltalente, die tatsächlich am Mikro wie vor der Kamera eine gute Figur abgeben. Oscar Isaac zum Beispiel. Jared Leto. Charlotte Gainsbourg. Und auch Jonas Nay darf man jetzt dazu zählen.

Den meisten dürfte er bislang durch seine Filme bekannt sein – oder wird es spätestens nächste Woche, wenn wir seinen neuen „Hirngespinster“ vorstellen. Während er als Schauspieler schon den einen oder anderen Preis einsacken durfte, ging dabei ein wenig unter, dass er von Haus aus der Musik ja fast noch näher steht. Und jetzt kann er dafür auch einen konkreten Beweis vorlegen, denn nach jahrelanger Arbeit steht das Debüt seiner Band Northern Lights nun in den Läden.

„Landed“ nannten er und seine drei Dauermitstreiter David Grabowski,  Franz Blumenthal und Jon Klein es. Warum, bleibt jedoch ein wenig ein Rätsel. Denn eigentlich erzählen die zehn Lieder ja vielmehr vom Gegenteil, dem Aufbruch, dem Suchen, dem Herumirren. „I don’t want this journey to end“ heißt es in „Walking“, „I go away cause my life’s a precious mess“ wiederum in „Away“. Die ewig flüchtige ewige Liebe wird in „Man on the Search“ und „In Love“ thematisiert, beim himmlisch verträumten „Goodbye Mensch“ – dem einzigen Lied in deutscher Sprache – geht es für Northern Lights dann sogar gleich ab in die Galaxis und lässt uns Zurückgebliebene mit einer abgefuckten Erde und Leere zurück.

Musikalisch ist das Quartett, begleitet von einer kleinen Bläsertruppe, ähnlich von Fernweh und Aufbruchsstimmung getrieben. Immerhin, eine Art Heimatflughafen scheint es zu geben: der Jazz. Von dort starten die Jungs und kommen in Liedern wie dem schmissigen „So What“ oder „Walking“ auch gerne immer wieder zum Anfang zurück. Das hindert sie aber nicht daran, bei ihren stilistischen Freiflügen auch mal in anderen Genres einen kurzen Zwischenstopp einzulegen. „Nerdowell“, eine überraschend selbstbewusste Hymne an den Nerd in uns allen, könnte man auch im Indierock abwerfen, das entspannt groovende „Party Pusher“ scheint bei den Kollegen im Hip-Hop-Lager ein wenig Sprechgesang abgestaubt zu haben.

So ein Kamikazeflug über alle Grenzen hinweg kann natürlich in einer bösen Bruchlandung enden. Northern Lights schaffen aber immer wieder die Kurve, sodass „Landed“ dann doch wieder aus einem Guss ist und man gerne auch ein zweites Mal einsteigt. Sicher, ein paar Turbulenzen gab es unterwegs schon: Die Liebeslieder sind ein bisschen zu schmachtend geworden, die Texte manchmal nur Mittel zum Zweck. Dennoch ist das Debüt eine sehr launige Angelegenheit, die für ihre Liveauftritte großes Potenzial verspricht. Leider sind die derzeit aber in München nicht angekündigt, was dann hoffentlich bald mal nachgeholt wird. Bis die Nordlichter auch mal im Süden der Republik landen, kann man aber auch mit der Konservenvariante gut Spaß haben.


Northern Lights „Landed“ // VÖ: 12. September 2014

Bilder: Thomas Leidig