Gehört: Leif Vollebekk – „North Americana“

Wer schon einmal den Geschmack der staubigen Straßen im Mund hatte, die sich durch die endlosen Weiten des amerikanischen Nirwanas schlängeln – und wer hatte das nicht? –, der wird bei „North Americana“ so manches Déjà-vu-Erlebnis haben.

Einige Jahre hatte Leif Vollebekk an Album Nummer zwei gearbeitet, mit dem Ziel, dass es sich möglichst vertraut anhören soll. Und das ist ihm auch gelungen. Der Titel kündigt es schon an: Der Kanadier ist tief in der typisch amerikanischen, rustikalen Folkrichtung verwurzelt, in die sich immer mal wieder Anklänge von Blues („Cairo Blues“) oder auch Country („Southern United States“) mischen. Der Einfluss seines Vorbild Ryan Adams ist unleugbar, aber auch Bob Dylan schaut gelegentlich vorbei, um mit schnodderigem Gesang die Welt in Lieder zu packen.

Hochglanz? Hymnische Mitsingnummern? Nein, danke. Der 27-Jährige mag es lieber etwas spröder, rauer. Melodiös muss das Ganze auch nicht unbedingt sein, bei „At the End of the Line“ stehen eindeutig die Texte im Vordergrund, Sprechgesang statt Harmonie ist angesagt. Und auch bei „When The Subway Comes Above The Ground“ zeigt er mit häufigen Tempo- und Tonhöhewechseln die Wandelfähigkeit seiner Stimme.

Aufgenommen wurde das dazugehörige Video in der heimischen Montreal Metro. Einen Tag lang verbrachten Vollebekk und sein Kamerateam unter der Erde, um die U-Bahn auf Film festzuhalten. Am Ende waren es dann aber doch die Menschen, die es ins Musikvideo schafften. Menschen auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen und Bummeln, auf dem Nachhauseweg. So wie dort interessiert sich Leif Vollebekk auch in seinen Liedern eher für die kleinen, alltäglichen Geschichten.

Musikalisch ist das weniger abwechslungsreich. Die meisten der zehn Tracks treffen sich irgendwo im mittleren Tempo, nur beim kraftvoll-wummernden „Takk Somuleidis“ tritt er stärker aufs Gaspedal. Die ruhigen Gegenstücke sind das melancholische „Photographer Friend“ und der wunderbare Abschluss „From The Fourth“.

Für europäische Ohren klingt das mitunter vielleicht etwas zu amerikanisch, wenn neben Gitarre, Piano und Violine – gespielt von Sarah Neufeld (Arcade Fire) – gelegentlich auch Pedal Steel und Mundharmonika („Pallbearer Blues“) zum Einsatz kommen. Ganz so viel Lagerfeuerromantik hätte es dann doch nicht gebraucht. Oft ist das zum Glück jedoch nicht, insgesamt ist „North Americana“ ein schön ungeschöntes Album, authentisch und atmosphärisch, dazu irgendwie nostalgisch.

Wer bei dem Gedanken an amerikanischen Folk nicht gleich schreiend aus dem Zimmer rennt, darf also ruhig zumindest mal reinhören. Und bei Gefallen gibt es am 10. Mai sogar Gelegenheit, Leif live zu sehen, wenn er im Rahmen des Deeper Down Festivals auch hier in München auftritt.

TEXT: Oliver Armknecht


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