Im Kino: Lara

Eigentlich wäre der Tag ein Grund zum Feiern gewesen für Lara Jenkins (Corinna Harfouch). Man wird schließlich nur einmal im Leben sechzig. Die Feierlaune hält sich jedoch ziemlich in Grenzen, schon frühmorgens gibt es Grund zum Ärger, als die Polizei vor der Tür steht. Was sie jedoch wirklich beschäftigt, das ist ihr Sohn Viktor (Tom Schilling). Dem hat sie einst das Klavierspielen beigebracht. Heute steht er tatsächlich auf der Bühne und präsentiert sein selbst komponiertes Stück. Kontakt haben sie jedoch kaum noch, das Verhältnis ist äußerst schwierig geworden. Höchste Zeit, das zu ändern. Ganz so einfach wie von Lara erhofft, ist diese Annäherung jedoch nicht …

Wenn es mal wieder länger dauert. Satte sieben Jahre musste das Publikum nach „Oh Boy“ (>>Filmkritik) warten, bis mit „Lara“ ein zweiter Spielfilm von Regisseur Jan-Ole Gerster folgte. Gemeinsamkeiten gibt es zwischen diesem und Gersters gefeierter Tragikomödie einige. In beiden Fällen spielt Tom Schilling eine tragende Rolle. In beiden Fällen vermischt der Film das Tragische mit dem Komischen. In beiden Fällen besteht die Handlung in erster Linie darin, dass die Hauptfigur durch die Stadt streift und dabei den unterschiedlichsten Menschen begegnet. Wer seinerzeit das Debüt zu schätzen wusste, der wird sich deshalb bei „Lara“ gleich wie zu Hause fühlen. Doch trotz der diversen Ähnlichkeiten: Um eine reine Kopie handelt es sich dabei nicht. Dafür sind die Umstände der Odyssee zu verschieden, die Hauptfigur ist es auch.

Lara Kino curt München

Das ist auch irgendwo naheliegend. Statt eines jungen Mannes, der seinen eigenen Weg durch die Welt sucht und sich fragt, was er mit seiner Zukunft anfangen soll, steht hier eine 60-jährige Frau im Mittelpunkt. Da ist der Blick zwangsweise tendenziell eher zurück gerichtet, wenn Lara über ihr Leben nachgrübelt und über all das, was zuvor schiefgelaufen ist. Und das ist eine Menge. „Lara“ ist bei all der Komik ein deutlicherer bitterer Film geworden. Anzeichen dafür sind schon früh zu finden. Wie viel bei der Titelfigur im Argen liegt, das wird jedoch erst nach einer Weile deutlich. Je mehr Zeit wir mit Lara verbringen, umso offensichtlicher werden die Wunden, die sie anderen zugefügt hat. Umso offensichtlicher aber auch ihre eigenen Wunden.

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Das Drama lässt sich dabei nicht so leicht in die Karten schauen. Gerster packt nicht alles in Wort, was zuvor vorgefallen ist, einiges muss man sich erst erschließen. Dass „Lara“ dabei ein eher gemächliches Tempo an den Tag liegt, wird nicht zu einem Nachteil, ebenso wenig die Ziellosigkeit. Vielmehr fesselt der Film eben dadurch, wie man im Laufe eines einzelnen Tages lauter Puzzlestücke findet, an den unmöglichsten Orten, die sich zu einem Bild zusammensetzen. Ein äußerst ambivalentes Bild. Angenehm wird das Geburtstagskind nie, selbst an einem Tag, der doppelt Grund zum Feiern liefert, ist sie zu Abscheulichkeiten imstande. Lob und Diplomatie sind ihr hingegen fern. Und doch mischt sich irgendwann Verständnis hinein, sogar Mitgefühl.

Vor allem aber fasziniert die Frau, die es offensichtlich nie gelernt hat, normal mit anderen Menschen umzugehen – was traurige und komische Folgen hat. Corinna Harfouch liefert dabei eine so fantastische Darstellung ab, dass alle anderen automatisch zu Randfiguren werden. Das Drama schafft dabei die Balance zwischen sehr persönlichen Elementen und universellen, wenn die Geschichte einer kaputten Mutter-Sohn-Beziehung mit allgemeinen Fragen verknüpft wird. Was geben wir an unsere Kinder weiter? Wie viel können und sollen wir von ihnen verlangen? Dabei werden natürlich auch Erinnerungen an Filme wie „Whiplash“ (>>Filmkritik) wach, wenn die Förderung von Talent gleichermaßen Spitzenleistungen wie Unglück verursachen und man nicht weiß, ob es das wert ist. „Lara“ selbst ist es aber wert, gesehen zu werden, auch durch den interessanten Perspektivenwechsel, wenn mal nicht das Wunderkind im Vordergrund steht, sondern derjenige, der sich selbst dafür aufgeopfert und dabei alles verloren hat.

Fazit: In „Lara“ versucht eine Frau, mit ihrem entfremdeten Sohn Kontakt aufzunehmen. Das ist tragisch, teilweise aber auch komisch, wenn wir einen Tag lang der Mutter folgen und sie dabei immer mehr kennenlernen. Vor allem ist es faszinierend, auch dank einer fantastischen Corinna Harfouch, die der Titelfigur viel Ambivalenz verleiht.

Wertung: 8 von 10


Regie: Jan-Ole Gerster; Darsteller: Corinna Harfouch, Tom Schilling, Volkmar Kleinert, Rainer Bock, Gudrun Ritter, André Jung