Im Kino: Lady Bird

Irgendwie ist das alles hier zu eng für Christine McPherson (Saoirse Ronan), die sich selbst den Namen Lady Bird gegeben hat. In ihrer konservativen katholischen High-School gibt es zu viele unsinnigen Regeln, bei ihrer verständnislosen Mutter Marion (Laurie Metcalf) ohnehin. Und überhaupt, warum sollte sie weiterhin in der provinziellen Kleinstadt leben müssen? Zusammen mit ihrer besten Freundin Julie (Beanie Feldstein) träumt sie daher von einem größeren, aufregenderen Leben. Ein erster Schritt könnte dafür das Schul-Musical sein, für das sie sich bewirbt und wo sie auch mit dem netten Danny (Lucas Hedges) zusammen sein kann. Aber auch hier klappt das nicht alles so, wie von ihr gedacht …

Nah am Leben ist es, was uns Greta Gerwig da in ihrem Regie-Solodebüt erzählt. Gleichzeitig verschroben, sehr beiläufig und doch hoch konzentriert. Eine selbstsuchende Jugendliche, die gegen ihre Eltern und das Leben rebelliert, dabei aber selbst nicht sagen kann, was sie wirklich will – das kommt in den besten Familien vor. Und in den nicht ganz so guten Familien auch. Eine solche sind die McPhersons dann auch. Man arbeitet fleißig, will etwas für die Gesellschaft machen, scheitert aber doch oft am grauen Alltag. An Rechnungen, die bezahlt werden müssen. „Lady Bird“ erzählt eben nicht nur von Teenagerträumen, sondern auch von einer Mittelschicht, für die es keinen Platz mehr gibt.

Mit derlei finanziellen Problemen hat Gerwig selbst sicher kaum zu kämpfen. Und doch ist es erstaunlich, mit welcher Sicherheit und welchem Gespür für Details sie in diese Welt eintaucht. Wie sie autobiografische Elemente mit fiktionalen verbindet, um daraus eine glaubwürdige Lebensgeschichte zu basteln. Vieles davon wird einem bekannt vorkommen, sei es aus dem eigenen Leben oder zumindest aus Filmen. Der Kauf des Kleids für den Abschlussball, die Streitereien mit der Familie, die erste Liebe. Und doch ist „Lady Bird“ eben nicht banal, sondern auf eine charmante Weise wahrhaftig, verzaubert, erheitert und bricht zwischendrin auch mal das Herz. So wie es das Leben manchmal tut.

Dass die Künstlerin auf ein immens talentiertes Ensemble zurückgreifen kann, veredelt das Drehbuch natürlich noch einmal deutlich. Die erst 23-jährige Saoirse Ronan konnte für ihre Darstellung der verunsicherten, rebellischen Tochter ihre mittlerweile dritte Oscar-Nominierung abstauben. Auch die aus „Roseanne“ bekannte Filmmutter Laurie Metcalf durfte sich zeitweise auf einen Goldjungen Hoffnung machen. Daraus wurde am Ende zwar nichts. Ihre Leistung als Mutter, die verzweifelt versucht, die Fäden ihres Lebens zusammenzuhalten, ist aber trotz der Niederlage eine triumphale Liebeserklärung an all die Eltern da draußen, die sich mit dem Alltag herumplagen, mit undankbaren Kindern, immer versuchen, es einmal besser zu machen, besser zu haben.

Natürlich muss man diese Art skurriler Alltagsgeschichten mögen, sich emotional in den Wirren dieses Alters wiederfinden können. Vielleicht auch ein kleines bisschen nostalgisch veranlagt sein – der Film spielt passend zu Gerwigs Erfahrungen 2002, als es noch keine sozialen Netzwerke gab. Wer das tut, der wird sich schnell in die präzisen Beobachtungen und die stimmungsvollen Aufnahmen verlieben. Und in eine junge Protagonistin mit so vielen Ecken und Kanten, wie man sie in Jugendfilmen nur selten zu Gesicht bekommt.

Fazit: Die Geschichte einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung ist trotz des nostalgischen Settings absolut zeitlos, zeigt ebenso authentisch wie eigenwillig die Schwierigkeiten, sich als Jugendliche in dieser Welt zurechtzufinden. Neben den gewohnt pointierten Dialogen und präzisen Alltagsbeobachtungen begeistert vor allem das hochkarätige Ensemble, das einige der herausragendsten Jungdarsteller unserer Zeit vereint.

Wertung: 9 von 10

Regie: Greta Gerwig; Darsteller: Saoirse Ronan, Laurie Metcalf, Tracy Letts, Beanie Feldstein, Lucas Hedges, Timothée Chalamet; Kinostart: 19. April 2018