Im Kino: Pawo

Dorjee (Shavo Dorjee) ist 18 Jahre alt, als sein Vater stirbt. Nun liegt es an der Mutter, sich um die Familie zu kümmern und sie zusammenzuhalten. Doch das ist einfacher gesagt denn getan. Sechzig Jahre ist es mittlerweile her, dass China Tibet besetzt hat. Trotz diverser Aufstände haben sich die Einwohner aber nie von dieser Unterdrückung befreien können. Als Dorjee in einen dieser Aufstände gerät, landet er im Gefängnis. Zwar gelingt es seiner Mutter, ihn einige Monate später freizukaufen. Doch eine Zukunft im eigenen Land, die hat er nicht mehr. Also schließt er sich einem mehrwöchigen Fußmarsch über das Himalaya-Gebirge an, um in Indien ein neues Leben zu beginnen. Aber auch dort lässt ihn die Vergangenheit nicht fort.

Pawo curt München Kino

Basierend auf der realen Persönlichkeit Jamphel Yeshi, der sich 2012 aus Protest gegen die chinesischen Besatzer selbst anzündete, wirft „Pawo“ einen Blick auf die Zustände in Tibet. Welche Partei Regisseur und Co-Autor Marvin Litwak dabei vertritt, daran lässt er keinen Zweifel. Von Beginn an zeigt er, welche Demütigungen und Anfeindungen die Tibeter zu ertragen haben. So werden sie beispielsweise an der Schule gezwungen, auf Chinesisch zu reden. Ihre eigene Sprache und die eigene Kultur dürfen sie höchstens versteckt in den eigenen vier Wänden noch ausleben.

Mit den historischen Streitigkeiten hält sich „Pawo“ hingegen nicht lange auf. Ein paar eingeblendete Textkästen, das muss reichen. Eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit den Argumenten beider Seiten soll das Drama aber auch nicht sein. Vielmehr ist es das Porträt eines Mannes, der in Reaktion zu den Unterdrückungen Teil eines Unabhängigkeitskampfes wird. Sehr viel mehr als das erfahren wir leider nicht über den Protagonisten. Trotz einer längeren Passage zu Beginn, die ihn als Kind zeigt, bekommt er nicht die Gelegenheit, zu einem Charakter heranzureifen, bevor es ans Eingemachte geht. So sehr man als Zuschauer dann auch empört ist, wie mit Dorjee umgegangen wird, es hat relativ wenig mit ihm als Individuum zu tun.

Diese Distanz führt dazu, dass „Pawo“ zwischendrin doch die eine oder andere Länge entwickelt. Aber es gibt immer wieder Szenen, die das Dranbleiben lohnen. Meist sind es bittere Szenen, gewalttätig bis schockierend, in denen die verzweifelte Lage noch einmal deutlich wird. Aber auch optisch hat die deutsch-indische Co-Produktion eine Menge zu bieten. Die Stadtbilder Indiens sind sehenswert. Vor allem aber die prachtvollen Aufnahmen in gebirgiger Höhe verwöhnen das Auge mit einer Landschaft, die gar nicht vermuten lässt, mit wie viel Schmerz und Blut die beiden Seiten darum kämpfen, wem sie denn nun gehört.

Fazit: Was tun, wenn dein Land seit Jahrzehnten von einem anderen besetzt wird und niemand hilft dir? „Pawo“ erzählt, basierend auf einer wahren Geschichte, wie ein junger Tibeter in den Unabhängigkeitskampf gegen China hineingezogen wird. Der Protagonist wird als Individuum zu wenig deutlich, was auch zu Längen führt. Insgesamt überwiegen aber die starken Szenen, gerade auch unter Mithilfe der tollen Bilder.

Wertung: 7 von 10


Regie: Marvin Litwak, Sonam Tseten; Darsteller: Shavo Dorjee; Kinostart: 19. April 2018