Im Kino: Roads

Auf den Urlaub kann er gern verzichten. Und auf seine Familie sowieso. Sind alle doof, keiner versteht ihn. Also schnappt sich Gyllen (Fionn Whitehead) an seinem 18. Geburtstag den Camper seines Stiefvaters und braust davon. Das zumindest war der Plan. Sonderlich weit kommt er bei seiner Flucht jedoch nicht, schon nach kurzer Strecke scheint der Wagen den Geist aufzugeben. Glück im Unglück: Er begegnet dabei William (Stéphane Bak), der seine eigenen Gründe hat, Marokko verlassen zu wollen. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise, auf der sie einander, aber auch sich selbst noch einmal völlig neu kennenlernen werden.

Wenn Filmemacher einen Volltreffer landen, entpuppt sich das oft als etwas zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite eröffnet es völlig neue Möglichkeiten für zukünftige Projekte. Auf der anderen Seite gehen damit zwangsläufig hohe Erwartungen einher. Siehe Sebastian Schipper. Der hatte zuvor schon drei Filme inszeniert, die jedoch international wenig Aufmerksamkeit erregten. Ganz anders „Victoria“ (>>Filmkritik): Die Geschichte um eine Gruppe von Jugendlichen, die feiern wollen, danach aber in einen Überfall hineingezogen werden, wurde komplett ohne Schnitte gedreht – eine Mammutaufgabe für alle Beteiligten.

Seinen neuen Film „Roads“ legt Schipper nun deutlich größer an. Das betrifft einerseits den Schauplatz: Aus einer Berliner Nacht wird eine Rundreise, die in Marokko beginnt und anschließend quer durch Europa führt. Und auch inhaltlich ist das hier spürbar ambitionierter. Die sehr persönliche Geschichte von zwei Jugendlichen wird um gesellschaftlich relevante Aspekte erweitert – allen voran ein Ausflug zur Flüchtlingskrise. Gleichzeitig ist die kleine Weltreise deutlich entspannter. Auch wenn die beiden Jugendlichen zwischendurch immer mal wieder in Schwierigkeiten geraten: So richtig brenzlig wird das nie. „Roads“ will schon ein Abenteuer für die zwei Protagonisten sein, wirkt aber eher wie ein verlängerter Ausflug.

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https://www.youtube.com/watch?v=mXyw5gLHAX0&t=1s

 

Das erinnert etwas an das letztjährige „303“ (>>Filmkritik). Auch damals begaben sich zwei zufällig aufeinandergestoßene junge Menschen auf eine gemeinsame Fahrt an Bord eines Campers. Auch damals diente der Roadtrip dazu, ganz allgemeine Überlegungen zum Zwischenmenschlichen oder der Gesellschaft anzustellen. Was ja auch naheliegend ist: Wer Wochen miteinander auf engem Raum verbringt, der kann nicht nur über das Wetter reden. Leider gilt bei beiden Filmen jedoch auch, dass diese Mischung nicht immer aufgeht.

So nachvollziehbar es ist, das Alltägliche mit dem Außergewöhnlichen verbinden zu wollen, so schlecht funktioniert das in der Praxis. Dem Film gelingt es nicht, die Übergänge natürlich zu gestalten. Wenn sich in „Roads“ immer wieder ernste Themen dazwischenschieben, dann nicht, weil sich das aus der Geschichte ergeben würde. Persönliche Abgründe und gesellschaftliche Herausforderungen zu kombinieren, das war am Ende dann doch zu ambitioniert. Von dem seltsamen Auftritt von Moritz Bleibtreu, der eher in einer Komödie Platz hätte, ganz zu schweigen.

Das ist auch deshalb schade, weil die beiden Jungdarsteller wunderbar miteinander harmonieren. Die Art und Weise, wie Whitehad und Bak miteinander spielen, sich neugierig umkreisen, sich aufziehen, nur um dann in dem anderen eine Art Zuhause zu finden, das geht schon sehr zu Herzen. Die Geschichte einer unerwarteten Freundschaft ist in diesen intimen, unspektakulären Momenten so schön, dass man glauben will, glauben muss, dass am Ende doch alles gut wird. Dass es für alle Menschen einen Platz in dieser Welt gibt, woher sie auch kommen mögen.

Fazit: „Roads“ folgt zwei Jugendlichen, die sich in Marokko zufällig über den Weg laufen und gemeinsam mit einem Camper durch Europa reisen. Das überzeugt vor allem in den kleinen Momenten, wenn die beiden wunderbar harmonisierenden Nachwuchsdarsteller unter sich sind. Die größeren Ambitionen, auch etwas zur Gesellschaft zu sagen, passen da nicht wirklich rein, wirken zu oft aufgesetzt.

Wertung: 7 von 10


Regie: Sebastian Schipper; Darsteller: Fionn Whitehead, Stéphane Bak; Kinostart: 30. Mai 2019