15. Dezember
Leprous @ Technikum

Zeitlich diszipliniert sind bei den norwegischen Art-/Prog-Rockern von Leprous nicht nur die musikalischen Arrangements ihrer gerne polyrhythmischen Songs, sondern auch der Rhythmus ihrer Veröffentlichungen. Aphelion, inzwischen Nummer sieben im Reigen großartiger Releases, mit denen uns Einar Solberg (Gesang, Keys), Tor Oddmund Suhrke (Gitarre), Robin Ognedal (Gitarre), Simen Børven (Bass) und Baard Kolstad(Drums)  in den letzten Jahren beschenkt haben, folgt strikt dem Zwei-Jahres-Takt, dem sich die Band seit ihrem Erstling Tall Poppy Syndrome aus dem Jahre 2009 verschrieben hat. Und nicht nur zeitlich bleiben sich Leprous treu, auch bleiben sie weiterhin so unberechenbar und innovativ wie seit jeher: Aphelion klingt zu 100% nach Leprous – gerade auch wegen des unverkennbaren Stimmorgans des Frontmanns Einar Solberg – aber gleichzeitig wie keines ihrer vorherigen Werke. Vielleicht ist genau das das Markenzeichen des Quintetts aus Notodden.

Das Vermächtnis der Prog-Metal-Phase der Alben Bilateral (2011) oder Coal (2013) wird nur noch punktuell zitiert, hier mal in einem fetten Riff (The Silent Revelation), dort mal in Form sparsam eingestreuter Screams (Nighttime Disguise). Viel mehr Erbgut stammt hingegen vom 2019er Vorgänger Pitfalls, mit dem die Band den sicherlich tiefsten stilistischen Einschnitt in ihrem Schaffen vorgelegt hatte. Das Düstere, Verletzliche und Schmerzhafte dieser Scheibe, auf der sich Solberg mit seinen depressiven Abgründen auseinander setzte, findet sich auch auf Aphelion wieder.

Wer mit der weitestgehenden Abkehr von härteren Gangarten auf Pitfalls schon nicht zurecht kam, wird zwar auch in Aphelion nicht unbedingt ins Herz schließen. Die Vielseitigkeit und Innovationsfreude der Band ist jedoch ungebrochen und wird mit dem vermehrten Einsatz des bewährten Cellisten Raphael Weinroth-Browne sowie dem norwegischen Bläserensemble Blåsemafian sogar noch gesteigert. Zusammen mit ihrem Gespür für große Melodien ergibt sich der für die Neuzeit so typische, facettenreiche Leprous-Sound.

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https://www.youtube.com/watch?v=hOMSRmfcvag

 

Der Begriff Aphelion beschreibt im Übrigen in der Astronomie – analog zur Thematik der Auseinandersetzungen mit der eigenen Psyche – den Punkt, an dem ein Planet auf seiner Umlaufbahn am weitesten von seinem Zentralgestirn – und somit dem Licht – entfernt ist. Heißt im Umkehrschluss aber auch: ab jetzt wirds peu à peu wieder heller. Eine schöne Analogie daher auch für ein in Coronazeiten entstandenes Album. Es wird wieder Licht!


Leprous > Homepage //  15. Dezember 2021 // Technikum// Einlass: 19 Uhr // Tickets 24€ zzgl. Gebühren