Im Kino: Little Joe

Die Blume von heute soll widerstandfähig sein und darf dafür auch weniger duften – so der allgemeine Trend. Für Alice (Emily Beecham) ist das jedoch der falsche Weg. Sie will lieber eine Blume züchten, die viel Aufmerksamkeit erfordert und dafür mit einem Duft belohnt, der glücklich macht. Zusammen mit Chris (Ben Whishaw) und anderen Kollegen gelingt ihr dieses Kunststück dann auch, ihre Kreation wird bei der nächsten Blumenmesse einschlagen wie eine Bombe! Alice lässt es sich zudem nicht nehmen, ein Exemplar mit nach Hause zu nehmen und ihrem Sohn Joe (Kit Connor) zu schenken. Das ist zwar gegen die Regeln, da die entsprechenden Tests nicht abgeschlossen sind. Doch das stört niemanden. Bis auf die wunderliche Kollegin Bella (Kerry Fox), die ganz eigene Theorien zu der neuen Blume pflegt …

Kino Little Joe curt München

Das Horrorgenre kennt keine wirklichen Einschränkungen, wenn es darum geht, Monster auf die Leinwand zu holen. Aber Pflanzen? Wie soll ein Wesen dir gefährlich werden, das sich gar nicht bewegen kann? Das dir nicht auflauern, dich verfolgen kann? Beispiele mit Pflanzenhorror gibt es zwar, etwa der dämonische Wald in „Tanz der Teufel“ oder die fleischfressende Pflanze in „Little Shop of Horrors“. Aber sie bleiben Exoten in einer Armee von Bestien. Nun bekommt dieser tödliche Garten Zuwachs in Form einer ganz besonders betörenden Blume. Wobei das Label Horror bei „Little Joe“ nur zum Teil passt. Die österreichische Regisseurin und Co-Autorin Jessica Hausner bedient sich einerseits kräftig an den üblichen Genrezutaten.

Während der eigentliche Ablauf der Geschichte streng nach Vorschrift läuft und der Film das Publikum auch brav auf dem Laufenden hält, gibt es unterwegs doch immer wieder eigenartige Störfeuer. Sehr offensiv ist beispielsweise der Umgang mit der Geräuschkulisse. Da ertönen fremdartige elektronische Klänge, nicht zu identifizierende Effekte. Oft meint man auch, einen historischen Film aus Fernost zu hören – was in einem starken Kontrast zu den Bildern steht, die sehr angeordnet, sehr symmetrisch, sehr steril sind. So als hätte jemand versehentlich die falsche Tonspur eingelegt.

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https://www.youtube.com/watch?v=7m8_hQoiefQ

 

Aber auch die Figuren sind immer irgendwie verkehrt. Das sind sie teilweise von Anfang an, Alice ist zum Beispiel immer etwas zu besessen und zu distanziert. Das macht die allmählichen Veränderungen nur schwer greifbar. Was ist hier normale Dysfunktion, was ist neu hinzugekommene Eigenschaft? Gibt es überhaupt eine Veränderung? Oder ist das nicht doch alles eingebildet? „Little Joe“ gibt zwar deutliche Anzeichen, dass die Blumen hinter allem stecken. Aber so richtig sicher kann man sich hier nie sein, dafür wird das zu wenig konkret.

Das wird nicht jedem gefallen. Wer mit der Erwartung „Little Joe“ ansieht, einen „echten“ Horrorfilm zu bekommen, der sieht sich getäuscht. In den gesamten 105 Minuten passiert so gut wie gar nichts, keine bizarren Todesfälle, keine blutigen Zwischenfälle. Selbst die heftigsten Situationen gehen entweder gut aus oder finden abseits der Kameras statt. Das klingt langweilig, wird es für manche auch sein. Und doch hat dieser seltsame Hybrid aus Drama, Horror und Science-Fiction eine ganz eigene und eigenartige Atmosphäre, mischt surreale Elemente hinein, die bis ins Komische gehen. Der Film hat auch Themen, so ganz nebenbei, die über das Genre hinausgehen, beispielsweise die Frage nach dem wahren Glück und natürlich zur Ethik der Genmanipulation. Wer sich auf diese ruhige, teils betörend schöne Sonderbarkeit einlassen kann, der droht selbst dem Zauber dieser Blume zu erliegen und dabei Überlegungen zu gut oder schlecht ganz zu vergessen.

Fazit: In „Little Joe“ soll eine Pflanze die Besitzer glücklich machen, wenn sie sich gut darum kümmern. Der Film kombiniert dabei Drama, Horror und Science-Fiction, verlässt sich aber stärker auf die eigenartige Atmosphäre als auf herkömmliche Spannung. Die Handlung ist überschaubar, viel passieren tut nicht. Und doch geht ein seltsamer Zauber von allem aus – auch wegen der sehr eigenwilligen Tonuntermalung.

Wertung: 7 von 10


Regie: Jessica Hausner; Darsteller: Emily Beecham, Ben Whishaw, Kerry Fox, Kit Connor, David Wilmot, Phénix Brossard; Kinostart: 9. Januar 2020