Gehört: Nick Cave and the Bad Seeds – Ghosteen

Unvoreingenommen und objektiv sein beim Anhören einer neuen Platte ist kein leichter Task für einen bekennenden Fan. Es handelt sich schließlich nicht um irgendjemanden, sondern um Nick Cave himself, der Anfang Oktober mit seiner Band The Bad Seeds das 17. Studioalbum veröffentlicht hat.

Zunächst jedoch ruft das Album-Cover einige Verwunderung hervor. Das Artwork wirkt ungewohnt lieblich, ein Bild wie aus einem Malen-nach-Zahlen-Set für verträumte Teenies: In paradiesischer Eintracht sind dort Löwe, Lamm und Pferd zu sehen, Flamingos, Schmetterlinge, Regenbogen – der Kitsch kennt keine Grenzen. So ganz mag man nicht verstehen, was dieses Motiv sagen will – es fehlt ihm an Kanten, ist kein bisschen düster, man sucht vergeblich nach versteckter Symbolik oder Doppelbödigkeit.

Doch zum Glück malt der Meister auch noch andere Bilder – aus Melodien, Klängen und Tönen. Er singt, haucht, wispert, spricht, seine Stimme ist mal ein warmes Streicheln, mal ein kühler Wind. Die Klänge auf „Ghosteen“ sind gleichermaßen vertraut wie fremd: Nick Cave versucht sich an Stimmlagen, die man so bei ihm noch nie gehört hat. Es ist beinahe ein Falsett auf dem ersten Track der Platte „Spinning Song“! Ein ungewohnter Gegenpart zum dunkel-tiefen Sprechgesang des Melancholikers.

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https://www.youtube.com/watch?v=Bf7fHLM-z9o&feature=youtu.be

 

Der Meister selbst sagt zu dem zweiteiligen Album:

“The songs on the first album are the children.
The songs on the second album are their parents.
Ghosteen is a migrating spirit.”

Es ist ein Album wie eine Meditation, ein Märchenbuch für die Seele, das man beinah spirituell nennen will. Es sind Texte, die von Lebenserfahrung und Mut zeugen. Vom Mut, dem Leben zu begegnen, wie es nun mal ist: changierend zwischen Augenblicken höchsten Glücks und Momenten der Ohnmacht und Resignation, zwischen intensiven Emotionen auf beiden Seiten der Amplitude. Mit seinen Worten: Man fliegt und fällt und fällt und fliegt … „deep into your loveliness“… (Galleon Ship)

Poesie zwischen dunkelgrau und schillernd-bunt

Doch auch wenn Nick Cave Vergänglichkeit, Vergeblichkeit und Sehnsucht thematisiert, lässt er den Hörer nie ohne Hoffnung und die Schönheit des Seins zurück: Die Symbolik und Poesie von Caves Liedern entfaltet sich zwischen den Kontrasten aus dunkelgrau und schillernd-bunt.

Die Synthies, die auf „Ghosteen“ großes – ja, streckenweise beinah schon zu großes – Gewicht haben, geben dem Sound etwas Sphärisches; Piano und Geigen weben spannende Momente hinein und geisterhaft klingende Frauenchöre verleihen atmosphärische Dichte. Stellenweise fühlt man sich beim Hören wie in Trance, wie auf einer Reise, die einen an einen längst vergessenen Sehnsuchtsort tief im eigenen Inneren führt. Ein Ort, der sich wie Zuhause anfühlt und jenes unvergleichliche Sehnen hervorruft, das wohl auch in der Brust von Nick Cave wohnt. (Möglicherweise ist das ein Hint zum Cover-Artwork? Dies aber nur ein Gedanke am Rande.)

Der Auftakt zum zweiten Album-Part und zugleich Titelsong „Ghosteen“ mit Instrumental-Teil, Violinen und Orgel klingt wie die Eröffnung von etwas Großem, beinahe Heiligem. Doch es wäre nicht Nick Cave, wenn er einem bei all den Traum-Klängen nicht einen kleinen Reality Check verpassen würde: “Everything tends to fall apart, starting from it‘s heart.”

Fazit: „Ghosteen“ ist trotz einer gehörigen Portion Synthie-Schmacht in jedem Fall der perfekte Soundtrack für den Herbst: melancholisch, voller Tiefe und doch schwerelos, zum Träumen verleitend, sehnsuchtsvoll, tröstend und zutiefst poetisch.

Am Ende bleibt somit – wie so oft bei Musik von Nick Cave and the Bad Seeds – das Gefühl wie nach einem schönen Traum, aus dem man mit einem Lächeln erwacht.

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https://www.youtube.com/watch?v=x5leoNCEyOY&list=RDBf7fHLM-z9o&index=5

 

Das Album „Ghosteen“ ist bereits seit 04.10.2019 auf allen Streaming- und Download-Kanälen verfügbar. Ab 8. November 2019 gibt es dann auch CD und Vinyl dazu, das man ab sofort vorbestellen kann unter nickcave.com/ghosteen


Nick Cave & The Bad Seeds – „Ghosteen“ > Homepage // Ghosteen LTD // VÖ: 08.11.2019


About Petra Kirzenberger

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Seit 2010 als Redakteurin und Lithografin bei curt. Schwerpunkte Kabarett und Theater, Fotokunst, Yoga, München – und alles was rot-weiß-rot ist.