MUNICH WAREHOUSE – Fair-Wear mit Amore

In einer kalten Londoner Nacht appelliert die britische Rapperin Kate Tempest mit ihrem Werk „Let them eat Chaos“ an das verlorene Europa „to wake up and love more“. Eine Nadel in einem Haufen kleiner und großer Rebellionen, die alle denselben Schrei wie Kate Tempest loslassen, der stets in einem einzigen Wort mündet: Liebe. Love. Liefde. L’amour. Oder eben Amore.

Das Münchner Klamottenlabel MUNICH WAREHOUSE ist eine weitere Nadel, die mit dem, was sie produzieren, eine Message formulieren. Wer MUNICH WAREHOUSE trägt, zieht ein Lebensgefühl, eine Lebenseinstellung über. Ende 2014 von drei Kreativ-Schaffenden gegründet, bedruckt das Label Fair-Wear-Klamotten in kleinen Auflagen und hat sich in Musik- und Kunstkreisen zu einem Codewort entwickelt. Das Logo – vier senkrechte Striche, ein diagonaler, darum ein Herz – als Zeichen für Zusammenhalt junger Stürmer und Dränger.

Ende 2017, drei Jahre später. Michael Dreilich, Mario Radetzky und Paul Ambrusch stehen um Mitternacht in einem leeren Club und machen Fotos in modischen Pullovern. Auf einem steht in Versalien gedruckt das Wort Amore, den Buchstaben O ersetzt das Logo. Mit diesen Fotos – ohne Lächeln, ohne Schnickschnack – leitet MUNICH WAREHOUSE nach Vorbild von „Younger Us“ die Initiative „Mehr als ein Pullover“ ein. Jeder, der sich dazu entscheidet, einen Amore-Pullover zu kaufen, spendet einen zweiten an einen Obdachlosen in München. Zur Erklärung braucht es nicht mehr als das abgedruckte Zitat von Schriftsteller Charles Bukowski auf der Rückseite des Pullovers: „You begin saving the world by saving one person at a time: All else is grandiose romanticism or politics.“

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MUNICH WAREHOUSE ist das Gegenteil eines profitorientierten Mode(l)-Labels. Eines, das ohne Hashtags und Pressekontakt lebt. Dahinter stehen drei Menschen, die jedes Paket, das verschickt wird, selbst zusammenschnüren und zur Post fahren. Kleine Auflagen, zu einem kleinen Preis, bis das Regal in der Müllerstraße leer ist und der Kreislauf wieder von vorne beginnt. Jedes Produkt, jedes Bild, das in die Welt ausgewildert wird, soll beim Empfänger ein gutes Gefühl hinterlassen, ihn abholen. So wie er ist.

Ob im Penthouse, im Club, am Herd oder auf der Straße. MUNICH WAREHOUSE bedeutet, „Fuck you“ sagen zu dürfen, zu rebellieren und zusammenzuhalten. Man muss wie Kate Tempest kein Politiker sein, um etwas gesagt zu haben. Der Unterschied besteht darin, nicht still zu stehen. Etwas zu tun, im Kleinen. Eine Nadel zu sein, denn daraus und aus Worten können Lauffeuer entstehen.

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Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe curt #88 erschienen. Fotos: Paul Ambrusch