Wer früher stirbt, ist länger Kunstwerk: Ein Besuch der Körperwelten-Ausstellung in München

Mit der Totenruhe wird kein Schmufix gemacht. Und in Bayern schon mal drei Mal nicht. Kein Wunder also, dass der Heidelberger Anatom Dr. von Hagens mit seiner berühmten Ausstellung „Körperwelten“ hier nicht gerade mit offenen Armen empfangen wurde.

Elf Jahre ist es her, dass die Körperwelten in München gastierten, und keine andere Großstadt hat sich im Vorfeld so vehement gegen „Dr. Tod“, wie ihn die BILD so schön nannte, gewehrt. OB a.D. Christian Ude empörte sich damals höchstpersönlich und öffentlichkeitswirksam. Wilfried Blume-Beyerle, Chef des Kreisverwaltungsreferats (KVR), drohte sogar mit einer Bestattung der Leichen, sobald sie in München einträfen. Kein Mensch habe das Recht, auf seine eigene Menschenwürde zu verzichten, erklärte er scharf. Seit dem 10. April 2014 sind die Körperwelten nun wieder in der Isarmetropole zu sehen. Dieses Mal hat die Stadt die Veranstaltung von vorneherein genehmigt. Und die Schlangen vor der kleinen Olympiahalle sind lang; so lang, dass man sie vom Georg-Brauchle-Ring aus sieht.

Copyright: Gunther von Hagens’ KÖRPERWELTEN, Institut für Plastination Heidelberg.

Deshalb bin ich um Punkt 10 Uhr vor Ort und habe nur ein leichtes Frühstück eingenommen, man weiß ja nie. Auf geht’s in den begehbaren Atlas der Anatomie mit seinen über 200 Präparaten. Wie jede Körperwelten-Veranstaltung hat auch die Münchner Show ein Kernthema, den „Zyklus des Lebens“. Es geht also um Entstehen und Vergehen des Menschen, um die Veränderungen, die ein Körper im Laufe eines Lebens erfährt. „Plastination“ nennt Dr. von Hagens seine Konservierungstechnik, die er Ende der 70er-Jahre entwickelt hat. Dabei werden den toten Körpern alle Flüssigkeiten und löslichen Fette entzogen und durch eine Art Silikon ersetzt und ausgehärtet. So werden die Plastinate nicht nur stabil und geruchlos, sondern auch dauerhaft haltbar. Und vor allem: sie menscheln.

Das ist das Großartige und gleichzeitig das Gruselige an der ganzen Sache. Es sind alles kunstvoll aufbereitete Leichenteile, daran muss ich mich immer wieder erinnern. Keine Plastikmodelle, sondern homo sapiens, einst genau so lebendig, wie die homo sapiens, die sie gerade anglotzen. Das ist manchmal einfach nur faszinierend, wie die Serie von Föten in verschiedenen Altersstadien ganz am Anfang der Ausstellung. Manchmal aber auch krass und creepy, wie der Querschnitt einer von Krebs angegriffenen weiblichen Brust. Auch die – im Vergleich zum danebenliegenden, gesunden Exemplar -– monströse Fettleber und das vom Infarkt gezeichnete Herz sind alles andere als ein schöner Anblick.

In jedem Glaskasten stückchenweise toter Mensch, denkt sich mein Hirn, das jetzt auch weiß, wie es aussieht. Da lässt die Diskussion um Menschenrechtsverletzung nicht lange auf sich warten. Schon bei der ersten Ausstellung, die 1995 in Japan zu sehen war, haben die Körperwelten viel Sand aufgewirbelt. Trotzdem oder gerade deswegen haben mittlerweile fast 40 Mio. Menschen in Asien, Amerika und Europa von Hagens’ Präparate bewundert. Sage und schreibe neun verschiedene Ausstellungen touren momentan durch Europa und Amerika. Dafür braucht es nicht nur eine beachtliche Menge Mensch, sondern auch eine Verwaltungsschnittstelle. Darum hat von Hagen sein sogenanntes Körperspendeprogramm (www.koerperspende.de) auf die Beine gestellt. Dr. von Hagens selbst konnte übrigens nicht zur Eröffnung seiner Ausstellung in München kommen. Der 69-Jährige leidet seit einigen Jahren an Parkinson und hat sich ziemlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er wird sich, wie er bestätigt, selbstverständlich auch nach seinem Tod plastinieren lassen und ein Teil seines Lebenswerks werden. Am liebsten möchte er direkt am Eingang stehen, mit seinem Hut, den er fast immer trägt.

Im Foyer gibt es einen Kiosk, Hot Dogs kosten 2,60 EUR. Ich frage den freundlichen Herrn hinterm Tresen, wie viele Würstl er denn heute schon verkauft hat (es ist 11.45 Uhr). Vier, sagt er. Alle an Besucher, die gerade angekommen waren. Nach der Ausstellung hat offenbar niemand Appetit auf totes Fleisch im Brötchen.

>> www.koerperwelten-deutschland.de

TEXT: JULIA FELL

 

 


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Exilsaarländerin, in jungen Jahren nach England verpflanzt, über einen Zwischenstopp im beschaulichen Passau in München gelandet, um irgendwas mit Medien zu studieren. Will entweder für immer hier bleiben oder doch noch nach Amsterdam ziehen. Mag Reggae, Rap, spleenige Menschen, große Männer mit schönen Augenbrauen und großer Schnauze, Gruselstreifen, Stinkekäse, Biografien und flache Witze. Mag nicht, dass ihr ständig jemand eine Berufsunfähigkeitsversicherung andrehen will. Im 9-to-5-Leben Fotoredakteurin.