Neu im Kino

Und wieder stellen wir euch drei sehr unterschiedliche Kinofilme vor, die diese Woche neu anlaufen. Einen davon könnt ihr mit etwas Glück sogar kostenlos sehen.

„Phoenix“
Keiner hätte wohl mehr damit gerechnet, Nelly (Nina Hoss) noch einmal wiederzusehen. Und viel hätte auch nicht gefehlt, und die Jüdin wäre eine der vielen geworden, die in Auschwitz ihr Leben lassen mussten. Doch sie hat überlebt, wenn auch mit großen Verlusten: Ihr Gesicht ist bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Zusammen mit ihrer alten Freundin Lene (Nina Kunzendorf), die sich mit der Jewish Agency Anlaufstelle für jüdische Opfer einsetzt, reist sie in ihre alte Heimat Berlin. Doch trotz ihres Reichtums – Nelly erbte das Vermögen ihrer ermordeten Verwandten – das alte Aussehen lässt nicht sich wieder rekonstruieren. Nicht einmal ihr Mann Johnny (Ronald Zehrfeld) erkennt sie wieder. Dafür macht er ihr einen Vorschlag: Nelly soll sich als seine vermeintlich verstorbene Frau ausgeben und so an das Erbe rankommen. Die lässt sich darauf ein, teils aus Verwirrung, teils aus Liebe, teils aber aus auch Neugierde: War Johnny es, der sie damals an die Deutschen verraten hat?

Schon wieder ein Drama zum Zweiten Weltkrieg? Ja, aber ein sehr gutes, denn hier stehen unabhängig vom Setting viel existenzielle Fragen auf dem Programm. Natürlich ist „Phoenix“ auch mit einer gewissen Spannung verbunden, schließlich will man als Zuschauer wissen, ob Johnny seine tot geglaubte Frau irgendwann doch wiedererkennt. Viel interessanter sind aber die Überlegungen, was die Identität eines Menschen überhaupt ausmacht. Geradezu grotesk wird es, wenn Johnny im Laufe des Films versucht, Nelly beizubringen, was es eigentlich heißt, Nelly zu sein. Jeder dürfte sich schon einmal gefragt haben, was andere über einen sagen, wenn man nicht dabei ist. Nelly hat die Möglichkeit dazu, wird dadurch gleichzeitig aber auch mit der Rückseite der Medaille konfrontiert: Dass man sich selbst nie wirklich ganz gehört, man für andere immer das ist, was sie draus machen. Dass Nelly nicht unbedingt die durchsetzungsstärkste Person ist, unterstützt das Ausgeliefertsein noch. Sie ist schwach und unterwürfig, hält selbst dann noch an ihrer Liebe zu Johnny fest, als für alle anderen schon offensichtlich ist, wohin die Reise geht. Und so wird „Phoenix“ zwischendurch dann doch, philosophische Metaüberlegungen hin, konstruierte Geschichte her, auch ein zutiefst menschliches Drama.

Wertung: 8 von 10


Regie: Christian Petzold // Darsteller: Nina Hoss, Nina Kunzendorf, Ronald Zehrfeld // Kinostart: 25. September 2014


„Ein Sommer in der Provence“
Für viele ginge ja ein Traum in Erfüllung, wenn sie die Möglichkeit hätten, mehrere Monate in der Provence leben zu können – ohne Kosten, ohne irgendetwas dafür tun zu müssen. Nicht so bei Léa (Chloé Jouannet) und Adrien (Hugo Dessioux). Zusammen mit ihrem kleinen Bruder Théo (Lukas Pelissier) sollen sie die Sommerferien bei ihren Großeltern verbringen, während ihre Mutter geschäftlich unterwegs ist. Für die Pariser Großstadtkinder ist die Aussicht auf idyllisches Landleben jedoch weit weniger reizvoll, zumal das Zusammenleben alles andere als einfach ist. Während das Verhältnis zu Großmutter Irène (Anna Galiena) von klein auf gut war, hatten sie ihren Großvater Paul (Jean Reno) nie kennengelernt – denn der hatte sich mit ihrer Mutter zerstritten, als sie in ihrem Alter war. Kein gutes Vorzeichen.

Ende September einen Film über provenzalische Sommerlandschaften ins Kino zu bringen, das hat schon etwas Sadistisches an sich. Andererseits: clever. Wenn ganze Alleen aus Olivenbäumen gezeigt werden, malerische Strandaufnahmen und Sonnenuntergänge, wir uns in kleinen Dörfern verlieren, dazu ein atmosphärischer Soundtrack aus Wind und Grillenzirpen, dann wird erfolgreich an das Fernweh der Zuschauer appelliert. Während man so schnell dem Charme Südfrankreichs erliegt, fällt dann schon fast gar nicht mehr auf, dass der Inhalt sehr viel weniger sehenswert ist. Es gibt den üblichen Culture-Clash-Humor zwischen Großstadt und Land, dazu den Konflikt zwischen den Generationen. Nach heftigem Streiten nähert man sich mit der Zeit jedoch an, erkennt die Vorzüge des jeweils anderen. Kurz vor Schluss gibt es noch eine dramatische Szene und zum Ende haben sich alle wieder lieb, jeder hat dazugelernt. Das ist ebenso banal wie schamlos klischeehaft. Letzten Endes ist „Ein Sommer in der Provence“ nicht mehr als wunderschön fotografiertes Gefühlskino für ein schmachtaffines Publikum. Wer sich zu dieser Zielgruppe zählt, der darf sich aber freuen, denn die solide gespielte Familiengeschichte erfüllt ihren Zweck und hat zudem einige komische Momente im Reisegepäck.

Wertung: 6 von 10


Regie: Rose Bosch // Darsteller: Jean Reno, Anna Galiena, Chloé Jouannet, Hugo Dessioux // Kinostart: 25. September 2014


„Who Am I – Kein System ist sicher“
Sein ganzes Leben lang war Benjamin (Tom Schilling) unsichtbar für andere gewesen: Im Sport wählte ihn keiner ins eigene Team, Frauen nahmen keine Notiz von ihm, sein Geld verdient er als Pizzalaufbote. Nur eine Sache kann er wirklich gut, und ausgerechnet hier kommt ihm seine Unscheinbarkeit sehr entgegen: Er ist ein brillanter Computerhacker. Als er eines Tages Max (Elyas M’Barek), Stephan (Wotan Wilke Möhring) und Paul (Antoine Monot jr.) kennenlernt und mit ihnen das Hacker-Kollektiv CLAY gründet, fühlt er sich zum ersten Mal in seinem Leben als Teil von etwas Größerem. Doch deren spaßigen Aktionen werden von niemandem ernstgenommen, was gewaltig an Max’ Ego kratzt. Als die vier beim BND einbrechen, um die Aufmerksamkeit der Hacker-Ikone MRX zu erregen, wird aus dem Spaß jedoch tödlicher Ernst.

„Who Am I“ ist sicherlich passend gewählt bei einem Film, der von Anonymität handelt. Gleichzeitig ist der Titel aber auch programmatisch für einen Film, der sich einfach nicht entscheiden kann, was er nun sein will. Unterhaltsam ist es, wenn die vier Jungs allerlei Blödsinn anstellen. Nur kommt „Who Am I“ damit einer Teenie-Komödie deutlich näher, als es der Film vermutlich wollte. Dass die Dialoge nicht sehr lebensecht sind und auch noch eine im Grunde überflüssige Liebesgeschichte eingebaut wird, verstärkt den Eindruck der Willkürlichkeit. Irgendwie macht die konfuse Herangehensweise gleichzeitig aber auch irgendwo den Reiz aus, eben weil hier nie abzusehen ist, wohin der Weg als nächstes führt. Nicht alle Zwischenstationen sind dabei interessant, manchmal begnügte man sich mit Genrekonventionen, bewährten Figurenkonstellationen oder allzu deutlichen Verbeugungen vor Klassikern. Doch hin und wieder zeigt er auch einen ganz eigenen Zugang zur Materie. Brillant ist beispielsweise der Einfall, die anonymen Chataktivitäten symbolhaft in einer heruntergekommenen U-Bahn nachspielen zu lassen. Das ist nicht nur originell, Regisseur Baran bo Odar findet damit sogar eine Möglichkeit, die sonst dröge Hackertätigkeit atmosphärisch ins Bild zu setzen.

Wertung: 7 von 10


Regie: Baran bo Odar // Darsteller: Tom Schilling, Elyas M’Barek, Wotan Wilke Möhring, Antoine Monot, Hannah Herzsprung // Kinostart: 25. September 2014


2 x 2 Karten für „Ein Sommer in der Provence“ haben wir schon für euch bereitgelegt. Schreibt uns dafür einfach eine Mail mit Name, Anschrift und Betreff „Ein Sommer in der Provence“ an willhaben@curt.de und verratet uns, wo ihr gerne den Sommer verbringt.

Unser Gewinnspiel ist beendet, die Tickets wurden versandt.