19. November
Leprous @ Freiheiz

Es gibt Tage im Leben eines Erwachsenen, insbesondere wenn er oder sie Progger ist, auf die freut man sich wie ein kleines Kind auf Weihnachten. Der eigene Geburtstag gehört vielleicht dazu, obwohl man ja doch nur wieder ein weiteres Jahr älter wird. Ganz sicher dazu gehört aber ein Tag wie der bevorstehende 19. November, denn es gibt sich im Freiheiz keine geringere Band die Ehre als Leprous. Die fünf Norweger gehören seit Jahren zum Gipfel des modernen Progressive Metal, zu jener kleinen Handvoll Bands, die auf einem Niveau liefern, auf das viele allzu gerne klettern würden, es aber nur wenige (Haken, Agent Fresco) erreichen.

Der Weg zum Licht allerdings war für Frontmann Einar Solberg, zusammen mit Gitarrist Tor Oddmund Suhrke einzig verbliebenes Gründungsmitglied, kein einfacher. Die ersten Jahre waren nicht nur geprägt von Personalrochaden, sondern ganz besonders auch von der Suche nach dem eigenen Stil. Demos aus dieser Zeit vor 2009 erfüllen die Band heute eher mit Scham denn mit Stolz. Geprägt vom norwegischen Black Metal der 90er, von Vorbildern wie Opeth oder Porcupine Tree und einem überkandidelten Streben nach Progressivität, klingt das damals in Eigenregie produzierte Aeolia tatsächlich in keinster Weise nach Leprous dieser Tage, sondern roh, holprig, gezwungen.

Der Aufstieg begann erst sieben Jahre, nachdem Einar und Tor mit 15 Jahren den Bandnamen im Englisch-Wörterbuch nachschlugen, mit dem ersten richtigen Studioalbum Tall Poppy Syndrome. Seitdem jedoch jagt in regelmäßigen Abständen ein Weltklasse-Album das nächste. Bereits der Nachfolger Bilateral (2012) katapultierte Leprous ins Oberhaus und steht für die Manifestation des typischen Leprous-Sounds: Eine solch avantgardistische Symbiose der technischen und atmosphärischen Spielarten des Progressive Metals bringt aktuell keine andere Prog-Band in derartiger Perfektion auf die Bühne. Ausgehend von Bilateral, welches in seinem unvergleichlichen Abwechslungsreichtum noch vereinzelte Elemente klassischen Metals aufwies (Waste of Air) und bei dem sich Einar vermehrt die Seele aus dem Leib schrie, entwickelte sich der Sound auf den folgenden Alben Coal (2013) und The Congregation (2015) noch stärker hin zu einem von betörend atmosphärischen Arrangements und unglaublich versierter Technik getragenen Stil. Noch so komplexe Rhythmen-, Takt- und Dynamikwechsel gehen Leprous spielerisch von der Hand, sind aber nie nur reiner Selbstzweck, sondern erschaffen Songs, die den Hörer im einen Moment sanft streicheln, um ihn im nächsten Moment regelrecht umzuwehen (The Flood). Emotional dichteren Progressive Metal sucht man anderswo vergeblich. Die Band agiert dabei wie ein einziger Organismus, dessen Einzelteile perfekt ineinandergreifen.

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https://www.youtube.com/watch?v=4nPwBSaJmgI

 

Stellvertretend dafür steht Baard Kolstad, der fraglos zu den weltbesten Prog-Drummern gerechnet werden muss. Einar Solbergs klassisch ausgebildete, anbetungswürdige Falsettstimme ist einzig noch mit Agent Frescos Arnór Dan vergleichbar und trägt in ihrer gleichzeitig kraftvollen wie zerbrechlichen Charakteristik erheblich zum Sound Leprous bei, auch wenn auf dem jüngsten Werk Malina (2017) die Screamparts endgültig der Vergangenheit angehören. Klassische Elemente wie Streicherensembles erweiterten den Sound hingegen zusätzlich, auch live, wenn Leprous mit Cellist auftritt.

Für Ende 2019 ist mit Pitfalls nun das neueste Werk der Norweger angekündigt, welches sie auf Tour auch ins Freiheiz führen wird. Angesichts der Klasse von Leprous steht das Prog-Highlight des Jahres also wahrscheinlich erst noch an. Die jüngst erschienene erste Single Below lässt den auf Malina beschrittenen Weg erkennen, uns mit seinem ungewöhnlichen Drumpattern aber auch wissen: Leprous wären nicht Leprous, gäbe es auch nicht diesmal wieder Überraschungen und Nervenkitzel am laufenden Band.

Übrigens, wären die Norweger nicht schon Highlight genug, ist mit The Ocean ein Support mit an Bord, welcher alleine schon das Eintrittsgeld wert wäre. Die schweizerisch-deutsche Post-Metal-Band steht zwischen den beiden Teilen ihres Doppel-Konzeptalbums Phanerozoic, dessen zweiter Teil im kommenden Jahr erscheinen soll. Berechtigte Hoffnungen daher auf neues Material einer monumentalen Band.


Live: Leprous > Homepage // Support: The Ocean + Port Noir// 19. November// Freiheiz// Einlass: 19 Uhr, Beginn: 20 Uhr // VVK: 24 Euro zzgl. Gebühren