Im Kino: Das Leuchten der Erinnerung

Das hatte sich Will (Christian McKay) eigentlich etwas anders vorgestellt. Er wollte am Morgen bei seinen Eltern John (Donald Sutherland) und Ella Spencer (Helen Mirren) vorbeikommen, um seinen Vater anschließend in sein neues Heim zu bringen. So war es geplant, so war es abgesprochen. Aber offensichtlich haben die beiden so gar nicht vor, sich an diese Absprache zu halten. Nicht nur, dass die zwei gar nicht da sind, sie haben sich auch noch den alten Familiencamper „Leisure Seeker“ geschnappt. Während die zwei unterwegs nach Key West sind, um das Haus von Ernest Hemingway zu besuchen, versucht Will, zusammen mit seiner Schwester Jane (Janel Moloney) die beiden ausfindig zu machen und vor sich selbst zu beschützen.

Das englischsprachige Debüt von Paolo Virzì eigentlich gar nicht so wahnsinnig typisch für den italienischen Regisseur. „Die süße Gier“ war eine messerscharfe Abrechnung mit kapitalistischen Glücksrittern, auch „Die Überglücklichen“ über zwei ausgebüxte Damen mit psychischen Schwierigkeiten hatte ihre gemeinen Stellen. Dieses Mal macht sich Virzì jedoch über keinen seiner Protagonisten lustig. Er begegnet ihnen stattdessen mit viel Wärme und Zuneigung, zeigt ein Paar, das seit vielen Jahrzehnten zusammen ist und noch eine letzte Reise antreten möchte – so lange es das eben noch kann.

Worum es in dem Film bzw. worum es den beiden Protagonisten eigentlich geht, wohin die Reise führen soll, das behält „Das Leuchten der Erinnerung“ erst einmal für sich. Es ist aber auch gar nicht so wichtig. Der Weg selbst ist, wie so oft, auch bei diesem Roadmovie das Ziel. Eine stringente Handlung kann er deshalb nicht anbieten. Stattdessen: eine Ansammlung mehrerer zufälliger Anekdoten, die sich unterwegs zutragen. Einige davon sind witzig, andere herzerweichend. John leidet schon seit einer Weile an Alzheimer. Wir freuen uns mit Ella über die kleinen Momente des Glücks, wenn er sich an etwas erinnert, leiden mit ihr, wenn der Mann, den sie vor 50 Jahren geheiratet hat, wieder irgendwo in diesem alten, faltigen Körper verlorengeht.

Wirklich viele überraschende Momente sind nicht darunter. Abgesehen von einem durch Virzì eingefügten Verweis auf die sich verändernde politische Landschaft in den USA könnte „Das Leuchten der Erinnerung“ zu jeder beliebigen Zeit spielen. Und doch ist der Film selbst alles andere als beliebig. Vielmehr wird hier die Geschichte einer großen Liebe erzählt, die selbst dann noch Bestand hat, wenn die Menschen selbst im Nichts verschwinden. Die Reise durch die USA, sie ist auch eine Reise durch die Zeit, der Versuch, noch ein letztes Mal Teil von dieser Welt zu sein. Ein Teil voneinander zu sein. Das ist nicht spektakulär, insgesamt vielleicht auch ein wenig zu lang. Und doch macht es einen wunderbaren Spaß, den beiden Veteranen während ihres Trips Gesellschaft zu leisten, mit ihnen Pfade der Erinnerung zu beschreiten oder zumindest zu suchen.

Fazit: In „Das Leuchten der Erinnerung“ folgen wir einem alten Ehepaar, das noch einmal zusammen verreisen und in Erinnerungen schwelgen will. Das ist nicht neu oder überraschend, dafür aber oft witzig und herzerweichend. Vor allem die beiden hervorragenden Altstars Helen Mirren und Donald Sutherland sorgen dafür, dass man diesem Trip trotz kleiner Umwege gern bis zum Ende folgt.

Wertung: 8 von 10

Regie: Paolo Virzì; Darsteller: Helen Mirren, Donald Sutherland, Christian McKay, Janel Moloney; Kinostart: 4. Januar 2018


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