Im Kino: The Lodge

Eigentlich wollte Richard (Richard Armitage) endlich wieder eine echte Familie haben. Und so beschloss er, gemeinsam mit seiner neuen Verlobten Grace (Riley Keough) und seinen Kindern Aidan (Jaeden Martell) und Mia (Lia McHugh) ganz gemütlich Weihnachten zu feiern, fernab vom Trubel des Alltags. Aber irgendwie will das alles nicht so klappen. Die beiden Kinder haben so gar kein Interesse daran, die Neue kennenzulernen, das sie sie für das Scheitern der Ehe ihrer Eltern verantwortlich machen. Und dann muss Richard auch noch für einige Tage in die Stadt, aus beruflichen Gründen. Eingeschneit in dem abgelegenen Haus hätten die drei die Gelegenheit, sich endlich einmal kennenzulernen. Doch dann kommt alles anders …

Das österreichische Regie- und Drehbuchduo Veronika Franz und Severin Fiala kreiert schon von den ersten Minuten an eine Stimmung der Bedrohung. Es ist nur ein kleiner Prolog, um die Figuren und ihre Situation einzuführen. Doch es reicht, um ganz üble Vorahnungen zu wecken. Als das Setting von dem etwas sterilen Stadthaus zu der aus Holz gefertigten Lodge wechselt, umso mehr. Ein abgelegenes Haus im tiefsten Winter? Das reicht als Horrorfan, damit es einen dabei fröstelt. Von der Zivilisation abgeschnitten zu sein, das ist immer ein Freischein für die unheimlichsten Dinge, manche eingebildet, andere dafür umso realer.

Umso überraschender ist, wie zurückhaltend „The Lodge“ da agiert. Nachdem der Film mit einem Knall beginnt, beschränkt er sich lange darauf, die eigene Atmosphäre zu genießen. Die ist auch tatsächlich fantastisch. Das Setting des eingeschneiten Hauses wird nicht ohne Grund immer wieder gerne verwendet. Der griechische Kameramann Thimios Bakatakis versteht es, diesen Ort immer wieder aus neuen Perspektiven zu zeigen und der Geschichte etwas Klaustrophobisches zu verleihen. Selbst wenn sie auf dem Präsentierteller stattfindet. Gemeinsam mit der düsteren Musik entsteht auch eine leicht surreale Stimmung, bei der offen bleibt, was wirklich ist und wie viel sich im Kopf abspielt.

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Weniger glücklich ist die wiederkehrende Verwendung von Puppenhäusern, die das Geschehen spiegeln, da auf diese Weise unnötig Vergleiche zu „Hereditary“ (>> Filmkritik) provoziert werden. Gemeinsam ist den beiden Werken zudem der starke Fokus auf die Figuren. „The Lodge“ ist Horror, ist aber auch Drama, wenn Menschen zusammengesperrt werden, die allesamt kaum verarbeitete Traumata mit sich herumschleppen. Aus diesem Grund ist es dann auch nicht weiter tragisch, wenn der Film ein ausgesprochen ruhiger Genrevertreter ist. Statt billiger Jump Scares und aufdringlicher Ich-will-jetzt-spannend-sein-Musik gibt es hier ein konstantes Unwohlsein, ein undurchsichtiges Fremdsein auch.

Zumal die relativ sparsame Handlung zumindest teilweise durch das Ensemble wieder aufgefangen ist. Im Mittelpunkt steht natürlich Riley Keough als überaus zuvorkommendes und zugleich etwas undurchsichtiges Nervenbündel. Aber auch die beiden Jungdarsteller Jaeden Martell und Lia McHugh tragen dazu bei, dass man dem Treiben gebannt zusieht, in freudiger Erwartung des großen Knalls. Dass der so lange auf sich warten lässt und die Hochphase recht kurz ausfällt, ist natürlich schon schade. Dennoch ist „The Lodge“ ein in mehrfacher Hinsicht eisiger Trip in die Abgründe des Zwischenmenschlichen. Und er ist deutlich gelungener als ein Gros des Hochglanz-Horrors, der dieses Jahr auf den Leinwänden zu sehen ist.

Fazit: „The Lodge“ lässt sich viel Zeit, wenn eine Frau mit zwei feindselig gestimmten Kindern in einem eingeschneiten Waldhaus festsitzt. Die sparsame Handlung und die fehlenden Überraschungen werden jedoch durch die gelungene, leicht surreale Atmosphäre und die starken Schauspielleistungen wieder wettgemacht.

Wertung: 7 von 10

Regie: Veronika Franz, Severin Fiala; Darsteller: Riley Keough, Jaeden Martell, Lia McHugh, Richard Armitage; Kinostart: 6. Februar 2020