Im Kino: Sunset

Als die junge Iris Leiter (Juli Jakab) nach Budapest kommt, um als Hutmacherin zu beginnen, dann nicht nur aus finanziellem Interesse. Vielmehr möchte sie ihrer eigenen Familiengeschichte auf den Grund gehen. Schließlich waren es ihre Eltern, die einst den vornehmen Hutladen gründeten, die auch in diesem starben. Der jetzige Inhaber Oskar Brill (Vlad Ivanov) versucht sie zwar schnell abzuwimmeln, kommt aber nicht gegen die Sturheit von Iris an. Vor allem nicht, als sie erfährt, dass sie einen Bruder hatte, von dem sie nichts wusste und der ein furchtbares Verbrechen begannen haben soll. Fasziniert von dieser Geschichte, setzt sie ihre Nachforschungen fort und kommt dabei finsteren Geheimnissen in den höchsten Kreisen der österreichisch-ungarischen Gesellschaft auf die Spur.

Wieder einmal nimmt uns der ungarische Filmemacher László Nemes mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Wo sein oscargekröntes „Son of Saul“ (>> Filmkritik) noch den Horror des Holocausts spürbar werden ließ, da tauchen wir dieses Mal in ein deutlich vornehmeres, freundlicheres Milieu Anfang des 20. Jahrhunderts ein. Doch das hübsche Antlitz soll niemanden täuschen. In „Sunset“ mag von Anfang an die Sonne scheinen, mögen die Herren und Damen auch in edler Kleidung durch die Gegend stolzieren. Doch hinter diesem Chic verbergen sich Abgründe, wie jemand früh im Film Iris warnend mit auf den Weg gibt.

Welche Abgründe das sind, das verschweigt die warnende Stimme. Erst sehr viel später dürfen wir erfahren, was damit gemeint war – und das auch nur ansatzweise. „Sunset“ ist ein Film, der sehr viel mit Andeutungen spielt, Leute tuscheln lässt, im Hintergrund flüstern, bedeutungsschwangere Worte durch den Raum wabern lässt. Konkrete Aussagen jedoch, die verweigert Nemes. Einiges lässt sich rekonstruieren, wer genügend Geduld mitbringt. Immerhin 140 Minuten dauert das Drama. 140 Minuten, die sehr lang werden können, wer es gewohnt ist, alles genau erklärt zu bekommen. Wer den groben Bombast eines „Werk ohne Autor“ (>> Filmkritik) schätzt, der wird hier keine Freude haben.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=8uXELmLThr0

 

Aber es ist nicht nur die Hintergrundgeschichte, die bruchstückhaft bleibt. Auch der Ablauf des Films ist mindestens gewöhnungsbedürftig. Ganz abgesehen davon, dass Iris ständig durch die Gegend läuft, ohne jemals im Laden zu arbeiten, sind auch ihre privaten Ermittlungen oft nicht nachvollziehbar. Sie ist in der einen Szene mit etwas beschäftigt, in der nächsten ganz woanders. Wohin sie gegangen ist, wie sie dorthin kam, wie sie überhaupt auf die Idee kam, das bleibt oft unklar. Oft hat man den Eindruck, dass in „Sunset“ massig an verbindenden Szenen herausgeschnitten wurden. „Son of Saul“ tat dies natürlich auch, was dort aber besser passte. Das Holocaust-Drama ließ uns an der klaustrophobischen Panik inmitten eines Massenverbrechens teilhaben. Das Unübersichtliche gehörte da zum Inhalt dazu.

Bei „Sunset“ bleibt hingegen in erster Linie Verwirrung übrig. Verwirrung darüber, was genau sich hinter den vornehmen Fassaden abspielt. Verwirrung auch, was genau Nemes mit seinem Film eigentlich beabsichtigte. Aber auch wenn der neue Film des Regisseurs wenig greifbar ist, auch nie die Wucht seines Debüts entwickelt, es ist ein interessantes Werk geworden. Wie in einem Traum schwebt man durch die prächtigen Kulissen, die Kamera immer dicht an den Figuren. Ein Traum, der zwischenzeitlich surreal werden kann und einen mit dem dringenden Gefühl zurücklässt, dass sich da etwas ganz Böses, ganz Finsteres anbahnt. Man weiß nur eben nicht, was.

Fazit: In „Sunset“ greift der ungarische Regisseur László Nemes wieder auf eine Inszenierung zurück, die sehr eng an den Figuren ist, wenig Klarheit bietet und das Publikum alleine lässt. Wo sein Debüt „Son of Saul“ aber zu einem bewegenden und klaustrophobischen Holocaust-Drama wurde, bleibt der Ausflug in die österreichisch-ungarische Oberschichte 1913 wenig greifbar, gleicht einem Traum, der das Gefühl von Bedrohlichkeit erzeugt, ohne je konkret zu werden.

Wertung: 7 von 10


Regie: László Nemes; Darsteller: Juli Jakab, Vlad Ivanov, Evelin Dobos; Kinostart: 13. Juni 2019