curt war da: Krauthammer Vol. 1 @ Milla

Schwergewichtiges Münchner Dreier-Paket an Instrumental-/Experimental-Rock unter dem Motto Krauthammer im Geiste der Progrock-Hochzeiten am 11. Januar im Keller-Underground des Glockenbachviertel-Clubs Milla:

Die Eröffnungsnummer gab das junge Münchner Trio One Trip Pony. Im Englischen wird jemand/etwas als „One Trick Pony“ bezeichnet, den oder das man nur für eine spezielle Sache richtig gut gebrauchen kann. Aus diesem Anglizismus-Idiom wird wohl der abgewandelte Bandname herrühren, eine durchaus passende Benamsung, denn den völlig losgelösten, sich in permanenter tonaler Super-Nova entladenden Improvisations-Space-Rock beherrschten die drei jungen Männer formvollendet aus dem Effeff. Drop-out-Experimentelles aus den Saiten der Gitarre und Sitar inklusive Soundmanipulation durch fleißiges Regler-Drehen, in die Weiten der Dimensionen treibendes, virtuoses wie versiertes Perkussiv-Wetterleuchten und ein freigeistiges, Dur-geprägtes Keyboard-Spiel aus dem Stegreif im Geiste der Frühsiebziger-Prog-Psychedelic-Bands an Bass-, Roland- und Fender-Rhodes-Orgel ergaben im Kombinat losgelöst von jeglichen Vorgaben eine bunte Wunderwelt an Klangexplosionen im weiten Weltenraum. Umso härter fiel die Landung nach Ende des konzertanten Sternenwanderns in der realen Welt. Da haben junge Menschen an den richtigen Stellen in der Plattensammlung der Altvorderen gestöbert und höchst Anregendes aus der goldenen Ära des Krautrock zutage gefördert. „Get on your pony and ride to the edge of your mind and enjoy this far out avantgard trio experience!“, forderte die Band vollmundig im Vorfeld die Hörerschaft auf. Das war tatsächlich nicht zu groß getönt und hat in der Tat prima funktioniert. Gerne beizeiten mal wieder angetreten, dieser Ausflug in andere Sphären und weit entfernte Klang-Galaxien …

Viel Platz für freien Flow genehmigte sich auch die junge Münchner Formation Karaba, wenn auch der Rahmen, in dem sich das Quartett bewegte, eine ausdefiniertere Form vorgab. In der Triangel Prog-, Psychedelic- und vor allem Jazz-Rock tummelten sich die Musiker in Anlehnung an Siebziger-Vorbilder von Embryo über Amon Düül bis Canterbury-Größen wie Soft Machine und den expliziten Jazz-Verflechtungen ausgewählter Zappa-Preziosen in technischer Brillanz. Keyboarder Andreas Kainz, der bereits zuvor bei One Trip Pony sein ausgewiesenes Talent an den Tasten unter Beweis stellte, durfte auch den zweiten Akt des Abends begleiten. er reihte sich ein in den Reigen der versierten instrumentalen Darbietungen an Bass, Drums und Doppelhalsgitarre. Das außerordentliche Können der jungen Musikanten nötigte den gebotenen Respekt ab, wenn auch für Jazz-Rock-Skeptiker und -Atheisten dieses stilistische Element zu sehr den maßgeblichen Lead übernahm. Selbst ausgewiesene Experten zum Thema ließen sich nach diesem latenten Überstrapazieren zu quasi-resignierter Äußerung hinreißen: „In nächster Zeit dann erst mal keinen Chick Corea mehr …“

krauthammer karaba

Das Grande Finale des Abends bespielte der Musiker und Kunstmaler Peter Frohmader mit seiner Band Nekropolis. Der Münchner wird in der Presse gerne als Urvater des Gothic gefeiert, wegen seines ausgedehnten Schaffens in den Bereichen Krautrock, Experimental-Electronica und Drone seit den frühen Siebzigern und wohl nicht zuletzt auch wegen seiner früheren Verbindungen zum weltbekannten Schweizer SciFi-/Okkult-Malerfürsten HR Giger.

Am Donnerstag-Abend demonstrierte Frohmader im Verbund mit seinen Begleitern einmal mehr, dass er nach wie vor am musikalischen Puls der Zeit agiert, die ausgedehnten Improvisations-Stücke, für die der Bandleader mit hartem Anschlag am Rickenbacker-Bass das Einstiegsmotto vorgab und dann den Werken wie seiner Band freien Lauf und Luft zum Atmen gewährte, entwickelten sich in einer überbordenden, oft euphorisierend-mitreißenden Klangwelle in Richtung harter, stringenter Drone-Instrumental-Rock, der die Grenzen der Siebziger-Jahre-Prog/-Kraut-Psychedelic weit hinter sich ließ und in einem bezwingenden Flow wiederholt und ausgedehnt Einflüssen aus dem Postpunk und der hypnotischen Kraft des Trance Tribut zollte, selbst die aktuellen Soundwände und wunderschön-dramatischen Effekte des Postrock hallten im Klangbild der Improvisations-Formation nach. Maßgebenden Anteil am zupackenden wie beglückenden Nekropolis-Sound hatte neben dem strammen, Solo-artigen Bass-Anschlag von Peter Frohmader selbst, der grundsoliden wie das Gesamtkonzept tragenden Keyboard-Arbeit von Udo Gerhardt und dem wuchtig-treibenden Anschlag von Drummer Reiner Ewert das schneidende, mit Messer-scharfen Riffs arbeitende, kongeniale Gitarrenspiel vom Münchner Ur-Punk und Rauschangriff-Boss Gerhard „Machtkrampf“ Lallinger, der an dem Abend einmal mehr unter Beweis stellte, dass er soviel mehr an Talent und meisterlichem Können als die berühmten drei Akkorde des Punkrock-Gepolters zu bieten hat.

krauthammer nekropolis


Mit ihrer explosiven Mixtur setzten Frohmader und Nekropolis den fulminanten Schlusspunkt für eine insgesamt überaus gelungene erste „Krauthammer“-Ausgabe. Man darf aufgrund der gebotenen Qualität gespannt sein auf die hoffentlich zahlreichen Fortsetzungen …

Text und Fotos: Gerhard Emmer > Blog


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