Im Kino: Frau Stern

Körperlich fehlt Frau Stern (Ahuva Sommerfeld) eigentlich nichts. Für eine 90-Jährige ist sie sogar in beeindruckend guter Form. Gut, sie hustet ein bisschen viel. Aber wer so viel geraucht hat wie sie, der darf das. Und wer so viel erlebt hat sowieso. Nun mag sie aber nicht mehr, genug ist genug, sie ist bereit zum Sterben. Leider tut ihr Körper ihr diesen Gefallen aber nicht, weshalb sie immer wieder versucht, ihm da ein wenig nachzuhelfen – und immer wieder daran scheitert. Immerhin, dabei lernt sie den Freundeskreis ihrer Enkelin Elli (Kara Schröder) kennen, was ihr tatsächlich ein bisschen von der alten Lebensfreude wiedergibt.

Wenn Menschen sich das Leben nehmen wollen, dann ist das meistens eine sehr traurige Angelegenheit. Und doch gibt es immer wieder Filme, die darin eine Komik entdecken, umso mehr, wenn das mit dem Selbstmord nicht so klappt wie gedacht. „Buddy Buddy“ mit Jack Lemmon und Walter Matthau war so ein Film, auch „Arthur & Claire“ (>> Filmkritik) entdeckte in der Tragik Komik. „Frau Stern“ befindet sich da also in bester Gesellschaft, wenn sie in den unmöglichsten Situationen noch von jemandem gerettet wird und niemand ihre Absichten so richtig für voll nimmt. Eine 90-Jährige, die eine Waffe will? Ist doch lächerlich!

Und doch macht sich Regisseur und Drehbuchautor Anatol Schuster nicht über die alte Dame lustig, nicht einmal über die anderen oft etwas kuriosen Gestalten, die sich in ihrem Einzugsgebiet aufhalten. Die haben zwar in den seltensten Fällen einen Namen, auch die Titelheldin wird nur beim Nachnamen genannt. Dafür haben sie Macken und Kanten, wirklich normal läuft hier nichts. Gleichzeitig wirkt „Frau Stern“ auf eine ganz eigene Weise real und authentisch. Das liegt auch daran, dass Schuster seinem Ensemble viel Freiheit zum Improvisieren einräumt. Und auch die körnigen Bilder, die mehr nach zufälliger Spontanaufnahme aussehen als nach Filmdreh, tragen dazu bei, dass man sich hier mitten im Geschehen fühlt.

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https://www.youtube.com/watch?v=x3ux7NqQPA4&t=3s

 

Schön ist das nicht, zumindest wenn man die sonstigen glatten Varianten des Mainstreamkinos als Maßstab nimmt. Auch die Texte sind rau, manchmal umständlich, wenn Figuren nach den richtigen Wörtern suchen. Doch das hat eben auch Charme. Eben weil die Leute hier nicht aus einem Werbespot entstiegen sind, macht es Spaß, ein wenig Zeit mit ihnen zu verbringen, gemeinsam das Leben zu feiern. Denn auch wenn das Szenario morbide ist und es nicht an düsteren Themen mangelt – Frau Stern ist eine Holocaust-Überlebende –, der Film ist auf seine Weise heiter und optimistisch, versöhnlich auch.

Man könnte „Frau Stern“ auch einen Wohlfühlfilm nennen, zumindest gibt es Momente, nach denen man sich besser fühlt, darunter eine wunderbare Fahrradszene. Und doch hat das hier nichts mit dem zu tun, was wir normalerweise mit dem Begriff verbinden würden. Die Tragikomödie ist auch kaum für die Massen geeignet, dafür ist die Mischung aus Kuriosem und Sozialdrama-Anleihen dann doch zu gewöhnungsbedürftig. Wer sich aber auf diese Art Film einlassen kann, der wird belohnt, unter anderem mit einem umwerfenden Auftritt von Ahuva Sommerfeld, die hierfür erst als Schauspielerin entdeckt wurde, aber kurz nach der Premiere bereits.

Fazit: Eine 90-Jährige will sterben – muss man daraus einen Film machen? „Frau Stern“ ist aber mehr als das. Die Tragikomödie kombiniert schwarzen Humor mit Wohlfühlelementen und einer betont rauen Aufmachung zu einem ungewöhnlichen Charakterporträt, das viel zu erzählen hat, das aber bestenfalls nebenbei tut.

Wertung: 7 von 10

Regie: Anatol Schuster; Darsteller: Ahuva Sommerfeld, Kara Schröder, Murat Seven, Robert Schupp; Kinostart: 29. August 2019