Gelesen: Jan Müller und Rasmus Englers – Vorglühen

„Warum bist du denn in Hamburg? Doch bestimmt nicht, um Germanistik zu studieren!“

Mit Jan Müller darf die Hamburger Schule den nächsten, zwar nicht mehr ganz jungen, dafür nicht weniger hoffnungsfrohen Nachwuchsliteraten in ihren Reihen begrüßen. Gemeinsam mit seinem Kumpel Rasmus Englers erzählt das Autorenduo die alte Geschichte vom jungen Mann, der aus den Niederungen der Provinz kommt und sein Glück im Trubel der großen Stadt sucht. Albert Bremer wächst irgendwo im Niemandsland rund um Gummersbach auf und beschließt, durch eine Immatrikulation die unbeschwerte Zeit der Jugend bis auf weiteres zu verlängern. Was Albert nicht gut kann sind Verantwortung und Entscheidungen, was er dagegen gut kann ist Indiemusik, Freibier und Müßiggang.

Und so entspinnt sich der Plot, der Albert durch Zufall in die Arme dreier junger Männer spült, die sich in einem ähnlichen Zustand der gesellschaftlichen Verweigerung befinden. Gemeinsam erliegen sie nur zu gerne den süßen Reizen des Nachlebens auf St. Pauli. Ruckzuck ist er in die versiffte WG mitten auf dem Kiez eingezogen, wird sprichwörtlich über Nacht in die Band der drei neuen Kumpels aufgenommen und er verliebt sich in ein geheimnisvolles Mädchen. Was er in den nächsten Monaten nicht zu Gesicht bekommt, sind die Sonne und die Hörsäle, dafür jede Menge Kaschemmen und Pinten sowie weitere, weitgehend harmlose und heitere Tunichtgute.

Dank seines bislang im Verborgenen gebliebenen Talents als Gitarrist und Songschreiber übernimmt er das Ruder der eher vor sich hin dümpelnden Kapelle und schnurstracks deutet sich ein neuer Stern am Hamburger Indiehimmel an. Das sorgt zwar zeitweilig für etwas Verstimmung zwischen ihm und dem bisherigen Altvorderen aber das ist natürlich nichts, was nicht durch ein paar Backpfeifen und ein wenig Pfefferminzlikör zu begradigen wäre. Sein Finale findet der Roman schließlich in einem launigen Konzertabend eines ortsansässigen Qualitätslabels und dem Platzen von Alberts neuer Liebe.

Angesiedelt ist die Geschichte am Vorabend des ganz großen kommerziellen Durchbruchs des deutschsprachigen Indies. 1994 ist die Welt noch linear und analog, es wird allerorten geraucht und von der Telefonzelle aus auf alle möglichen Anrufbeantworter gequatscht. Einen Innovationspreis werden die beiden Autoren mit dieser Geschichte sicherlich nicht abräumen aber solide gearbeitete haben die beiden allemal. Allein sich an die ganzen alten Saufgeschichten zu erinnern und stimmig niederzuschreiben bedarf eines gewissen Eifers und Euphorie. Die dann beim Lesen auch überspringt und die knapp 380 Seiten zu einem schnellen Lesevergnügen an heißen Tagen macht.

Jan Müller und Rasmus Englers – Vorglühen // Ullstein Verlag > Homepage // 379 Seiten // 22,70€ // VÖ: 28.07.2022