Nachhaltige Mode
Im Gespräch mit Mirjam Smend & Dirk Meycke

Seit einer gefühlten Ewigkeit sind die Produktionsketten und Methoden großer Billigkonzerne in Fernost bekannt. In der Außenwirkung dieser ändert sich dabei aber nichts … Wie erkenne ich also nachhaltige Mode? Was kann ich als Konsument auf den Zertifikaten  und Klamottenlabels ablesen? Ist nachhaltige Mode teuer?

Im Gespräch mit Mirjam Smend, Veranstalterin der Greenstyle, eine Messe und Konferenz für faire und nachhaltige Mode, und Creative Director Dirk Meycke des Labels Phyne.


Mirjam, zu allererst: Die Greenstyle hätte dieses Jahr im März im Isarforum im Deutschen Museum stattfinden sollen. Mit einer unglaublichen Leistung habt ihr eure Messe ins Internet verlegt. Was kann der Besucher von der ersten digitalen Greenstyle erwarten?

Mirjam: Tatsächlich befinden wir uns mitten im Umzug in den digitalen Raum. Leider geht alles nicht so schnell wie gewünscht, da wir parallel noch die nicht stattgefundene Veranstaltung abwickeln müssen. Was es jetzt schon gibt: Die Porträts aller 50 Eco Brands der 4th edition. Die Looks der Fair Fashionshow, das 140-seitige GMUC book als Blätter-Variante und zahlreiche Themen von „Support für Eco Brands“ bis zu Themen wie Greenwashing, Coaching & Co, die die nachhaltige Blogger-Community zuliefert. Demnächst werden wir mit den ersten Conference-Formaten online gehen: In Arbeit sind eine Keynote zum Status Quo der nachhaltigen Mode, eine Lesung aus dem gerade erschienenen Buch „Fashion Changers“… Grundsätzlich ist die virtual GREENSTYLE eine Chance, noch mehr Menschen mit unseren Inhalten zu erreichen. Krise als Chance quasi.

Dirk, du hältst die kreativen Zügel des nachhaltigen Streetstyle-Labels Phyne in der Hand, welches GOTS zertifiziert ist und das Grüner Knopf Siegel trägt. Was bedeutet eigentlich nachhaltige Mode und was bedeutet das für den Konsumenten?

Dirk: Nachhaltige Mode muss Einiges erfüllen, damit sie es auch am Ende wirklich ist. Ein Sweatshirt aus Bio-Baumwolle ist noch lange nicht nachhaltig. Es geht um die gesamte Lieferkette, angefangen beim Anbau und den Bedingungen für die Arbeiter, bis hin zur Veredlung und schlussendlich der Lagerung und Lieferung. Hier müssen strenge Standards erfüllt werden, für Umwelt und Mensch. Für den Konsumenten bedeutet es in der Regel, dass er ein Stück zu einer sorgenfreieren Zukunft beiträgt, in dem er sich für nachhaltige Produkte entscheidet. Oft ist auch die Verarbeitung und Qualität ein vielfaches besser, da insgesamt mit mehr Sorgfalt gearbeitet wird.

Zum Verständnis: Wenn ich mir ein schwarzes T-Shirt in einem Textilhaus für 4,99 Euro kaufe, oder ein schwarzes T-Shirt bei euch für 29,90 Euro – worin liegt in der Herstellung und in der Preispolitik genau der Unterschied?

Dirk: Der Preis setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen. Zertifizierte Produkte unterlaufen einem strengen Prüfprozess und somit ist die Rohware schon teurer. Entscheidend hinzu kommt der Faktor Mensch. Faire Bedingungen, vernünftige Löhne und weitere arbeitnehmerfreundliche Programme werden damit gedeckt. Wir produzieren in Portugal, wo allein der Mindestlohn sehr viel fairer ist als z.B. in Indien oder auch der Türkei.

Der interessierte Verbraucher ist meist etwas ratlos, wenn es um nachhaltige Produkte oder Textilien geht. Ein Ratgeber können Zertifikate und Labels sein. Doch welche gibt es und was bedeuten diese?

Dirk: Es gibt viele Zertifikate. Das am meisten Umfassende ist jedoch GOTS. Aber auch OEKO TEX, BLUE SIGN, FairTrade und der Grüne Knopf stehen für zertifizierte Nachhaltigkeit.

Mirjam: Das ist tatsächlich schon lange ein großes Thema. Wie soll sich der Konsument zurechtfinden? Dirk hat ja schon die wichtigsten Zertifikate genannt. Wer mehr erfahren möchte: Auch hier bietet die virtuelle Greenstyle Orientierung – wir geben Einblick in zehn wichtige Siegel. Weitere Zertifikate ziehen wir nach. Genauso wie ein Lexikon für nachhaltige Materialien von Appleskin über Bio-Baumwolle und Econyl bis Pinatex.

Mirjam Smend. Foto © Son de Flor

 

Immer mehr große Modeketten sehen einen Trend in der Nachhaltigkeit und bieten eigene Produkte an, teilweise stampfen Sie ganze Labels aus dem Boden. Was denkt ihr dabei? Ein Schritt in die richtige Richtung oder springen sie auf den fahrenden Zug auf?

Dirk: Wie schon gesagt, ein Produkt ist nicht sofort nachhaltig, wenn es MADE WITH ORGANIC COTTON verkauft wird. Natürlich ist es weitestgehend eine Marketing-Strategie der Unternehmen. Wenn dadurch aber die Aufmerksamkeit gegenüber Nachhaltigkeit in der Mode beim Konsumenten geschärft wird, begrüße ich das natürlich. Es ist aber wirklich nur die halbe Wahrheit.

Mirjam: Da kann ich Dirk nur zustimmen. Bio-Baumwolle ist besser als Baumwolle. Idealerweise sind aber auch die Arbeitsbedingungen nachhaltig im Sinne von fair. Aber die „Großen“ erreichen eben die breite Masse und Aufklärung ist sogar 2020 immer noch unsere Hauptaufgabe. Nur wo Bewusstsein existiert, kann nachhaltiges Handeln die Folge sein. Und wenn durch Conscious Collections & Co. viele Konsumenten zum Umdenken bewegt werden, haben wir schon viel geschafft. Da können die Eco Brands mit ihrer Kommunikation und ihren großartigen Kollektionen ansetzen und weitermachen.

Meist regelt der modische und der preisliche Aspekt die Kaufentscheidung. Nachhaltige Mode ist etwas preisiger angelegt, so das Vorurteil. Kann ich mich mit einem kleinen Geldbeutel überhaupt modisch kleiden, oder muss ich dann eher auf Basics zurückgreifen, sodass diese in ein paar Jahren auch noch tragbar sind?

Dirk: In unserem Fall sind unsere Produkte auf Langlebigkeit und hohe Qualität ausgelegt. Denn auch das gehört zur Nachhaltigkeit. Money well spend ist hier wohl treffend. Denn was hab ich von einem 6 Euro-Shirt, dass nach dem ersten Waschen aus der Form geht und nach dem dritten Mal in der Tonne landen.

Mirjam: Nachhaltige Mode ist nicht zu teuer. Konventionelle Mode ist zu billig. Der Konsument muss erst wieder lernen, dass Qualität zwar erstmal mehr kostet, am Ende des Tages aber nicht unbedingt teurer ist. Die Sachen halten einfach länger und man braucht deshalb weniger. Weniger ist sowieso mehr. Ganz abgesehen davon sind alternative und günstigere Konsummodelle wie Second Hand, Vintage, Tauschen, Leihen auch Facetten der nachhaltigen Mode. Unbedingt checken: Das Suslet (sustainable Outlet) in Augsburg, mit Ecken und Kanten – hier ist alles günstiger.

Dirk Meycke. Foto: Phyne

 

Phyne präsentiert sich als erstes als Modelabel, dann mit der Nachhaltigkeit. War es euch wichtig unabhängig von der Nachhaltigkeit wahrgenommen zu werden, um nicht als Ökos abgestempelt zu werden und wie sieht der Verbraucher ganz generell die nachhaltige Mode im Jahr 2020?

Dirk: Für uns ist die Nachhaltigkeit eine Selbstverständlichkeit, also warum das ständig an die große Glocke hängen? Wir sind komplett transparent in dem, was wir tun. Als Streetwear Label steht das Design und die Innovation unserer Produkte klar im Vordergrund und letztendlich wird man auch nur so wahrgenommen.

Mirjam: Die Zeiten in denen man Kleidung die Nachhaltigkeit angesehen hat, sind endlich vorbei, obwohl wir dieses Vorurteil unfassbarer Weise auch 2020 gelegentlich noch zu hören bekommen. Dank Labels wie Phyne, wird nachhaltige Mode inzwischen anders wahrgenommen. Deshalb tauchen sie inzwischen auch in High Fashion Magazinen und auf den Accounts von Streetstyle-Ikonen auf.

Mirjam, du hast einen Überblick über den momentanen Stand der nachhaltigen Branche. Welche sind die größten unberechtigten Vorurteile gegenüber sauber hergestellten Textilien?

Mirjam: Auch wenn ich es kaum noch hören kann: zu teuer, zu öko, zu wenig verfügbar, zu wenig trendy. Jetzt bitte kurz hinhören: Nachhaltige Mode ist sowas von en vogue, #zeitgeist. Ganz abgesehen davon sind nachhaltige Produktion und Konsum ein Muss. Ich will hier nicht mit Zahlen langweilen, aber ich hoffe inständig, dass das endlich ankommt.

Wir würden uns gerne von all den Vorurteilen trennen, kannst du uns ein Frauen und ein Männer-Outfit für jeweils um die 300 Euro aus deinen Ausstellern zusammenstellen und wo können unserer Leser ruhigen Gewissens in München shoppen gehen?

Mirjam: Shopping ist ja gerade nur online möglich, aber damit können wir die kleinen Eco Brands unterstützen, die die aktuelle Krise besonders schwer trifft. Wer nachhaltige Läden in München sucht: Wir haben im Oktober 2018 Green Fashion Tours nach München gebracht. Alle Teilnehmer findet ihr hier

 


 

Beispiel:

Damen
Sweater love>fear von Another Brand 65 Euro
Jeans DEW von DAWN 139 Euro
Sneaker Pola von Wildling 89 Euro
Gesamt 293 Euro
 
Herren
Hoodie Protect what you love von Phyne 109,90 Euro
Jeans Albi Denim von ReBello 99 Euro
Schuhe C1M von Re-Born 109 Euro
Gesamt 317,90 Euro

 

Zu guter Letzt, wenn ihr die Möglichkeit hättet eine Sache in der Branche oder der Politik zur Nachhaltigen Mode zu verändern, welche wäre diese und wie sehen eure weiteren Pläne für 2020 aus?

Dirk: Dass die Unternehmen, die sich ernsthaft daran machen den Markt zu revolutionieren mehr Aufmerksamkeit bekommen und letztendlich auch besser gefördert werde. Hier ist Deutschland, im Vergleich mit vielen anderen Ländern, wirklich weit hinterher.

Mirjam: Verantwortung bei der Produktion und beim Konsumenten. Und weil das leider nicht reicht, brauchen wir ein Lieferkettengesetz, das die gesamte Branche dazu bringt, nachhaltig zu produzieren. Bis das kommt versuchen wir weiterhin auf Greenstyle-muc.com und unseren Kanälen für nachhaltige Mode zu begeistern und aufzuklären und lenken so viel Spotlight wie möglich auf so großartige Brands wie Phyne.

Wir wünschen euch viel Erfolg dabei und bedanken uns für das Interview.

Das Interview wurde im April 2020 geführt, daher kann Bezug auf aktuelle Ereignisse variieren.


Interview: Michael Weniger > Insta // Illustrationen: Katharina Konte > Homepage // Fotos: Phyne und Son de Flor